Gesundheit : Heilsame Altersbewegung

Wer mobil ist, bleibt länger gesund. Mediziner helfen nun Gebrechlichen auf die Beine.

Rosemarie Stein
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Bewegung im Alter beugt unter anderem Stürzen und Depressionen vor. -Foto: ddp

Bewegung gilt als Lebenselixier, nicht nur für Gesunde, sondern auch für chronisch Kranke. Heute ist das medizinisches Allgemeinwissen. Ein Beispiel sind die mehr als 6000 Herzsportgruppen allein in Deutschland. Noch vor 50 Jahren wurden Infarktpatienten zu mindestens vier bis sechs Wochen strengster Bettruhe verdammt, berichtet der Herzspezialist und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“.

Die Herzinfarktpatienten durften sich in ihren Klinikbetten nicht einmal bewegen – und starben wie die Fliegen. Bis der junge Doktor Lown und sein Lehrer Samuel Levine sie aus dem Bett holen und in den Sessel setzen ließen, zum Entsetzen der Kollegen, die dieses skandalöse Tun mit den Menschenversuchen der Nazis verglichen.

Der Erfolg überzeugte sie jedoch bald, und die todesträchtige Bettruhe wurde aufgegeben. Was Lown aber verwunderte: Im Unterschied zu seinen zahlreichen anderen Forschungsarbeiten – er erfand zum Beispiel die lebensrettende Defibrillation und die Kardioversion gegen Herzrhythmusstörungen – wurde seine und Levines Veröffentlichung über die „Sesselbehandlung“, 1952 im Fachblatt „Jama“ erschienen, so gut wie nie zitiert. Diese gleichfalls lebensrettende Therapie schien wohl zu einfach.

Möglichst einfach und allgemein anwendbar sollte auch ein Bewegungsprogramm für gerade noch gehfähige alte Leute sein, das eine Gruppe Allgemeinmediziner der Uni Marburg ersann und zunächst auf seine Machbarkeit hin erprobte. Über diese Studie berichtete Antje Wöhner auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in Berlin.

Hintergrund der Studie: Gerade im Alter ist Bewegung heilsam für Körper und Geist, und wenn es nur Spaziergänge sind. Die Erfahrung jedoch zeigt: Selbst in jenen teuren Altenheimen, die sich Seniorenresidenzen nennen, hat das Personal oft nicht die Zeit, mit den hinfälligen Bewohnern ein paar Runden zu drehen.

„Hinfällig“ ist auch wörtlich zu nehmen: Viele alte Menschen sind wacklig auf den Beinen, leiden oft unter Schwindel und fürchten, hinzufallen, wenn sie allein losgehen. Ein Sturz kann die morschen Knochen brechen lassen. Vor allem eine Hüftfraktur, genauer: der Bruch des dünnen Oberschenkelhalses, ist auch in der Ära des Gelenkersatzes nicht selten der Anfang vom Ende. Wie einst beim achtzigjährigen Rudolf Virchow. Der weltberühmte Berliner Pathologe brach sich 1902 beim Aussteigen aus der Straßenbahn den Oberschenkelknochen und starb an den Spätfolgen.

Bewegungsmangel mit Folgen wie Muskelschwäche und Knochenschwund, Unsicherheit und Steifheit ist aber der Hauptgrund für Stürze. Die können nicht nur eine persönliche Katastrophe sein, sondern belasten auch unser Gesundheitswesen mit jährlich mehr als 1,8 Milliarden Euro; die vielen anderen Risiken des Bewegungsmangels, von Herz-Kreislauf-Krankheiten bis zu Depressionen einmal beiseitegelassen.

Die Marburger Hochschul-Hausärzte erprobten die folgende Lösung: 32 Bewohner von drei Altersheimen erhielten ein halbes Jahr lang eine „Spazierhilfe“. (20 vergleichbare Bewohner zweier anderer Heime waren die Kontrollgruppe). Dreimal pro Woche gingen sie mindestens 45 Minuten lang spazieren, und zwar in Begleitung kurz instruierter Laienhelfer. Wie die „Grünen Damen“ als hilfreiche Besucherinnen im Krankenhaus, wurden auch die „Spazierhelfer“ sehr gern akzeptiert. 90 Prozent der Teilnehmer wünschten sich eine Fortsetzung des Programms, zwei der drei Heime fügten es gleich fest in ihren Plan ein.

Die regelmäßigen Spaziergänge wirkten sich nicht nur positiv auf Muskulatur, Atmung und Kreislauf aus, sie minderten auch die Depressivität der Heimbewohner. Keiner der alten Versuchspersonen, von den Studienärzten liebevoll „Go Slows“ genannt, stürzte beim Spazierengehen. Erst die Hauptstudie mit einer größeren Zahl von (auch zu Hause lebenden) Teilnehmern wird zeigen, in welchem Maße die regelmäßige Bewegung die Mobilität erhöht, die Sturzgefahr verringert und die allgemeine Lebensqualität der „Go Slows“ verbessert, wie es die Machbarkeitsstudie schon andeutete.

Einer der Allgemeinärzte aus dem Auditorium, der Altenheimbewohner versorgt, wünschte sich, dass nach erfolgreichem Abschluss der Hauptstudie diese simple Maßnahme überall eingeführt wird. Was Bewegung bewirken kann.

Lesetipp: Jörg Blech: Bewegung. Die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben verlängert. Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2007. 283 Seiten, gebunden, 17,90 €.

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