Gesundheit : Schaben fürs Volk

Ekel ist hier fehl am Platz: In einem Dahlemer Institut werden Heerscharen von Insekten gezüchtet. Ihr einziger Lebenszweck: Neue Medikamente auf ihre Wirksamkeit zu testen

Ekkehart Eichler

Wer auf die Frage nach seinem Lieblingstier „Kopfläuse“ nennt, hat wahrscheinlich nicht alle Nadeln an der Tanne. Oder er arbeitet im Fachgebiet IV 1.4 des Umweltbundesamtes in Berlin-Dahlem, im Volksmund auch „Schabenbunker“ genannt – eine Bezeichnung, die die Mitarbeiter gar nicht gerne hören. Denn sie führt in die Irre: Zwar gibt es dort tatsächlich jede Menge Schaben verschiedener Stämme und Herkunft, doch sind sie bei Weitem nicht alles, was in dem Gebäude kreucht und fleucht.

Auch wenn es zunächst absurd klingen mag: Das Dahlemer Ungeziefer dient dem Wohle der Volksgesundheit. Denn jeder Hersteller, der ein neues Desinfektions- oder Entwesungsmittel auf den Markt bringen will, muss dieses zuerst im „Schabenbunker“ erfolgreich testen lassen. Bei einer behördlich angeordneten Schädlingsbekämpfung, so heißt es in Paragraph 18 des Infektionsschutzgesetzes, dürfen ausschließlich Mittel und Verfahren eingesetzt werden, die „hinreichend wirksam sind und keine unvertretbaren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben“. Und so können Gesundheitsämter – wenn Kopfläuse einem Kindergarten zu schaffen machen, Kakerlaken eine Kantine unterwandern oder Bettwanzen ein Pflegeheim okkupieren – auf ein amtlich geprüftes und anerkanntes Arsenal zurückgreifen: Kontakt- und Fraßgifte, Klebefallen, Sprays, Lotionen oder Nebelgeräte. Rund 200 Waffen verzeichnet die aktuelle Liste.

Gabriele Schrader ist eine von 20 Zoologen, Veterinärmedizinern, Tierpflegern und Laboranten, die ein Herz für Läuse und Schaben haben. Die Rattenflöhe, Bettwanzen oder Malariamücken ganz und gar nicht abstoßend finden, sondern sich ihnen im Gegenteil mit Hingabe, Sensibilität und Fingerspitzengefühl widmen. Die Biologin leitet die Zucht im Erdgeschoss der Einrichtung. Gekachelte Räume hinter dicken Stahltüren, wo in Käfigen und chromblitzenden Brutschränken Heerscharen harmlos aussehender Tierchen unter standardisierten Bedingungen gehalten werden.

Doch der Schein trügt: In Wahrheit sind es winzige Monster, die zu Abertausenden über uns herfallen, wenn sie nur den Hauch einer Chance dazu haben. Die uns heimtückisch quälen mit ihren Stichen und Bissen. Die unser Blut saugen, bis sie fett und rund sind. Die uns Krankheiten bringen und Seuchen und im schlimmsten Fall sogar den Tod. Bösewichter und Plagegeister wie Taubenzecken, die sich keineswegs wählerisch notfalls auch beim Menschen bedienen, wenn sie kein Vogelblut auftreiben können. Pharao-Ameisen, die sich speziell in Krankenhäusern in Wunden, in Schleimhäuten und unter Verbänden einnisten und an Blut und eiweißreichem Eiter laben. Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen, Aedes-Mücken, die Gelbfieber verbreiten. Der „Schabenbunker“ ist ein Riesenarsenal der schlimmsten Peiniger des Menschen.

In Deutschland gelten Schaben als die wichtigsten Gesundheitsschädlinge, weil sie weit verbreitet sind, häufig vorkommen sowie Schimmelpilzsporen und Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose, Cholera, Ruhr, Hepatitis B und Kinderlähmung übertragen können. Läuse und Bettwanzen wiederum – zwei weitere Dauerbrenner-Schädlinge hierzulande – sind diesbezüglich zwar nicht aktenkundig, aber keineswegs weniger unangenehm. Beide Parasiten ernähren sich von menschlichem Blut und verursachen durch Bisse und Stiche ausgesprochen lästigen Juckreiz. Sie wieder loszuwerden, kann ein durchaus langwieriges Unterfangen sein und erfordert neben dem richtigen Bekämpfungsmittel vor allem Konsequenz in der Behandlung.

Bei Gabriele Schrader werden alle Insekten, Glieder- und Spinnentiere zunächst aufs Feinste gehegt, gepflegt und gepäppelt. Mit frischem Tierblut, Bio- Obst und Bio-Hackfleisch oder speziellen Mastfuttermenüs. Schaben zum Beispiel bekommen eine Mischung aus Hundekuchenmehl, Haferflocken und Bierhefe verabreicht. Die gute Kost macht sie stark für ihren einzigen Lebenszweck – den Tod.

Soll zum Beispiel ein neues Läusemittel getestet werden, braucht Gabriele Schrader zunächst 2000 Todeskandidaten. „Dazu nehmen wir alternativ Kleiderläuse, weil man Kopfläuse nicht so gut züchten kann“, sagt sie. Diese bekommen 18 Tage lang viermal pro Woche frisches Tierblut, bis sie prall geschwollen in ihren Schalen liegen bei einem Wellness- Mikroklima von 32 Grad und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Mit dem Wechsel in den zweiten Stock sind die fetten Tage dann vorbei. Im Reich der Gifte und Insektizide geht es den Quälgeistern an den Kragen; im Falle der Läuse prüft Fachgebietsleiterin und Veterinärmedizinerin Jutta Klasen das neue Mittel auf seine Wirksamkeit. Dazu besetzt sie eine echte Haarsträhne mit 30 Läusen und taucht sie gleichmäßig in das Testmittel. Nach einer exakt definierten Einwirkzeit wäscht sie es anschließend mit Shampoo oder Wasser wieder aus, genau so also, wie man den Kopf waschen würde. „Hat dann auch nur eine Laus die Prozedur überlebt, darf das Mittel nicht verwendet werden“, erklärt sie das sogenannte Tilgungsprinzip: Dieses verlangt den Tod der gesamten Population.

Alle sechs zurzeit zugelassenen Insektizide und Medizinprodukte erfüllen also zuverlässig den Zweck, die Läuse komplett zu vernichten. Keines aber tötet zu hundert Prozent auch die Eier, aus denen nach sieben bis neun Tagen die neuen Larven schlüpfen. „Deshalb ist eine Nachbehandlung stets zwingend erforderlich“, beschreibt Jutta Klasen eines der Probleme beim Kampf mit der Laus.

Drei bis vier neue Präparate gegen Läuse prüfen sie und ihre Kollegen jedes Jahr, ähnlich sieht es bei Schaben aus. Die aufwändigen Tests können Wochen, mitunter auch Monate dauern. Zum Beispiel bei Bettwanzen, neben Läusen und Schaben der aktuelle Plagegeist Nummer eins. Weltweit massiv auf dem Vormarsch, nicht zuletzt wegen der globalen Reisetätigkeit und des grenzenlosen Handels von Gegenständen über das Internet.

Bettwanzen sitzen in Antiquitäten, Möbeln, Bilderrahmen, Trödel aller Art. Ihre Eier stecken in Bettgestellen, Matratzen, Obstkisten, Büchern, ja sogar in CD- Hüllen. Sie befallen Jugendherbergen und Studentenwohnheime, machen aber auch vor renommierten Hotels keineswegs halt. Und haben sie ein Quartier erst einmal besetzt, nimmt eine erfolgreiche Entwesung mittels Hitzebehandlung oder Kontaktgift vier bis sechs Wochen in Anspruch. Eine schnelle und professionelle Hilfe muss dazu auf wirksame Waffen zurückgreifen können, „doch von den letzten beiden Mitteln, die wir getestet haben, ist eines leider durchgefallen“, bilanziert Jutta Klasen nüchtern. Alltag in ihrem Geschäft: Im ewigen Kampf gegen die Bösewichter dieser Welt gewinnt nicht immer der Mensch. Aber er arbeitet ständig daran.

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