Gesundheit : Wenn der Rücken schmerzt

Körperliches Wohlbefinden hängt stark von einem stabilen Rücken ab. Doch gerade daran hapert es oft. Jetzt entwickeln Mediziner neue Konzepte, um der schmerzhaften Volkskrankheit vorzubeugen

Adelheid Müller-Lissner

Wenn Menschen Muskelkraft beweisen wollen, heben sie meist den Unterarm an und zeigen stolz ihren Bizeps. Mit den Rückenmuskeln sind solche eindrucksvollen Vorführungen nicht so leicht möglich. Dabei sind die Muskeln, die uns das Kreuz stärken, für Gesundheit und Wohlbefinden des ganzen Menschen von kaum zu überschätzender Bedeutung, allein schon wegen ihrer Vielfalt. „Die fünf Muskelschichten, die wir im Rücken haben, sind so kompliziert aufgebaut, dass angehende Mediziner sie im Studium nicht auswendig zu lernen brauchen“, sagt Ulf Marnitz, Orthopäde im Rückenzentrum am Kreuzberger Markgrafenpark.

Wenn der Rücken weh tut, ist meist der ganze Mensch außer Gefecht gesetzt. Und auch das Gesundheitssystem leidet: Jeder vierte Fehltag geht auf das Konto von Beschwerden im Nacken oder der Lendenwirbelsäule. Fast 50 Milliarden Euro volkswirtschaftlicher Schaden entsteht dadurch jedes Jahr. Rückenbeschwerden sind der größte Kostenfaktor in der Reha-Medizin. Mit einem vielseitigen Behandlungskonzept will das Rückenzentrum solche Entwicklungen selbst bei Patienten mit chronischem Leiden verhindern. Das vierwöchige Programm, für das inzwischen rund 200 Krankenkassen Verträge mit dem Rückenzentrum abgeschlossen haben, umfasst täglich sechs Stunden Therapie.

Der Stundenplan hält die Teilnehmer auf Trab. Schonung, Bettruhe, Korsetts und Bandagen haben in der modernen Therapie von Rückenleiden ihre Stellung längst verloren. Verfahren, bei denen der Patient passiv bleibt, werden kontrovers diskutiert, wie kürzlich der Göttinger Anästhesie-Professor Jan Hildebrandt, Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, vor der Bundesärztekammer in Berlin darlegte. Hildebrandt sprach von einem „Paradigmenwechsel“ in der Behandlung von Rückenschmerzen. Inzwischen ist unbestritten, dass frühzeitige Aktivität und körperliche Belastung eine entscheidende Rolle spielen. Im Sport-Gesundheitspark in Wilmersdorf werden diese Erkenntnisse schon länger umgesetzt. Dort wird eine viermonatige Rückentherapie angeboten. Zahlreiche Berliner, die nicht unter Schmerzen leiden, sondern diesen vorbeugen wollen, kommen hierher. So fordert zum Beispiel ein relativ neues Programm namens SenTis die Muskulatur von Rücken, Bauch und Gesäß, während die Teilnehmer nur scheinbar lässig mit der Wade in einer Schlaufe hängen.

Stimmt es nun, dass ein starker Rücken keinen Schmerz kennt? Experten sind sich einig, dass es wichtig ist, die Kraft der Rumpfmuskulatur zu verbessern. Eine Garantie für ein schmerzfreies Leben ist das jedoch nicht. Ein Trugschluss wäre es auch, allein aufs Krafttraining zu setzen. „Daneben zählt die adäquate Bewegungssteuerung, dafür müssen wir das Nerv-Muskel-System trainieren“, sagt Andreas Heißel vom Sport-Gesundheitspark. Mit SenTis sollen vor allem die kleinen, gelenknahen Muskeln gekräftigt werden. Eine Teilnehmerin sagt nach einem Jahr Training, dass sie den Erfolg ganz deutlich spüre. „Ich fühle mich jünger, weil ich von innen fester bin.“

Ein Gefühl, das viele Sportbegeisterte kennen dürften. Aber welchen Sport dürfen Menschen, die es schon einmal „am Rücken“ hatten, überhaupt noch ausüben? In den ersten Wochen nach einer Bandscheibenoperation ist natürlich besondere Vorsicht angesagt. „Aber danach ist keine Sportart per se ausgeschlossen, man muss sich nur entsprechend vorbereiten“, sagt Heißel. Wenn ein Rückenleidender beruflich viel sitzen muss, sei eine „aufrechte“ Sportart wie Jogging besonders günstig. Auch sollte er sich oft aufs Fahrrad setzen, statt das Auto zu nehmen, denn Bewegung ist das A und O.

0 Kommentare

Neuester Kommentar