Gesundheit : Gesundheit: Woran das Gesundheitswesen leidet

Rosemarie Stein

Alle reden von "Gesundheitsreform" - wir nicht. Erstens, weil es sich auch diesmal wieder um nichts als eine Finanzierungsmodifikation handeln dürfte; und zweitens, weil wir ja ein Gesundheitswesen gar nicht haben. Ohne Etikettenschwindel müsste es "Krankheitswesen" heißen. Ein paar harte Daten zeigen das sehr deutlich: 345 Milliarden Mark verzeichnet der - 1998 erschienene - erste deutsche Gesundheitsbericht als "Gesundheitsausgaben" eines Jahres.

Davon dienten aber nur 16 Milliarden (das sind weniger als fünf Prozent) der Prävention einschließlich der Krankheitsfrüherkennung. Auch die Mittel für den gesamten Öffentlichen Gesundheitsdienst sind darin enthalten. Und von diesen 16 Milliarden Mark werden nur viereinhalb für Gesundheitsförderung im eigentlichen Sinne ausgegeben, wozu beispielsweise Mutterschaftsvorsorge, Schulgesundheitspflege oder die präventive soziale Tätigkeit der "streetworker" gehören.

Diese Angaben finden sich in einem Buch, in dem es um die Frage geht, wie sich die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig entwickeln ließe. Die beiden Gesundheitswissenschaftler Alf Trojan (Universität Hamburg) und Reiner Legewie (Technische Universität Berlin) wissen sehr wohl, wie schwierig das ist. Dennoch sind sie überzeugt davon, dass die vorhandenen Möglichkeiten weit besser genutzt werden könnten, die Situation zu ändern. Die heutigen gesundheitsfördernden Aktivitäten sind nach ihren Beobachtungen ein unverbundenes Nebeneinander von Konzepten, Forschungsergebnissen und Programmen zur praktischen Realisierung.

Diese Zersplitterung sehen sie in Politik, Wissenschaft und Praxis. Nicht einmal klare Ziele und daraus abgeleitete politische Prioritäten können sie erkennen. Dies gilt allerdings, wie hier angemerkt werden muss, für die gesamte Gesundheitspolitik, also auch für jenen Löwenanteil, den man korrekt "Krankheitspolitik" nennen müsste.

Die Autoren untersuchen die Gründe, aus denen man sich mit der Gesundheitsförderung so schwer tut. Als ressortübergreifende Aufgabe kann man sie nicht einfach an die Medizin oder die Gesundheitspolitik delegieren. Keiner käme zum Beispiel auf die Idee, Maßnahmen zur Unfallverhütung wie Verkehrsberuhigung oder Gurtpflicht dem Gesundheitsministerium zuzuordnen. Die Kooperation verschiedener Ressorts ist aber nur schwer zu erreichen. Von "gesundheitsfördernder Gesamtpolitik" spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dazu gehört etwa, die gesundheitlichen Folgen politischer Entscheidung zu bedenken wie es für die Umweltfolgen bereits geschieht.

Notwendig ist auch die Beteiligung der Bürger. Trojan und Legewie verweisen auf positive Ansätze wie Selbsthilfebewegungen und Bürgerinitiativen. Dennoch sehen sie illusionslos, dass der Bürger, der sich um gesunde Lebensverhältnisse für alle kümmert und durch sein Verhalten die eigene Gesundheit fördert, eine Ausnahme ist.

Die Autoren beklagen auch Forschungsdefizite, so gebe es kaum Modellvorhaben der Gesundheitsförderung. Wissenschaftlich ist Krankheit relativ leicht dingfest zu machen, Gesundheit aber nicht. Wie die Katze angeblich immer auf ihre vier Beine fällt, kommen die meisten "Public-Health"-Leute - die Gesundheitswissenschaftler - immer wieder auf die Krankheit zurück, natürlich um sie zu verhüten.

Gesundheitsförderung als Stärkung jener Faktoren, die körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden positiv beeinflussen, schließt die Maßnahmen krankheitsorientierter Prävention ein, hat aber eine andere Zielrichtung. Präventionsforschung interessiert sich für die Entstehung von Krankheiten durch einzelne oder auch ein Bündel von Ursachen. Mit der Entstehung von Gesundheit hingegen beschäftigt sich ein noch unterentwickelter Forschungszweig, der die Gesundheitsressourcen, die Schutzfaktoren und die Möglichkeiten ihrer nachhaltigen Stärkung untersucht.

Für alle, die beruflich mit Gesundheit zu tun haben, ist dies ein grundlegendes Werk, das Leitkonzepte, Theorie und Forschung zur Gesundheitsförderung, Eingriffsbereiche und Zielgruppen, politische Strategien und Strukturen gründlich untersucht und an den Schluss Vorschläge und Handlungsempfehlungen stellt.

Einen wichtigen Hinweis aber gibt gleich im Vorwort Ilona Kickbusch, die lange Jahre bei der WHO die Konzepte der Gesundheitsförderung prägte: "Vielleicht wird es wichtiger, Menschen sozial einzubinden, als sie zu individuellen Verhaltensänderungen zu bewegen."

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