Gesundheit : Gesundheitsförderung im Schatten der Medizin

Das verkannte Fach: Zehn Jahre Zentrum Public Health in Berlin

Rosemarie Stein

Immer öfter bekommen jetzt schon Kinder jene Form der Zuckerkrankheit, die durch Überernährung entsteht: Eine von vielen ähnlichen Zeitungsmeldungen über die Zunahme vermeidbarer Krankheiten, die erschreckend deutlich machen, wie sehr es an einer wirksamen Gesundheitsförderung fehlt. Das sagte Gisela Klann-Delius, Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, bei der Zehn-Jahresfeier des „Berliner Zentrums Public Health“. Unter dem Dach dieses Zentrums arbeiten die Berliner Universitäten und diverse Forschungsinstitute zusammen.

Auch andere Gesundheitsthemen als die Zuckerkrankheit sind ständig in der Diskussion, zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und schlechtem Gesundheitszustand, die Häufung bestimmter Krankheiten in bestimmten Regionen, das schiefe Verhältnis von Aufwand und Nutzen in unserem Gesundheitswesen, die Kurzatmigkeit gesundheitspolitischer Maßnahmen ohne wissenschaftliches Fundament. Alles Aufgaben für das „Fach aus vielen Fächern“, das seit einem Jahrhundert international „Public Health“ heißt – also kein neuer Auswuchs der grassierenden Anglomanie – und in Deutschland auch als „Gesundheitswissenschaften“ umschrieben wird.

„Public Health ist ständig präsent, aber niemand weiß, was das ist", bemerkte Ulrike Maschewsky-Schneider, Sprecherin des Zentrums. Also müssen wir noch einmal die klassische Definition der Weltgesundheitsorganisation zitieren: „Public Health ist die Wissenschaft und Praxis der Krankheitsvergütung, Lebensverlängerung und der Förderung psychischen und physischen Wohlbefindens durch bevölkerungsbezogene Maßnahmen.“ Während die Medizin sich auf die Krankheit des einzelnen konzentriert, nimmt Public Health sich der Gesundheit der Bevölkerung an.

Hygiene im Zentrum

An die Ursprünge erinnerte Georges Fülgraff, von 1992 bis 1998 Sprecher des Zentrums, heute dessen Ehrenvorsitzender: Im 19. Jahrhundert ging es vor allem um die Verhütung von Infektionskrankheiten durch persönliche und Umwelt-Hygiene. Im ersten Drittes des 20. Jahrhunderts dann war die Sozialhygiene Leitwissenschaft des Gesundheitswesens. Sie wurde aber 1933 in eine Rassenhygiene umgebogen, die nicht die Krankheiten, sondern die Kranken bekämpfte.

An solche Traditionslinien wollte man in Deutschland nach dem Kriege nicht anknüpfen. So kam, mit reichlicher Verspätung, die alte deutsche Sozialhygiene, erneut als Public Health, aus Amerika zurück, wo es mittlerweile 27 „Schools of Public Health“ (gesundheitswissenschaftliche Fakultäten) gibt.

Fülgraff zitierte eine Feststellung der Weltgesundheitsorganisation im Rückblick auf das 20. Jahrhundert: Von den 30 Jahren verlängerten Lebens in den Industrieländern verdanken wir nur fünf der Medizin, 25 aber der Förderung gesunder Lebensstile und eines gesundheitsgerechten Verhaltens. Dennoch war es mühsam, Public Health in Deutschland zu etablieren, auch in Berlin. Erst die Schwerpunktförderung durch das Forschungsministerium führte zum Ziel: Alle Kräfte zu bündeln, über die Grenzen der Fächer und Institutionen hinweg gemeinsam zu forschen und zugleich die Lehre in Public Health an Hochschulen zu entwickeln.

Eine Berliner Erfolgsgeschichte

Fülgraff wie auch Jost-Herneid von dem Knesebeck, der für den Projektträger Gesundheitsforschung des Forschungsministeriums sprach, nannten die Institutionalisierung von Public Health eine „Erfolgsgeschichte“. Es bildeten sich fünf regionale Forschungsverbünde, aus dem hiesigen entstand das „Berliner Zentrum Public Health“. Zugeordnet sind ihnen postgraduale Studiengänge.

Zum ersten Mal findet der Kongress der Europäischen Public-Health-Gesellschaft in diesem Jahr in Deutschland statt (28.-30. November in Dresden) – Zeichen internationaler Anerkennung. Und doch fiel ein Schatten auf die Jubiläumsfeier. Denn eine weitere staatliche Förderung ist laut von dem Knesebeck ausgeschlossen.

Der Berliner Gesundheits-Staatssekretär Hermann Schulte - Sasse bekannte sich zu einer wissenschaftlich fundierten Gesundheitspolitik, erwartet daher viel von Public Health und nannte einige besonders dringliche Aufgaben: Die Gesundheit der Bevölkerung erforschen; die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und sozialer Lage als „entscheidenden Risikofaktor“ erhellen; Gesundheitsleistungen für alle gewährleisten helfen; gesundheitspolitische Ziele formulieren und Wege dorthin planen; die Mängel an Effektivität im Gesundheitswesen untersuchen; zur Umorientierung der Gesundheitspolitik in Richtung Prävention und Gesundheitsförderung sowie zum Umbau des Berliner Gesundheitswesens beitragen.

Kann Public Health in Berlin das alles schon leisten? Fülgraff meldete Zweifel an: Der Wiederaufbau von Public Health in Deutschland sei so lange nicht abgeschlossen, wie deren Forschungsergebnisse politisch noch kaum eine Rolle spielten.

Mehr im Internet unter:

www.tu-berlin.de/bzph

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