Gesundheit : GEW: Eine Schule für alle

Karl-Heinz Reith

Abschied von der Gesamtschule? Mitnichten, sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ihr neues Schulkonzept "Eine Schule für alle" mutet auf den ersten Blick auch an wie eine Gesamtschule - nur mit anderem Türschild. Dennoch kam die heftig umkämpfte Entscheidung für das neue Leitmodell auf dem GEW-Gewerkschaftstag in Lübeck vielen wie ein "Befreiungsschlag" vor. Ist es wirklich eine Abkehr von der alten durch die 68er-Generation stark geprägten Ideologie ihrer West-Mitglieder?

Die Neuorientierung kommt nicht von ungefähr: Die Gesamtschule hat sich im Westen nicht als die alleinige Schulform durchgesetzt, wie die GEW dies seit drei Jahrzehnten fordert. Im Osten ist sie kaum bekannt, wird nüchtern in dem neuen Schulkonzept der GEW bilanziert. Viele GEW-Lehrer in den neuen Bundesländern können mit dem alten Motto ihrer Westkollegen "Gesamtschule ist besser" nicht viel anfangen. Von den bundesweit 825 Gesamtschulen konzentrieren sich 550 auf die drei Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Berlin. In Sachsen gibt es keine, in Sachsen-Anhalt drei, in Thüringen fünf, aber auch in Bayern und Baden-Württemberg nur jeweils drei Gesamtschulen.

Der Strategiewechsel fiel der GEW nicht leicht. Über zwei Jahre war zuvor intern heftig um das neue Konzept gerungen worden. Die fast fünfstündige Debatte in Lübeck mit über hundert Wortmeldungen und die knappe Abstimmung (213:144 Stimmen) spiegelt das wider.

Was ist aber an dem Konzept "Eine Schule für alle" eigentlich anders als bei der Gesamtschule? Auch das neue Leitmodell setzt auf das möglichst lange gemeinsame Lernen aller Schüler, also nicht auf die frühe Aufteilung der Schüler auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. "Eine Schule für alle" soll auch Behinderte, Ausländerkinder, Lernschwächere und besonders Begabte durch gezielte Hilfen individuell fördern.

Anders als bisher will die GEW aber bei ihrer neuen Schulvision nicht mehr alle Schulen zunächst in Gesamtschulen umwandeln. Vielmehr soll jede einzelne Schule aus sich heraus den pädagogischen Reformweg gehen. Denkbar ist nach dem Konzept eine längere Grundschulzeit, statt vier etwa sechs Jahre - wie heute schon in Berlin und Brandenburg - oder auch gar acht Jahre. Zehn Jahre lang soll jeder Jugendliche mindestens zur Schule gehen. Das Sitzenbleiben soll künftig durch jahrgangsübergreifende Lerngruppen abgeschafft werden. Für leistungsstarke Schüler ist nach dem GEW-Konzept auch ein schnelleres Abitur nach zwölf Jahren denkbar.

Der Konflikt hatte viele GEW-Delegierte mehr beschäftigt als das neue Organisationskonzept ihrer Gewerkschaft.

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