Gesundheit : Gewinn mit Gesundheit

Wie die Berliner Charité trotz Sparauflagen die Zukunft gestalten will

Uwe Schlicht

Das DDR-Design ist unverkennbar. Das Bettenhochhaus der Charité, eines der dominanten Gebäude in Berlin-Mitte, ist nicht schön, aber markant. Weil der 23-geschossige Bau aus dem Jahr 1981 keine Augenweide ist, wollten etliche Charité-Mediziner aus dem Westen ihn abreißen oder mit einer neuen Fassade verglitzern lassen. Doch seit diesem Sommer hat das Haus einen neuen Fan.

> Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Detlev Ganten, sagt gegenüber dem Tagesspiegel: „Alle Analysen zeigen, dass das Bettenhochhaus in Struktur und Substanz ein effizientes Gebäude ist, das auch unter den neuen Bedingungen der Fallpauschalen kostengünstig zu betreiben ist. Es wird von uns nicht mehr in Frage gestellt.” Vielleicht könne ein Teil des Hochhauses als Hotel für die Angehörigen von Patienten genutzt werden.

Wie steht es mit den vier Standorten? Der neue Vorstand, der seit Frühjahr im Amt ist, will nicht nur das Bettenhochhaus erhalten, er kämpft auch für alle vier Standorte der Charité in Mitte, Wedding, Steglitz und Buch. Das war nicht immer so. Besonders der ehemalige Leitende Verwaltungsdirektor der Charité, Bernhard Motzkus, sah für die Hochschulmedizin nur noch eine Chance, wenn die Freie Universität das Klinikum Benjamin Franklin in ein städtisches Krankenhaus umwandeln würde. Eine auswärtige Expertenkommission gab zu bedenken, ob man nicht eher das Klinikum Rudolf Virchow in Wedding aufgeben sollte.

Der Unternehmensberater Roland Berger sieht das eigentliche Problem für die Weiterexistenz der Charité an vier Standorten in den hohen Investitionskosten von 438 Millionen Euro. Detlev Ganten kontert: „Wir sollten nicht in Panik verfallen, wenn die 438 Millionen Euro nicht alsbald zur Verfügung gestellt werden. Wir haben in der Vergangenheit zu oft in Luxuskategorien gedacht.”

Auch ohne sofortige Sanierung bleiben finanzielle Sorgen: Die Hochschulmedizin in Berlin muss 98 Millionen Euro beim Landeszuschuss für Forschung und Lehre bis zum Jahr 2010 einsparen und ein Defizit von 14 Millionen Euro ausgleichen. Ganten: „Das ist schmerzlich, aber machbar auch bei Erhaltung der vier Standorte in Mitte, Wedding, Steglitz und Berlin-Buch. Aber die Charité muss dafür von den Politikern und den Krankenkassen Gestaltungsspielraum erhalten.”

Die Krankenkassen haben gerade erst von der Charité einen radikalen Abbau von 3193 auf 1850 Betten verlangt. Und sie fordern mit Unterstützung des Vereins der Berliner Kaufleute und Industriellen eine Konzentration der Charité auf besonders schwere Krankheitsfälle, die in anderen Krankenhäusern in Berlin nicht behandelt werden können. Beide Forderungen weist Detlev Ganten zurück. Die Charité möchte zur Zeit lediglich eine Reduzierung auf 2815 Betten akzeptieren.

Wie die Zukunft gestaltet werden soll, will der neue Vorstand nach einer Klausurtagung am 27. August den Beschäftigten mitteilen. Kern der Vision ist der internationale Gesundheitsmarkt mit seinen riesigen Chancen. In Deutschland habe dieser Gesundheitsmarkt ein Volumen von 300 Milliarden Euro. Auf Berlin entfielen davon 34 Milliarden Euro. Um diesen Wirtschaftsfaktor effizient nutzen zu können, biete Berlin einmalige Chancen. Denn in der deutschen Hauptstadt haben neben der Charité wichtige Firmen wie Siemens, Schering und die Berlin Chemie ihren Standort. Außerdem gibt es als Kooperationspartner noch die Berliner Forschungsinstitute, sei es auf dem Campus in Adlershof oder auf dem Campus Buch rund um das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin.

„Politik und Wirtschaft müssen der Universitätsmedizin Freiräume für die Entwicklung schaffen“, sagt Ganten. Das bedeutet, dass die Charité beim Verkauf ihrer Grundstücke und Gebäude von den Politikern keine Steine in den Weg gelegt bekommt und vor allem einen Großteil der Erlöse selbst nutzen kann – zum Beispiel für Investitionen in neue Geräte oder zur Gegenfinanzierung der Bundesgelder im Hochschulbau.

Die Charité möchte sich auch im Elitewettbewerb mit einem Forschungsschwerpunkt „Lebenswissenschaften“ einbringen. Gemeinsam mit der Humboldt-Universität und der Freien Universität will sich die Charité um den Elitestatus bewerben. Ganten hat kein Verständnis dafür, wenn sich Berlin an diesem Elitewettbewerb nur in Teilbereichen beteiligen würde, weil die Landesparteitage von SPD und PDS aus ideologischen Gründen Anstoß an dem Elitebegriff für eine ganze Universität nehmen.

Was bringt die neue Kostenrechnung? Von 2008 an sollen für bestimmte Krankheiten gleiche Preise an allen deutschen Krankenhäusern gelten – egal ob es sich um Bezirkskrankenhäuser oder Universitätsklinika handelt. Dann ist es vorbei mit besonders hohen Tageskosten an den Universitätsklinika. Die Umstellung auf die neuen Fallpauschalen wird nach Schätzung des Wissenschaftrats im Verlauf der Jahre zu Einkommenseinbußen von einer Milliarde Euro in der deutschen Hochschulmedizin führen. Die Charité schätzt ihr Einkommensrisiko auf 90 Millionen Euro.

Das ist eine organisatorische Herausforderung. Nicht mehr die Länge der Verweildauer eines Patienten und die Zahl der Krankenhausbetten sind dann entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg eines Krankenhauses. Es gilt vielmehr, eine hohe Zahl von Patienten in möglichst kurzer Zeit durch die Stationen zu schleusen. Aufnahme, Diagnose, Operation, Therapie und Nachbehandlung müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass kein Leerlauf entsteht.

Aus diesem Grund wird sich die Charité in Behandlungszentren neu aufstellen und Doppelangebote abbauen. Bestimmte Krankheiten werden künftig vorwiegend an nur einem Standort behandelt. Herz-Kreislauf (entzündliche Herzkrankheiten), Gefäßerkrankungen, Stoffwechsel und Schmerzzentrum werden dem Campus Benjamin Franklin in Steglitz zugeordnet. Die Charité in Mitte und in Wedding wird einen Schwerpunkt für Herzinsuffizienz haben. In Mitte sollen die Kopfklinik, die Immunpathologie, die Behandlung von Infektionskrankheiten und die rheumatischen Erkrankungen konzentriert werden. Für Buch ist die Onkologie (Krebsheilkunde) vorgesehen, für den Campus Rudolf Virchow in Wedding ein Zentrum für Mutter und Kind und ein Transplantationszentrum.

Die Verteilung auf vier Standorte in Mitte, Nord und Süd erweist sich für die Charité unter den neuen Bedingungen als ausgesprochen günstig, um Patienten aus einem großen Einzugsbereich zu gewinnen. Auch die Polikliniken bekommen eine neue Bedeutung, weisen ihnen doch die niedergelassenen Ärzte Patienten zu, die sie selbst nicht mehr behandeln können. Mit den niedergelassenen Ärzten strebt die Charité eine völlig neue Kooperation an. Sie sollen künftig auf dem Charité-Gelände selbst in Belegbereichen Räume und Operationssäle mit nutzen können. Ganten: „Das Sanierungs- und Umstrukturierungskonzept kann nur gelingen, wenn die Fallzahl an der Charité erhalten bleibt oder steigt.”

Die Charité organisiert sich auch in der Forschung neu. Der Wissenschaftsrat hat in seinen jüngsten Empfehlungen die deutschen Universitätsklinika davor gewarnt, einen Bauchladen von bis zu 15 Forschungsschwerpunkten vor sich her zu tragen. Kein Universitätsklinikum solle mehr als vier bis sechs Forschungsschwerpunkte aufweisen. Die Charité wird am 27. August sechs Forschungsschwerpunkte benennen, die alle den erhöhten Qualitätsanforderungen des Wissenschaftrats genügen werden: Die Schwerpunkte sind durch sechs Sonderforschungsbereiche, sieben Wissenschaftlergruppen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und sieben Graduiertenkollegs unterlegt.

Wo steht die Charité?

Seit dem Juni 2003 ist die Charité der Humboldt-Universität mit dem Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität fusioniert. In Berlin ist die Charité nach der deutschen Bahn mit einem Haushalt von 1,2 Milliarden Euro und 15 000 Mitarbeitern der zweitgrößte Arbeitgeber. In Europa ist sie das größte Universitätsklinikum. Unter den deutschen medizinischen Fakultäten nimmt die Charité einen Spitzenplatz ein. Das zeigt die Summe von 100 Millionen Euro an jährlich eingeworbenen Drittmitteln.

Da die Europäische Union das Ziel ausgerufen hat, bis zum Jahr 2010 die Ausgaben für Bildung, Wissenschaft und Innovation auf drei Prozent des Bruttosozialprodukts zu steigern, wird es in den nächsten Jahren voraussichtlich genügend Geld geben, das man auf dem Drittmittelmarkt einwerben kann. Innerhalb der Charité wird es als durchaus realistisch betrachtet, die Forschungseinnahmen von jetzt 100 Millionen Euro auf 150 Millionen Euro pro Jahr zu steigern. U.S.

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