Gesundheit : Gewitter im Gehirn

Ein plötzlicher Krampfanfall kann gespenstisch wirken – vor allem, weil viele nicht wissen, was dabei passiert. Zehn Fragen und Antworten zur Epilepsie

Bas Kast

WAS IST EPILEPSIE?

Epileptische Anfälle sind verbreiteter als man denkt. Viele Menschen erleiden mindestens einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Prinzipiell gilt: Jedes Gehirn kann krampfen. Jugendlichen passiert es nicht selten nach einer durchzechten Nacht. Überhaupt gehört Alkohol zu den häufigsten Auslösern eines Anfalls. Ein Anfall ist aber noch keine Epilepsie. Von ihr spricht man, wenn sich die Anfälle häufen und ohne erkennbaren Auslöser wie Alkohol oder auch Schlafentzug oder Disco-Flackerlicht auftreten.

ANFALL – WAS HEISST DAS GENAU?

Epileptische Anfälle tauchen in verschiedenen Formen auf. Eine Unterscheidung liegt darin, ob nur ein eng umgrenzter Bereich des Gehirns („fokaler“ Anfall) oder das gesamte Gehirn („generalisierter“ Anfall) betroffen ist. Je nach Hirnregion sind bei den eher kleineren, fokalen Anfällen diverse Symptome möglich: Der Betroffene fängt zum Beispiel an, unkontrolliert zu schmatzen, hat Hör-, Seh-, Geschmacks- oder Sprachstörungen. Manche sehen Lichtblitze, bei anderen kann es zum Taubheitsgefühl in einzelnen Körperregionen kommen, zu einem Kribbeln oder zu Zuckungen. Die größeren, generalisierten Anfälle können zur völligen Verkrampfung des Körpers und Bewusstlosigkeit führen. Eine weniger dramatische Form der Bewusstseinsstörung sind die „Absencen“: kurze Aussetzer, in denen der Patient ins Leere starrt und nicht ganz „da“ ist. Meist dauert ein epileptischer Anfall keine zwei Minuten.

WIE VIELE MENSCHEN SIND BETROFFEN?

In Deutschland 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung, also so um die 600 000 Menschen. In Europa und den USA sind insgesamt vier Millionen Menschen an Epilepsie erkrankt. Weltweit kommen Schätzungen auf etwa 50 Millionen Menschen.

LIEGT ES AN DEN GENEN?

Teilweise. Wobei nur in seltenen Fällen eine einzelne Genmutation zu einer Epilepsie führt, meist sind zahlreiche Gene oder ganze Chromosomen betroffen. Andere Ursachen sind Entwicklungsstörungen wie Sauerstoffmangel bei der Geburt, Kopfverletzungen und Tumoren.

WAS PASSIERT DABEI IM GEHIRN?

Vereinfacht gesagt: Zu einem epileptischen Anfall kommt es, wenn die Balance zwischen erregenden und hemmenden Kräften im Gehirn außer Kontrolle gerät. Das Gehirn besteht aus mindestens 100 Milliarden Nervenzellen, Neuronen, sowie zehnmal so vielen „Stützzellen“, die man als Gliazellen bezeichnet. Dieses extrem komplexe Geflecht ist ununterbrochen chemisch und elektrisch aktiv. Manche Botenstoffe fahren die Aktivität der Neuronen hoch, während andere sie herunterregeln. Bei der Epilepsie kommt es zu einer Art Sturm im Gehirn: Das fein austarierte Auf und Ab der Aktivität verschiedener Neuronen-Netzwerke weicht einer massiven Entladung zahlreicher Neuronen gleichzeitig. Als würde eine Gewitterfront durch das Gehirn ziehen.

WIE FÜHLT SICH DER PATIENT DABEI?

Nach einem generalisierten Anfall kann er sich müde, ja regelrecht erschöpft fühlen. Ein epileptischer Anfall ist für einen Patienten etwas völlig Unkontrollierbares, als würde eine fremde, eiserne Hand das Hirn ergreifen. Bei einigen Menschen kündigt eine „Aura“ den Anfall an – etwa in Form eines plötzlichen Stimmungsumschwungs, eines Kribbelns, einer Sinnestäuschung. In diesem Fall kann man sich auf den Anfall vorbereiten, sich unter Umständen an einem sicheren, geschützten Platz hinlegen. Bei anderen jedoch kommen die Anfälle aus heiterem Himmel: Sie fallen um und können sich dabei schwer verletzen.

IST EPILEPSIE EINE GEISTESKRANKHEIT?

Nein. Die Epilepsie lässt sich nicht vergleichen mit Schizophrenie oder anderen psychotischen Störungen. Epilepsie-Patienten leiden nicht unter Wahnvorstellungen oder Paranoia. Sie sind, vom Moment des Anfalls abgesehen, geistig vollkommen normal. Bei einigen Epileptikern der Geschichte handelte es sich sogar um Genies. Der bekannteste unter ihnen: Der russische Schriftsteller Dostojewski, der auch über seine Krankheit geschrieben hat, beispielsweise in seinem Buch „Der Idiot“. Andere berühmte Epilepsie-Patienten waren Julius Cäsar und Vincent van Gogh –, der allerdings nicht nur unter Epilepsie litt, sondern wohl auch manisch-depressiv war.

IST SIE HEILBAR?

In manchen Fällen, ja. In den meisten Fällen ist die Epilepsie zumindest behandelbar. So können 70 bis 80 Prozent der Patienten mit Medikamenten ein normales Leben führen. Die Medikamente müssen das Kunststück vollbringen, die Überreizbarkeit des Gehirns zu dämpfen, ohne die normale Hirnaktivität einzuschränken. Manche Mittel wirken auf die Ionenkanäle der Nervenzellen, über die die Entladungen der Zellen ablaufen. Andere greifen in bestimmte Botenstoffsysteme ein. Manchmal allerdings kann es Jahre dauern, bis überhaupt die richtige Diagnose gestellt und das richtige Medikament gefunden wurde. Und: Bei 20 bis 30 Prozent der Betroffen schlägt kein Medikament an. Für einen Teil von ihnen kann eine Operation sinnvoll sein, ja sogar zu einer völligen Heilung führen. Ein operativer Eingriff aber kommt nur in Frage, wenn sich im Gehirn ein räumlich begrenzter Auslöser für die Epilepsie finden lässt, wie zum Beispiel ein Tumor, der sich an einer Stelle befindet, an der man operieren kann, ohne dass dabei zentrale Hirnfunktionen gestört werden.

WAS TUN, WENN MAN EINEN

ANFALL BEI JEMANDEM MITERLEBT?

Viele Epilepsiepatienten sagen: Nicht das Leiden selbst ist das Schlimmste, sondern das Stigma. Laien halten Epilepsie nicht selten für unheimlich, gefährlich oder gar ansteckend, was unsinnig ist. Dennoch: Wer ahnungslos durch die Fußgängerzone spaziert und sieht, wie ein Mensch urplötzlich in heftigen Krämpfen zusammenbricht, vielleicht mit schäumendem Speichel an den Lippen, kommt sich verständlicherweise erstmal hilflos vor. In einem solchen Fall sollte man auf keinen Fall versuchen, dem Patienten einen Gegenstand (Stift, Taschentuch) zwischen die Zähne zu schieben, in der guten Absicht, dass dieser sich nicht die Zunge zerbeißt: Dabei kann man sowohl sich selbst als auch den Patienten verletzen. Wichtig ist vielmehr: Den Patienten, wenn es geht, auffangen, stützen, an einen sicheren Ort führen, vielleicht eine Jacke oder einen Pullover unter seinen Kopf legen, damit sich dieser nicht verletzt. Oft sind die Patienten verwirrt, wenn sie zu sich kommen, da kann es hilfreich sein, wenn man noch ein bisschen bei ihm bleibt und erklärt, was passiert ist.

WAS BEDEUTET EPILEPSIE

FÜR DEN ALLTAG DER BETROFFENEN?

Viele verschweigen ihre Krankheit, um den Vorurteilen zu entgehen. Auch so mancher Arbeitgeber scheut sich davor, einen Epilepsie-Patienten einzustellen. In einigen Fällen ist dies zwar gerechtfertigt. Wenn man etwa als Epilepsie-Patient Hubschrauberpilot werden will, ist das mit Hinblick auf mögliche Bewusstseinsaussetzer natürlich problematisch. Die meisten Berufe aber kann ein Epilepsie-Patient grundsätzlich genauso gut ausführen wie jeder andere auch. Ein großes Problem allerdings ist der Führerschein: Hier gibt es genaue, detaillierte Richtlinien, die festlegen, wann man Auto fahren darf und wann nicht (nachzulesen unter: www.epilepsie-netz.de/155/Epilep sie-Ratgeber/Fuehrerschein.htm). Diese Einschränkung führt zu Abhängigkeiten, die für viele Betroffene eine weitere Belastung ist. Die Mischung aus Schwierigkeiten mit der Arbeitssuche, mit den Vorurteilen der Mitmenschen wie auch dem teilweise hilflosen Ausgeliefertsein der Anfälle führt bei manchen Epilepsie-Patienten zu Depressionen, für die sie unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

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