Gesundheit : Globaler Kindermangel

Studie: Unsichere Lebensplanung macht misstrauisch

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„Wer nicht weiß, ob er nächstes Jahr Arbeit hat, schiebt die Familiengründung auf.“ Hans-Peter Blossfeld, Professor für Soziologie an der Universität Bamberg, sieht Verunsicherung als Hauptursache für massiven Geburtenrückgang in Deutschland. Dies sei durchaus kein nationales Phänomen, sagt Blossfeld, der jetzt Ergebnisse der „Globalife“-Studie zu Lebensverläufen im Globalisierungsprozess und Veränderungen im Bildungs-, Beschäftigungs- und Familiensystem moderner Gesellschaften vorstellte.

Verunsicherung in allen Lebensbereichen ist nach den Erkenntnissen der seit 1999 laufenden Studie eine der Hauptfolgen der Globalisierung – in Deutschland wie in Mexiko, in Polen wie in Spanien. Entgegen dem globalen Trend, so haben die über 60 Forscher aus 17 Ländern aber auch festgestellt, behaupten sich aber traditionelle nationale Besonderheiten. Die Forschergruppe, die von der Volkswagenstiftung gefördert wurde, hat Datenmaterial der letzten 30 Jahre untersucht.

Wenn Erwerbsbiografien nicht mehr in gesicherten Bahnen verlaufen, äußere sich das unter anderem in einer fehlenden „Familien- und Kinderfreudigkeit“. Misstrauen schleiche sich in Liebesbeziehungen und auch in geschäftliche Beziehungen ein. Jede Rentenkürzung, jede Entlassung werde als persönliche Enttäuschung wahrgenommen, erklären die Forscher. Ganz entscheidend sei außerdem, dass die Globalisierung vorhandene soziale Ungleichheiten in den Staaten nicht einebne, sondern sie sogar noch verstärke.

Diejenigen, die keine oder nur eine unzureichende Ausbildung haben, könnten an der Verbesserung des Lebensstandards in den wohlhabenderen Ländern bestenfalls zeitweise teilhaben. Langfristig seien sie Verlierer. Das gelte prinzipiell auch für Frauen, für die weniger die Bildung als die Entscheidung zwischen Kind und Karriere zum Knackpunkt werde. „Die Globalisierung wälzt ihre Unsicherheiten auf die Frauen ab“, sagt Hans-Peter Blossfeld. Das sei besonders dann der Fall, wenn sie nach qualifizierten Stellen verlangten. Unproblematisch sei es lediglich, als „Zweitverdienerin“ das Einkommen des männlichen Partners aufzustocken. Als Vorbild nennt Blossfeld die „sozialdemokratischen“ skandinavischen Staaten, in denen Kind und Karriere am besten vereinbar seien.

Die Studie unterscheidet zwischen „sozialdemokratischen“, „konservativen“, „liberalen“, „familienzentrierten“ und „post-sozialistischen“ Systemen beziehungsweise Clustern. Je nach Ausrichtung, so das Ergebnis der Studie, reagieren die Staaten unterschiedlich auf die Folgen der Globalisierung. Vor allem in Deutschland und in Frankreich regiere das „konservative“ System: Wer einmal eine Arbeit gefunden hat, habe gute Aussichten auf dauerhafte Integration. Er zähle zu den „Insidern“, vor allem wenn er gut ausgebildet und männlich sei. Gleiches gelte für die „familienzentrierten“ Länder wie Spanien und Italien. „Insider“ zu werden, sei aber gerade für Junge schwer, in diesen Ländern herrsche hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Werden in den kommenden Jahren noch weniger Kinder in Deutschland geboren als bislang? Nicht unbedingt, glaubt man der Studie. Denn auch wenn ein krisenfester Job in den zum „liberalen“ Cluster gehörenden USA unwahrscheinlicher ist als in Deutschland, liegt dort die Geburtenrate höher. Dort zähle weniger die objektive Sicherheit als die subjektiv gefühlte – und die ergebe sich aus dem Vergleich der eigenen Situation mit der von Vorbildern. „Die Jungen in Europa müssen sich zumindest zeitweise mit prekären Arbeitsverhältnissen anfreunden“, sagt Blossfeld.

Mehr Informationen zu „Globalife“:

www.globalife.de

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