Gesundheit : Globalisierter Geschlechtstrieb

Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld berichtet über seine Weltreise

Adelheid Müller-Lissner

Er war ein Pionier der Sexualwissenschaft. Schon im Jahr 1903 begann der Mediziner Magnus Hirschfeld (1868-1935) mit empirischen Befragungen von Studenten und Arbeitern zur sexuellen Orientierung. 1919 gründete er in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft, das 1933 von den Nationalsozialisten geplündert und geschlossen wurde.

Gut zwei Jahre zuvor war der umtriebige Vertreter der neuen Wissenschaft zu einer „Weltreise“ aufgebrochen. Der gefragte Vortragsredner hatte eine Einladung nach New York zum Anlass genommen, um weitere Stationen in den USA anzusteuern und anschließend nach Hawaii, Japan, China, auf die Philippinen, nach Indien, Syrien, Palästina und Ägypten weiterzureisen. Über die „Weltreise eines Sexualforschers“ berichtete er 1933 schon von der Schweiz aus in einem Buch. Nun ist das fast vergessene Werk in einer der schönen Ausgaben der „Anderen Bibliothek“ bei Eichborn wieder verfügbar.

Hirschfeld reiste mit dem erklärten Ziel, „in umfangreichen Gebieten Asiens und Afrikas über die Sexualsitten der dort wohnenden Völker Ermittlungen anzustellen“. Immer im Dienste der Wissenschaft besucht er also in Japan Bordelle, in denen Kunden wie Prostituierte sich zunächst vor dem Bild des Kaisers verneigen, besieht Phallussteine, vor denen Frauen um die Geburt eines Stammhalters bitten, lässt sich über die Vielehe berichten, besichtigt in China eine Raupenzucht und sieht sich dort mit homosexuellen Seidenwurmmotten konfrontiert. Er denkt über matriarchalisch organisierte Stämme auf Formosa (Taiwan) und deren Pfeife rauchende weibliche Stammeshäuptlinge ebenso nach wie über das in verschiedenen Teilen der Welt übliche männliche Kindbett, die Couvade.

Doch Hirschfeld, der der „zwischen Zynismus und Prüderie schwankenden Geheimniskrämerei“ seiner Zeit mit Aufklärung begegnen wollte, hakt keinesfalls nur Kuriositäten ab. Er schreckt im Einzelfall auch vor deutlicher Kritik nicht zurück. Die japanischen Frauen müssten vom „wunderhübschen Spielzeug der Männer“ zu gleichberechtigten Persönlichkeiten werden, schreibt er und geißelt die Mädchenbeschneidung in Ägypten als „herzlose Grausamkeit“.

Der neugierige Weltreisende, der als Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung gilt, interessiert sich nicht zuletzt für sexuelle Minderheiten und für besondere Spielarten der körperlichen Liebe. Für heutige Ohren ist es befremdlich, wenn er dabei von den „Abwegigen“ spricht, die sich der Ehe entziehen. Modern wirkt dagegen seine These, „dass der individuelle Sexualtypus den Rassetypus an Stärke und Bedeutung bei weitem übertrifft“. So gebe es auf aller Welt bei etwa drei Prozent der Bevölkerung homosexuelle Neigungen – eine Zahl, die sogar für die Seidenmotten zutreffe. Und die Hirschfeld in der Annahme bestätigt, dass sexuelle Orientierungen anlage- und nicht sozialisationsbedingt sein müssen.

Mit seinem Plädoyer für Aufklärung und Toleranz ist der unvoreingenommene Reisende, der bald darauf aus seinem Heimatland vertrieben werden sollte, in seiner Zeit eine Ausnahmeerscheinung.

Magnus Hirschfeld: Weltreise eines Sexualforschers. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 2006. 440 Seiten, 29,59 €

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