Gesundheit : Glühwein für den Ehrensenator

Uwe Schlicht

Grüne Laserstrahlen bilden ein flaches Dreieck über dem Abendhimmel von Adlershof. Die untere Seite des Dreiecks formt die Lichterkette der Forschungs- und Universitätsstadt. Gestern war ein großer Tag für Adlershof. Den 75 Millionen Euro, die das Land Berlin an den Unis sparen will und der Vernichtung von wahrscheinlich 10 000 Studienplätzen zum Trotz feierte HU-Präsident Jürgen Mlynek den Ausbau des neuen Campus denn auch als Erfolg. Dadurch werde die Grundlagenforschung als die Hauptaufgabe der Humboldt-Universität gestärkt und das Profil geschärft.

Das Motto „nur weiter so wie in Mitte“ werde in Adlershof nicht möglich sein, sagte Mlynek. Alle drei Berliner Universitäten müssten sich jetzt Handlungsoptionen für die Zukunft eröffnen. Zum Profil der Humboldt-Universität gehörten die Naturwissenschaften in Adlershof und die Lebenswissenschaften, die in Mitte in Verbindung mit der Charité entwickelt werden. Diese Profilbildung zeige auch, dass die Universität nicht in eine Alexander-von-Humboldt-Universität in Adlershof und eine Wilhelm-von-Humboldt-Universität in Mitte auseinander falle.

Der Protest der Studenten gegen die Einsparungen bei der Bildung in Berlin und Deutschland hat auch den Campus in Adlershof erreicht. Bei dem Festakt beklagte eine Vertreterin der streikenden Studenten, dass es in Adlershof für 7000 Studenten nur 800 Plätze in einer provisorischen Mensa gebe, weil unbedingt 3,5 Millionen Euro gespart werden mussten. Dennoch lud die Sprecherin die Festgäste zu einem Glühwein in das Provisorium ein.

Richtig festlich wurde es in Adlershof, als dem Physiker und Wissenschaftsmanager Reimar Lüst die Ehrensenatorenwürde der Humboldt-Universität verliehen wurde. Lüst, der Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Präsident der Alexander- von- Humboldt-Stiftung und Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) war, hat sich auch um die Humboldt-Uni verdient gemacht – als Vorsitzender der Universitätsgesellschaft.

Reimar Lüst stellte in seiner Festansprache einige Elemente für eine deutsche Hochschulreform heraus. Als Leitidee nannte er den Wettbewerb. Den Hochschulen müsse dafür möglichst viel Freiheit von staatlicher Bürokratie und Kontrolle gegeben werden. Es sei eine Fiktion, dass Universitäten alle gleich teuer sein und gleich gute Leistungen erbringen könnten. Die Universitäten bräuchten nicht nur den Wettbewerb um die besten Forscher, sondern auch um die besten Studenten. Wenn jede Hochschule ihre Studenten selbst aussuchen könnte, so förderte das den Wettbewerb der Fakultäten untereinander und stärkte die Verantwortung der Professoren für ihre Studenten. Zum Wettbewerb gehöre auch die Einführung von sozial verträglichen Studiengebühren, sagte Lüst. In der heutigen kritischen Finanzsituation böten Gebühren die einzige Möglichkeit, um jeder Hochschule zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen.

Die Einladung, mit den Studenten einen Glühwein zu trinken, nahm Lüst schließlich mit einer überzeugenden Begründung an: „Vor 57 Jahren habe ich mich zum ersten und letzten Mal an einem Studentenprotest beteiligt. In der letzten Woche hätte ich mich gern in die erste Reihe der protestierenden Studenten in Berlin eingereiht, um gegen die Unglaubwürdigkeit der Politiker zu protestieren.”

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