Gesundheit : Gönner vor Gericht

Der Erbe eines Spenders verlangt Millionen von Princeton zurück – ein Präzedenzfall?

Leonard Novy

„Die Zukunft der transatlantischen Gemeinschaft – ist der Westen noch ein praktikables Konzept?“ Dieser Frage widmete sich Deutschlands prominentester Politikexport Joschka Fischer Ende Oktober in seiner viel beachteten Antrittsvorlesung an der US-Universität Princeton. Die Bühne des frisch gebackenen Gastprofessors: das Auditorium der Robertson Hall, des Herzstücks der renommierten Woodrow Wilson School for Public and International Affairs. Während Fischer darin fortan Weltpolitik erklärt, lodert just um den Namensgeber des imposanten 60er-Jahre-Baus, Charles Robertson, und den Umgang der Elite-Uni mit seinen Millionen ein Streit, der seit letzter Woche auch die Gerichte beschäftigt.

1961 spendeten Robertson, Chef einer Supermarktkette, und seine Frau Marie Princeton (Motto: „Im Dienste der Nation“) 35 Millionen Dollar, um den Diplomatennachwuchs an der nach dem ehemaligen US-Präsidenten Wilson benannten Kaderschmiede zu fördern. Für die Nachkommen des Princeton-Alumnus, vertreten durch Robertsons Sohn William, steht allerdings fest, dass die Universität genau dafür zu wenig tut. Sie fordern von der Uni große Teile des über die Jahre auf über 650 Millionen Dollars angewachsenen Stiftungsvermögens zurück. Nach vier Jahre währenden Auseinandersetzungen kamen beide Seiten letzte Woche zu einem ersten Termin vor dem Mercer County Superior Court zusammen.

Über 200 Millionen Dollar habe die Universität zweckentfremdet, lautet der Vorwurf. Statt in die Ausbildung hochkarätiger Staatsbediensteter sei das Geld für andere Universitätsprojekte und Verwaltungskosten verwendet worden. Princeton räumt ein, in Einzelfällen nicht gemäß dem Stiftungszweck gehandelt zu haben, beharrt aber darauf, ein gewissenhafter Verwalter der Interessen von Charles und Marie Robertson zu sein.

Doch gilt das Verhältnis zwischen der Universität und den Kindern ihres Gönners als unwiderruflich zerstört. Davon zeugt auch das harte Auftreten beider Seiten vor Gericht. Nur durch eine „Trennung“ zwischen der das Vermögen verwaltenden Robertson-Stiftung und der Universität ließen sich die Beziehungen wiederherstellen, erklärte Kläger-Anwalt Ronald Malone. Das würde bedeuten, dass die Supermarktmillionen in Zukunft nicht wie bisher ausschließlich Princeton, sondern auch anderen Einrichtungen zugutekommen würden – Organisationen, von denen die Robertsons glauben, dass sie den Stifterwillen besser vertreten könnten. Das Geld sei kein Geschenk an die Uni, sondern für das amerikanische Volk insgesamt gedacht gewesen. Zudem verweisen sie auf das in der Donor Bill of Rights verankerte Grundrecht jedes Spenders, demzufolge Spenden vereinbarten Vorhaben dienen müssen. Princeton, mit über 13 Milliarden die fünftreichste Uni der USA, warnt indes davor, Hochschulen das Recht zu nehmen, über die Verwendung von Spenden frei zu entscheiden.

Der Rechtsstreit könnte sich zum Präzedenzfall mit weit reichenden Implikationen entwickeln. Insgesamt beziehen US-Universitäten jährlich 24 Milliarden Dollar über Spenden. Bereits 1995 musste die Universität Yale einem reichen Texaner 20 Millionen Dollar zurückzahlen, deren Schenkung an die Einrichtung eines Kurses zur Westlichen Zivilisation geknüpft war. Kein Wunder, dass beide Seiten nach Uniangaben für den laufenden Disput bereits 15 Millionen Dollar aufgewendet haben. Beobachter rechnen damit, dass es bis zum Prozessauftakt noch Monate dauern wird. Spätestens dann werden die Anwaltshonorare die ursprünglich gespendeten Supermarktmillionen übertroffen haben.

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