Gesundheit : Götter vom Meeresgrund

Unterwasserarchäologe Franck Goddio zeigt im Berliner Gropius-Bau Funde aus Alexandria, Heraklion und Kanopus

Michael Zajonz

Ein Kindertraum: Versunkene Schätze heben, den großen Helden der Historie auf die Spur kommen, die eigenen Grenzen ausloten. Franck Goddio hat diesen Traum verwirklicht, ausdauernd und konsequent. Der 59-jährige französische Unterwasserarchäologe, der in seinem Vorleben Finanzberater gewesen ist, erforscht seit zehn Jahren die großteils im Mittelmeer versunkene Region rund um die antike Metropole Alexandria. Ein Untersuchungsgebiet von insgesamt rund 115 Quadratkilometern.

Endgültig lokalisiert haben Goddio und sein Forschungsteam seit 1996 die prächtigen Anlagen des Portus magnus, des Hafens Alexanders des Großen, unter dem trüben Wasser und einer bis zu zwei Meter starken Schlammschicht im Osthafen der heutigen Vier-Millionen-Stadt. Zweihundert Schiffe konnten im antiken Portus magnus be- und entladen werden, sein 135 Meter hoher Leuchtturm gehörte zu den Sieben Weltwundern. An Schönheit, Größe und Reichtum, lobte im ersten Jahrhundert v. Chr. der griechische Historiker Diodor, lasse Alexandria alle anderen Städte weit hinter sich. Von diesem Glanz zehrte die „kanopische Region“ bis zur Zerstörung ihrer Kultur und Heiligtümer durch die Christen. Noch das politisch durch Octavians Eroberung im Jahre 30 v. Chr. zur Bedeutungslosigkeit verdammte Ägypten blieb auch in römischer Zeit Luxusschmiede und Kornkammer der Mittelmeerregion.

Acht Meter hat sich seit der Antike im Hafenviertel von Alexandria das Bodenniveau abgesenkt, aufgrund langfristiger tektonischer Veränderungen, beschleunigt durch einige Erdbeben. Die Szenerie erinnert an das legendäre Atlantis: Ab 1999 fanden Goddios Taucher im Küstengebiet an der Westflanke des Nildeltas, nahe der Bucht von Abukir, noch zwei weitere vom Meer einverleibte antike Städte: Kanopus und Thonis-Heraklion – Handels- und Tempelorte der Ägypter, Ptolemäer, Römer und Byzantiner, die man lange nur mehr aus Beschreibungen antiker Autoren kannte. In römischer Zeit galt das durch einen Kanal mit Alexandria verbundene Kanopus als Amüsiermeile der Hauptstadt.

Moderne elektronische Peilungs- und Kartografierungsmethoden, entwickelt in der Militärtechnik, wurden hier erstmals für ein großflächiges Archäologieprojekt eingesetzt. Erst kamen die Sonden und Magnetometer, danach die Taucher. Erforscht wurden so rund 1500 Jahre Mittelmeerzivilisation, bis ins achte nachchristliche Jahrhundert. Eine archäologische Großtat.

Um daraus eine Sensation fürs große Publikum zu machen, schickt die in Liechtenstein ansässige private Hilti Foundation, die Goddios Tauchgänge seit 1996 finanziert, knapp 500 ausgewählte Objekte zwei Jahre lang auf Welttournee. Erst danach kehren die dem ägyptischen Staat gehörenden Kunst- und Gebrauchsgegenstände in ihr Heimatland zurück. Erste Station ihrer Reise ist nicht Paris (dort läuft die Ausstellung ab Dezember im Grand Palais), sondern der Berliner Martin-Gropius-Bau. Zur heutigen Eröffnung werden Bundespräsident Horst Köhler, der ägyptische Staatspräsident Hosni Mubarak und Zahi Hawass, Chef der ägyptischen Antikenverwaltung, erwartet.

In ein paar Jahren sollen „Ägyptens versunkene Schätze“ – so der Ausstellungstitel – in Alexandria endgültig zur Ruhe kommen. Vielleicht in einem unter dem Meeresspiegel zu bauenden Unterwasser-Museum. Erste Pläne hängen am Ende des Ausstellungsparcours.

Wer nun den schummrig abgedunkelten Lichthof des Gropius-Baus betritt, wird mit Großfotos und Unterwasser-Blubbern vom Band auf das große Abenteuer Unterwasserarchäologie eingestimmt. Spitzenwerke wie der aus einem einzigen rosa Granitblock gehauene Schrein des Gottes Amun-Gereb oder die drei über fünf Meter hohen Kolossalstatuen eines Königs, einer Königin und des Nil-Gottes Hapi hätten solche inszenatorischen Mätzchen eigentlich nicht nötig. Sie gehören zu den glücklichsten Funden in der sieben Kilometer von der Küste entfernt entdeckten Tempelstadt Thonis-Heraklion.

Dort wurde 1999 auch eine schwarze Granitstele mit einem Gesetzestext des Pharao Nektanebos I. aus dem Jahr 380 v. Chr. gefunden, mit dem sich zweifelsfrei belegen lässt, dass die Stadt Heraklion der Griechen mit dem ägyptischen Ort Thonis identisch ist. Bislang hatte man sie getrennt voneinander vermutet.

Durch bronzene Kultgeräte, Votivgaben und Statuetten des mit Zeus identifizierten Gottes Amun-Gereb und seines Sohnes Chons alias Herakles konnte Goddio außerdem erstmals belegen, dass Ägypter und Griechen im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. in Thonis-Heraklion die gleichen Heiligtümer nutzten, dasselbe Orakel befragten. Interkulturelle Antike.

Wie sich in diesem melting pot der Antike Geschmäcker und Weltsichten vermischen oder zumindest annähern konnten, belegt die in Ost-Kanopus gefundene lebensgroße Figur einer kopflosen Königin aus anthrazitfarbenem Granit, entstanden im dritten Jahrhundert v. Chr. (siehe Foto unten). Das ganz und gar hinreißende Mischwesen der Kunstgeschichte kombiniert das traditionelle Schrittmotiv altägyptischer Standbilder mit den Finessen griechischer Gewandfiguren. Goddios jungenhaft charmante Begeisterung für dieses Stück lässt sich unmittelbar nachvollziehen.

Die Wissenschaft bereichert Goddio mit neuen sozialgeschichtlichen Erkenntnissen über die antike Welt zwischen West und Ost. Eine breitere Öffentlichkeit sieht in dem methodisch peniblen Selfmade-Archäologen etwas ganz anderes. Ob er ein Abenteurer sei, wird Goddio gerne gefragt. Seine Antwort verblüfft: „Mein Job ist es, während unserer Arbeit die schlimmsten Abenteuer zu verhindern.“

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