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Institut vor dem Aus: Franz Walter und Bassam Tibi vermuten politische Motive

Elke Kimmel

Bassam Tibi fordert den Rücktritt des Göttinger Universitätspräsidenten Kurt von Figura. Der hatte kürzlich das Politische Seminar – Bassam Tibis akademische Heimat seit 1973 – als „Schwachstelle“ der Uni bezeichnet, die „auszumerzen“ sei. Bislang warten die Mitarbeiter vergeblich auf eine persönliche Entschuldigung. Bassam Tibi, Professor für internationale Politik, fühlt sich angesichts dieses Ausrutschers an die NS-Zeit erinnert. Die Politikwissenschaft in Deutschland sei nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden, um die Deutschen „umzuerziehen“, sagt Tibi im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Deren Abwicklung in Göttingen sei deshalb ein Zeichen für einen „alarmierenden politischen Trend“.

Franz Walter, Göttinger Professor für Parteienforschung, schließt sich dem Urteil des Kollegen an. Für den Biochemiker von Figura sei die sozialwissenschaftliche Forschung offensichtlich überflüssig. Sein Interesse liege in der Etablierung einer naturwissenschaftlichen Forschungsuniversität. „Clusterbildungen“ verschleierten, dass der gesellschaftspolitische Auftrag der Hochschulen peu à peu aufgegeben werde, beklagt Walter.

Worum geht es in Göttingen? Die Unileitung will einen Evaluierungsbericht der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen zum Anlass nehmen, das Politologie-Institut abzuwickeln. Zwei der zurzeit vier Professuren sollen nicht wieder besetzt beziehungsweise in das Pädagogische Seminar verschoben werden. Die verbleibenden Professuren will die Unileitung in das Institut für Soziologie eingliedern. Ein derart radikales Vorgehen scheint allerdings durch das von der Landesregierung in Auftrag gegebene Gutachten nicht gerechtfertigt. Es betont ausdrücklich das internationale Potenzial des Bereichs Parteienforschung. Zudem sind die Göttinger Politologen, vor allem Walter,Tibi und Peter Lösche, in den Medien überaus präsent. Walter ist der wohl bekannteste deutsche Parteienforscher, Tibi ist als Islamexperte sehr gefragt, Lösche gilt als einer der bedeutendsten deutschen Amerikanisten.

Die Unileitung begründet das Aus für die Politologen dennoch mit dem Gutachten – und mit „Gesprächen mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur“. Tatsächlich bezieht man sich allein auf den Teil der Expertise, in dem die Leistungen des Göttinger Methodenzentrums Sozialwissenschaften hervorgehoben werden. Und spielt die beiden Institute gegeneinander aus.

Parteienforscher Walter wehrt sich gegen die Zumutung, einfach versetzt und seines wissenschaftlichen Nachwuchses beraubt zu werden. Aktuelle Gesprächsangebote der Unileitung lehnt er ab: „Ich mag nicht darüber einen Dialog führen, wie wir liquidiert werden“, sagt Walter. Mit universitärer Selbstverwaltung habe das wenig zu tun – „eher mit präsidialer Autokratie“. Bei alledem vermisst Walter die Solidarität seiner Kollegen: Die Soziologen könnten sich nur deshalb bislang außerhalb der Schusslinie fühlen, weil sie größere Erfolge in der Drittmitteleinwerbung hätten. Hinzu kommt, dass ausgerechnet ein Soziologe den Präsidenten bei seinen Umstrukturierungsplänen beraten haben soll. Das Klima im sozialwissenschaftlichen Fachbereich ist deshalb – wenig überraschend – eisig.

Unter den Fürsprechern der Professoren kursiert das Gerücht, dass die Institute für Politische Wissenschaften an der Universität Hannover und der Universität Osnabrück von der Schließung des als „links“ geltenden Göttinger Instituts profitieren könnten. Das sei ganz im Sinne von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Die Politologie in Hannover soll ausgebaut werden, Osnabrück bekommt ein neues Institut für Parteienforschung. Die zuständigen Dekane weisen den Verdacht von sich. Gert Schäfer, Prodekan in Hannover, findet die fachliche Diskreditierung seiner Göttinger Kollegen „unerträglich“. Sein Institut würde auf Kosten der eigenen Soziologen verstärkt. Auch Roland Czada, Dekan in Osnabrück, hält die Göttinger Vorgänge für eine „Katastrophe“. Die Konzentration der Politikwissenschaften in Hannover sei sicher politisch gewollt – sinnvoll sei sie aber nicht. Der geplante Aufbau eines Parteienforschungszentrums an seiner Uni habe nichts mit den Vorgängen in Göttingen zu tun. Es werde von der VW-Stiftung gefördert, nicht vom Land.

Gegen die Abwicklung engagieren sich nicht nur die betroffenen Professoren und ihre Studenten. Der Verlag Kiepenheuer und Witsch verurteilt in einem Aufruf auf der Verlagshomepage den „Amoklauf“ des Präsidenten. Bislang haben über hundert Unterstützer unterschrieben – darunter der Moderator Roger Willemsen, der amerikanische Forscher Norman Birnbaum und der Autor Ralph Giordano.

Der Aufruf im Internet:

www.kiwi-koeln.de

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