Gesundheit : Graue Eminenz

Graupapageien zeigen Fähigkeiten, die Forscher lange Zeit nur Affen und Menschen zugetraut haben

Elke Bojanowski

Alex betrachtet den blauen Schlüssel vor sich. „Blue!“, schreit er. Und nach dem Lob seiner Trainerin bittet er um seine Belohnung, ein Stück Banane: „I want banana!“

Dies ist schon mehr, als die meisten Papageienbesitzer ihrem gefiederten Haustier jemals entlocken können. Denn Alex ist ein afrikanischer Graupapagei. Dieser Vogel mit seinen leuchtend roten Schwanzfedern besitzt, wie es scheint, Fähigkeiten, die man sonst nur Affen und Menschen zutraut.

Für das Team um Irene Pepperberg, eine Verhaltensforscherin an der Brandeis-Universität in Waltham, Massachusetts, steht Alex schon seit 28 Jahren im Mittelpunkt des Interesses. Pepperberg geht davon aus, dass Papageien die menschliche Sprache nicht nur imitieren, sondern auch sinnvoll zur Kommunikation einsetzen können.

Dafür sprechen erstaunliche Befunde. „Alex kann mehr als 50 verschiedene Objekte auf englisch benennen, zudem sieben Farben, fünf Formen, und verschiedene Materialien“, sagt Pepperberg. In sinnvoller Weise verwendet er Sätze wie „Ich will X“ oder „Ich will nach Y gehen“, wobei X Gegenstände und Y Orte sind. „Die ihm bekannten Worte kann er kombinieren, um mehr als 100 verschiedene Gegenstände zu identifizieren, zu verlangen, abzulehnen oder zu kategorisieren.“

Von Kollegen gefragt, ob der Papagei denn, wie Schimpansen, das Konzept von „gleich“ und „anders“ verstünde, erschwerte Pepperberg den vorgesehenen Test. Anstatt nur erkennen zu müssen, ob zwei Objekte gleich oder verschieden sind, sollte der Papagei zusätzlich sagen, worin sich die beiden Gegenstände unterscheiden oder übereinstimmen. Der Vogel bekommt zum Beispiel ein gelbes und ein blaues hölzernes Rechteck gezeigt. Die Frage: „Was ist der Unterschied?“ beantwortet er mit: „Farbe“.

Auch in Bezug auf Mengen und Zahlen leiste der Graupapagei Erstaunliches. Unabhängig von der Anordnung oder dem Bekanntheitsgrad der Objekte kann er Mengen von bis zu sechs erkennen und scheint sogar die Bedeutung der Zahl „Null“ zu begreifen (Studie veröffentlicht in: „Journal of Comparative Psychology“, Band 119, Seite 197). Diesen abstrakten Begriff verstehen Kinder in der Regel erst im Alter von drei oder vier Jahren. Alex äußerte den Begriff „none“ (englisch für nichts oder keine), um die Abwesenheit einer Menge zu signalisieren.

Weitere Untersuchungen legen nahe: Alex ist nicht etwa nur ein einsames Genie unter den Graupapageien – auch die übrigen sind cleverer, als man lange dachte. Und schlauer als andere Papageien. Worin also unterscheiden sich die Papageien vom klassischen Käfigpapagei, der seine Besitzer durch das Nachplappern der falschen Wörter zum falschen Zeitpunkt in Verlegenheit bringt? Oder der womöglich, trotz aller Anstrengungen des Halters, nie ein einziges Wort von sich gibt?

Neben der Wahl der richtigen Papageienart beruhen die Erfolge von Pepperbergs Arbeit vor allem auf ihrer Unterrichtsmethode. Wichtig ist die Anwesenheit eines „sozialen Modells“, von dem der Papagei lernen kann: Zwei Menschen, Lehrer und Schüler, führen den Ablauf des Trainings in einer Art Rollenspiel vor.

Ziel ist zum Beispiel, dem Papagei die Namen und Eigenschaften verschiedener Gegenstände beizubringen. Sind diese Objekte für den Vogel interessant, passiert Folgendes: Das Tier beobachtet, wie der Schüler nach korrekter Benennung und Aussprache vom Lehrer gelobt wird, und den Gegenstand als Belohnung bekommt, sei es zum Essen oder zum Spielen. Ist die Antwort falsch, folgt verbaler Tadel, und das Objekt wird aus dem Sichtfeld genommen. In diesem Szenario ist der Schüler für den Vogel gleichzeitig Modell und Rivale, denn er konkurriert mit ihm um die Aufmerksamkeit des Lehrers und den Zugang zu begehrten Objekten.

Diese Methode hat Fähigkeiten von Graupapageien offenbart, die im Tierreich früher nur Schimpansen und Delphinen zugetraut wurden. Sie wird mit Erfolg auch bei autistischen und lernbehinderten Kindern eingesetzt. Diese Kinder haben zum Teil große Schwierigkeiten, einige der von Alex angewendeten Konzepte (wie das der „Null“) zu lernen.

Der intelligente Graupapagei war seinen menschlichen Lehrern schon mehr als einmal einen Schritt voraus. Irene Pepperberg schildert eine Anekdote, die sich bei einer Demonstration seiner Fähigkeiten für wichtige Sponsoren ereignete: Die Forscherin versuchte, dem Vogel beizubringen, einzelne Buchstaben zu erkennen und auszusprechen. Sie wollte wissen, ob Alex lernen könnte, dass seine Wörter aus einzelnen Abschnitten bestehen.

Da die Zeit für die Demonstration begrenzt war, verzichtete Pepperberg darauf, das Tier nach jeder korrekten Aussprache eines einzelnen Buchstabens zu belohnen. Mit wachsender Ungeduld und Frustration fragte Alex wiederholt nach seiner Belohnung, einer Nuss. Schließlich sagte er: „Want a nut. Nnn, uh, tuh.“ (Will eine Nuss. Dann buchstabiert er das englische Wort für Nuss korrekt.)

Irene Pepperberg wird durch solche Verhaltensweisen ihres gefederten Musterschülers immer wieder eins klar: „In diesen kleinen, walnussgroßen Gehirnen geht viel mehr vor, als wir uns zunächst vorstellen konnten.“

Experten glauben, dass die leistungsfähigen Gehirne der Graupapageien sich entwickelt haben, um den Herausforderungen ihres komplexen Lebensraumes gewachsen zu sein. In den dichten Wäldern Zentral- und Westafrikas halten die geselligen Graupapageien mit Hilfe von Lauten Kontakt zu ihren Artgenossen.

Neben einer festen Paarbindung pflegen die Tiere vielfältige Kontakte mit anderen Schwarmmitgliedern. In Kleingruppen gehen sie tagsüber auf Nahrungssuche, versuchen Raubfeinden aus dem Weg zu gehen und kommen für die Nacht wieder in großen Schwärmen zusammen. Welche Bedeutung ihr außerordentliches Imitationstalent für die artspezifische Kommunikation hat, soll durch weitere Studien von frei lebenden Graupapageien geklärt werden.

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