Gesundheit : Graue Zellen optimal nutzen - einige Ratgeber verraten, wie es geht

Christine Wittenzellner

Das Angebot an Anleitungen, die das Denken und Lernen neu lehren wollen, hat sich in den vergangenen Jahren extrem vermehrt. Dabei finden sich die neuen Ansätze weniger dort, wo grundlegendes Wissen vermittelt wird oder werden sollte, nämlich an Schulen und Universitäten. Vielmehr sind es private Weiterbildungsinstitute und Trainer, die in Seminaren, Büchern oder Fernlehrgängen neue Gebrauchsanleitungen für das Gehirn liefern. Sie drängen so verstaubte Lernmethoden - wie beispielsweise stupides Einpauken von Zahlen- oder Vokabelreihen - in die Schranken.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach den Angeboten, die Lernen leicht machen und bei denen Lernen sogar richtig Spaß macht, beständig steigt. In der Wissensgesellschaft ist das Gedächtnis gefordert wie nie zuvor. Gedächtnis-Trainer treffen deshalb auf offene Ohren, wenn sie versprechen: Alles geht schneller und müheloser, wenn man nur die richtigen Zauberformeln hat. Mit ihnen komme das Gedächtnis in Top-Form. Ob das alles immer so stimmt, muss jeder Einzelne für sich selbst überprüfen. Aber immerhin: Unter den vielen Angeboten müsste eingentlich für jeden etwas dabei sein. Die wichtigsten Offerten des Trainingsmarktes, das eigene Gehirn mittels einer bislang noch unbekannten Technik sehr viel leistungsfähiger als bisher zu machen, sind

Mnemotechniken. Mneme ist abgeleitet vom Griechischen, bedeutet soviel wie Gedächtnis. Unter dem Begriff Mnemotechiken summieren sich verschiedene Merkverfahren und Lernhilfen. Viele Menschen kämpfen mit ihrer Vergesslichkeit. Meist sind es so leidige Schwächen wie diese: Man kann sich Namen von Geschäftspartnern oder Kollegen nicht merken, hat ein schlechtes Zahlengedächtnis oder die Einkaufsliste nicht im Kopf. Schlimmer noch: ballastreicher Prüfungsstoff. In diesen Fällen kann ein Gedächtnistraining weiterhelfen. Dort erfahren die Teilnehmer in erster Linie: Wer in Bildern denkt und Assoziationen verwendet, der vergisst weniger.

Dazu gibt es eine Menge Tricks. Wer sich viele Zahlen merken muss, kann sich diese so einprägen: Der Hals eines Schwanes erinnert an die Zahl zwei, eine Kerze an die Zahl eins, ein Kleeblatt an die Zahl vier. Mit der Merk- oder Eselsbrücken-Methode lernt man, Assoziationsketten zu bilden. An den Namen des Kollegen Nuskofski erinnern sich Hirntrainer zum Beispiel mit diesem phantasievollen Bild: Herr Nuskowsky fährt mit einer Nuss auf dem Kopf Ski. Je unsinniger die Bilderkette, desto leichter prägt sich der Name ein. Oder, wer die vier Himmelsrichtungen nicht in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann, merkt sich den Satz: "Nicht ohne Seife waschen". Die Anfangsbuchstaben ergeben im Uhrzeigersinn die richtige Reihenfolge.

Schnelllesetechniken. Langsames Lesen ist zwar für Romane angemessen, aber nicht für jene Menschen, die sich rasch in einen Stoff einarbeiten und diesen wiedergeben müssen. Wer viel und schnell lesen muss, kann durch Schnelllesen Zeit gewinnen. Bei dieser Methode, auch Fotoreading genannt, verschafft sich der Lernende erst einen Überblick mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses. In Kursen lernen die Schüler, mehr Wörter mit einem Blick aufzunehmen. Dafür braucht es allerdings Übung und ein Kursbesuch ist empfehlenswert.

Mind Map. Ein Mind Map ist eine Art Gedankenkarte. Es ist eine sehr vielseitige Erinnerungstechnik, die im Privaten und Beruflichen hilfreich ist. Auf einem Blatt Papier wird das Thema oder der Lernstoff in Form einer bunten Zeichnung dargestellt, die eine baumartige Struktur mit Ästen und Zweigen hat. Gearbeitet wird mit Schlüsselbegriffen, Bildern oder Symbolen, die passend für ganze Lernkomplexe stehen. Geübte verwenden diese Technik, um Vorträge frei und ohne großes Manuskript zu halten. Ihre einzige Gedankenstütze ist ein Blatt mit einem Mind Map. Inzwischen gibt es auch Computersoftware für Mindmapping.

Brain- oder Hirnjogging. Das Gehirn kann man sich als Muskel vorstellen, der wie jeder Muskel trainiert sein will. Brainjogging ist eine Art Gymnastik für das Gehirn. Der Verlust der Merkfähigkeit im Alter, das haben Forscher am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung herausgefunden, lässt sich durch Training ausgleichen. Am besten täglich fünf bis zehn Minuten nach Lust und Laune: Kreuzworträtsel, Zahlenrätsel, Stadt-Land-Fluss-Übungen oder Kopfrechnen. Wolfram Stanek, Professor für Automatisierungstechnik und Gedächtnistrainer in Koblenz ist überzeugt: "Jeder gesunde Mensch hat die Möglichkeit, sein Superhirn zur Entfaltung zu bringen, man muss nur die Türchen öffnen." Dass Gedächtnistraining funktioniert, beweist Helga Zehetmaier. Sie ist Siegerin der 1. Deutschen Gedächtnismeisterschaft. Die EDV-Beraterin aus Hungenroth beteiligte sich im Alter von 43 Jahren erstmals an dem geistigen Wettkampf und ließ alle Konkurrenten hinter sich.

Gedächtnistrainer Stanek gibt seinen Seminar-Teilnehmern eine Merkhilfe. Hinter den einzelnen Buchstaben des englisches Wortes Brain (Gehirn) verberge sich das, was Mann oder Frau beherzigen soll

B steht für Bilder, bunt und bewegt

R für richtig verknüpfen

A für alle Sinne einsetzen

I für Imagination (Einbildungskraft)

N für nummerieren, das heißt sortieren und strukturieren der zu lernenden Texte. Wer alle diese fünf Punkte im Geist abklopft, kann am Ende ganz gewiss wesentlich mehr als jemals zuvor erinnern.

Helga Zehetmaier und Wolfram Stanek geben heute ihr Wissen gemeinsam in Seminaren weiter. Ende Oktober und Ende November sind Trainings in Hungenroth bei Koblenz vorgesehen, für Ende Februar 2 000 haben die beiden bereits ein Seminar in Berlin eingeplant (Info: www.Innopro.de und t 030 / 43 16 66 0 oder 067 46 / 84 68). Schon am morgigen Montag haben Berliner die Chance, ein Seminar der Erwachsenenpädagogin Margit Durand von der Gesellschaft für Gehirntraining, Landesverband Berlin / Brandenburg (t 3 65 61 71) zu besuchen. Ihr mentales Aktivierungstraining beginnt um 9 Uhr in der Volkshochschule Steglitz - zum üblichen VHS-Satz. Eine Anmeldung ist vor Ort noch möglich.

Christian Psoch aus Berlin besuchte das zweitägige Training von Zehetmaier und Stanek zum Studentenpreis von 416 Mark, um sich auf seine Prüfung vorzubereiten. Das Resultat des 28-jährigen Diplomingenieurs: "Ich habe gelernt, warum ich einiges behalte und anderes wieder schnell vergesse." Heute baut er sich nicht nur in beruflichen Prüfungssituationen, sondern auch im ganz normalen Alltag häufig Eselsbrücken. Sie helfen ihm, sich selbst an komplizierte Sachverhalte unangestrengt zu erinnern.

Auch für Oliver Vogel aus Duisburg hat sich das Training gelohnt. "Ich kann mir den Stoff jetzt viel schneller merken und auch behalten." Zum Lernen, so sagt er, braucht er heute etwa halb so viel Zeit als früher. Wie das geht? Für Vogel ist es inzwischen ganz einfach: "Ich wandle abstrakte Begriffe in einzelne bekannte Begriffe um. Diese ergeben dann ein Bild, das mich wieder an den abstrakten Begriff erinnert." Im Seminar hat Vogel auch erfahren, dass er eher ein auditiver Lerntyp ist und gut auf Reize des Hörens reagiert. Während er sich vor dem geistigen Auge den Lernstoff bildhaft vorstellt, sagt er nun laut den Text vor sich hin.

Wer geistig lange rege sein will, macht am besten täglich Hirnjogging. Es lohnt sich. Lebenslanges Lernen wird damit einfacher.Tony Buzan, Wolfram Stanek: Memory Power - Die Gebrauchsanweisung für Ihr Gehirn, Augustus Verlag, Augsburg 1998.

Tony Buzan, Barry Buzan: Das Mind Map Buch - Die beste Methode zur Steigerung Ihres geistigen Potentials, mvg-verlag, Landsberg 1999, 49,80 Mark.

Tony Buzan: Power Brain - Das Tony Buzan Training - Besser denken, mehr behalten, neues leichter aufnehmen, mvg verlag, Landsberg 1999, 39,80 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben