Gesundheit : Grausame Szenen

Günter Grass und die Waffen-SS: Warum Historiker nur wenig über die Rolle seiner Division wissen

Amory Burchard

Die SS war eine verbrecherische Organisation. Die Waffen-SS, ihr militärischer Arm, hat ungeheuerliche Kriegsverbrechen begangen – bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges hinein. Es waren Verbände der Waffen-SS, die Anfang 1945 ihre Kriegsgefangenen umbrachten, anstatt sie in Lager zu überstellen, und die auch Massaker an Zwangsarbeitern verübten. Soldaten, die angesichts des nahen Kriegsendes dem sinnlosen Kämpfen und Sterben entrinnen wollten und desertierten, wurden von Angehörigen der Waffen-SS standrechtlich erschossen oder gehenkt. Und auf dem Rückzug exekutierte die Waffen-SS Deutsche, die schon weiße Fahnen gehisst oder Bettlaken aus den Fenstern gelegt hatten.

Dies alles sei gesichertes Wissen über die Waffen-SS, sagt der Münchner Historiker Dieter Pohl, der am Institut für Zeitgeschichte zur Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen und Besatzungspolitik in Osteuropa forscht. Muss aber ein 17-Jähriger, der in den letzten Monaten des Krieges in der Waffen-SS diente, davon gewusst haben, könnte er gar an solchen Verbrechen beteiligt gewesen sein? Was hat Günter Grass gewusst, was hat er gar getan? „Da sind wir auf ihn angewiesen“, sagte Dieter Pohl dem Tagesspiegel.

Nur zu drei der insgesamt 38 Divisionen der Waffen-SS gebe es ausführliche Studien. Die SS-Panzer-Division Frundsberg, zu der Grass nach eigenen Angaben eingezogen wurde, gehöre nicht dazu. Günter Grass beruft sich darauf, dass er gar nicht zur Division Frundsberg gekommen sei. Vielmehr seien stets aufs Neue Verbände zusammengewürfelt und eingesetzt worden, die schon wenige Tage später zersprengt wurden. Als Mitglied von zwei Spähtrupps sei er hinter die russischen Linien geraten und habe grausame Kriegsszenen erlebt. Er habe in der Zeit seines Einsatzes seit Februar/März 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April keinen einzigen Schuss abgegeben, erklärt Grass in seinen Lebenserinnerungen und in Interviews.

Gerade in der Endphase des Krieges sei die Geschichte der Waffen-SS „sehr schlecht untersucht“, sagt Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte. Aufgrund der dünnen Aktenlage könne man auch kaum auf neue Erkenntnisse zur Division Frundsberg oder anderen Waffen-SS-Divisionen hoffen – es sei denn, es tauchten noch Zeitzeugen auf, die mit Grass gedient hätten.

Dass zur Division Frundsberg lediglich 40 gebundene Akten beziehungsweise einzelne Blätter existierten, bestätigte das Freiburger Bundesarchiv-Militärarchiv dieser Zeitung. Aus der online abrufbaren Beständeübersicht geht hervor, dass das Kriegstagebuch der „10. SS-Panzergrenadier-Division“ Frundsberg nur für den Zeitraum von Mitte Februar bis Mitte Dezember 1943 erhalten ist; allerdings wird ein „Einsatzbericht Dezember 1944 – Februar 1945“ erwähnt. Kriegstagebücher oder Anlagebücher dazu, aus denen etwa hervorgehen würde, dass Partisanen erschossen wurden, seien für „Frundsberg“ nicht vorhanden, sagte ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden wollte. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler (Bielefeld) bezeichnet die Division Frundsberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „reine Nachhut-Division“. Aber das mache die Sache fast noch prekärer, als wenn Grass in einer dieser berüchtigten Divisionen gewesen wäre. „Warum muss das alles jetzt so quälend herauskommen“, fragt Wehler. Auch Dieter Pohl findet es „interessant, dass es ihn so belastet hat“.

In der Endphase des Krieges seien Dokumente, anhand derer man heute noch den Weg von Waffen-SS-Einheiten rekonstruieren könnte, „eher die Ausnahme“, heißt es im Freiburger Militärarchiv. Zwar habe jede Einheit bis zu ihrer Auflösung ein Kriegstagebuch geführt, aber die meisten seien wohl „befehlsgemäß vernichtet“ worden, um nicht dem Gegner in die Hand zu fallen. Falls die Einheit überrollt wurde und die gegnerische Armee das Kriegstagebuch konfiszierte, hätten solche Dokumente nur in den seltensten Fällen den Weg ins Militärarchiv gefunden.

Verlassen müsse man sich auch auf Grass’ Aussage, er sei aus dem Arbeitsdienst zur Waffen-SS eingezogen worden, sagt Pohl. Er habe sich mit 15 Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, sei aber aus Altersgründen nicht genommen worden, hatte Grass erklärt. Man könne nun fragen, ob Grass statt dessen zur Waffen-SS ging, wo man ohne Einwilligung der Eltern aufgenommen wurde, sagt Pohl. Das sei aber reine Spekulation. Er halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass geschlossene Arbeitsdienstjahrgänge zur Waffen-SS eingezogen worden seien. Norbert Frei, Historiker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena,sagte im Deutschlandfunk, die Waffen-SS sei seit 1944 ein Haufen gewesen, der von überall her Nachschub gesucht habe – und keine Elitetruppe. Insofern sei die Mitgliedschaft des Schriftstellers „keine große Sache“.

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