Gesundheit : Griechisch-römische Monumente und ihre Bedeutung in der Renaissance

Gert Lange

Das Pantheon in Rom, Inbegriff vollkommener architektonischer Harmonie, wurde 120 Jahre vor unserer Zeitenwende unter Kaiser Hadrian geweiht. Es wird von Kunstkennern und Touristen besucht. Als jedoch Mitarbeiter des Kunstgeschichtlichen Seminars der Humboldt-Universität das Bauwerk in die Dokumentation antiker Monumentalkunst, wie sie während der Renaissance rezipiert wurde, aufnehmen wollten, stellte sich heraus, dass das Pantheon noch nie systematisch fotografiert worden ist. Das wurde mit finanzieller Unterstützung des Bundesforschungsministeriums nachgeholt. Jedes Kapitell, jedes Detail der Wandgestaltung kann nun per Mausklick von einer CD-ROM im Internet ( www.db.dyabola.de ) abgerufen werden.

Was im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts an antiker Kunst vorhanden war, in welchem Zustand es sich befand, wie es aufgenommen, kopiert, in Literatur und Philosophie rezipiert wurde, das interessiert nicht nur die Historiker und Philologen. Es hat auch praktische Bedeutung für Museen, Archäologen, Restauratoren, Kunsthändler. Vor allem aber gehört die italienische Rinascita - der Ausdruck Renaissance wurde erst um 1750 von den französischen Enzyklopädisten eingeführt - zum Weltkulturerbe.

Seitdem ist der antike Kunst- und Bildungskanon niemals aus dem europäischen Gesichtskreis verschwunden. Immer auch gab es Perioden verstärkten Anknüpfens an die Antike, als "Renaissancen" nach dem klassischem Modell. "Mit der Regelmäßigkeit einer Serie im Laufe der Jahrhunderte", geradezu wie ein biologisches Gesetz, schrieb Egon Friedell einmal, hat sich die jeweilige Gegenwart das Kulturgut der Antike anverwandelt.

In den italienischen Stadtsaaten des 15. Jahrhunderts hatte die Beschäftigung mit der Antike verherrlichende Züge. Die Altertümer wurden bildungswandlerisch beschrieben, gezeichnet, vermessen, in Reiseschilderungen empfohlen. Später beauftrage Papst Leo X. sogar Raffael, das antike Rom zu prospektieren. Da diese "Wiedergeburt" mit der Vorstellung von einer neuen, auf Rationalität und Sinnlichkeit begründeten Lebensweise verbunden war, dürfen wir zurecht in der Renaissance den Beginn der Neuzeit sehen.

Diesen Prozess zu dokumentieren, ist das Anliegen des Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance. Der Census erlaubt Einblicke sowohl in die Antike als auch in die Renaissance und schlägt durch seine Nutzer die Brücke zur Gegenwart. Die Idee zu solcher Sammlung entstand, den Untersuchungen Aby Warburgs folgend, im Warburg Institute in London. Hier wurde 1946 damit begonnen, allerdings noch auf Karteikarten und figürliche Darstellungen beschränkt. 1981 stieg das kunsthistorische Forschungsinstitut der Max-Planck-Gesellschaft, die Bibliotheca Hertziana Rom, in das Projekt ein; damals begann Arnold Nesselrath, Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität und Direktor der nachantiken Sammlungen des Vatikanischen Museums in Rom, die Architektur zu erfassen. Ein Jahr später finanzierte der J. P. Getty Trust in Santa Monica die elektronische Aufarbeitung der Daten.

Als der Vertrag mit dem Getty Information Institute 1995 auslief, ergab sich durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeine Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität die Chance, Berlin zum Hauptsitz des Census-Projekts zu machen. Es ist heute eines der renommiertesten geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben. Womit zugleich der Beweis erbracht wurde, dass solche zumeist an den Akademien geführten, über mehrere Generationen sich erstreckende Projekte auch an einer Universität gut aufgehoben sein können.

Professor Horst Bredekamp vom Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften der HU nutzte die Uraufführung eines Fernsehfilmes der Deutschen Welle TV von Ingo Langner über das Census-Projekt, um die "zweite Phase" der internationalen Präsenz von Census einzuläuten. In diesem Zusammenhang sind auch die Gründung der Zeitschrift "Pegasus. Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike" im vergangenen Jahr und der Vertrieb der aktualisierten CensusDatenbank auf CD-ROM durch den Verlag Biering & Brinkmann zu sehen.

Für das Internet hat ein Team von Archäologen und Kunstwissenschaftlern das im Deutschen Archäologischen Institut entwickelte Programmsystem Dyabola nutzbar gemacht. Damit können verschiedene Datenpools - Bilder, Beschreibungen, Zustandsberichte - problemlos verknüpft und auf einer variablen Oberfläche gleichzeitig dargestellt werden. Die Datenbank der Winckelmann-Gesellschaft Stendal - sie erfasst die Antike-Rezeption des 18. Jahrhunderts - soll noch eingearbeitet werden. Allerdings muss der Nutzer ein Passwort kaufen, um Zugang zu der enormen Wissensfülle zu haben. 51 Prozent der Einnahmen gehen an die Universität. Damit werden neue Eingaben bezahlt.Nächster Sendetermin für "Das Census-Projekt", 2. Teil, am 8. Februar Deutsche Welle TV 15 Uhr 30 und 21 Uhr 30.

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