Gesundheit : Große Geburtskliniken – gesunde Kinder

Marburger Wissenschaftler führen Sterbefall-Statistik

Rosemarie Stein

Viele werdende Mütter suchen schon lange vor dem freudigen Ereignis ein Krankenhaus mit persönlicher Atmosphäre, nicht so viel „kalter“ medizinischer Technik – eben keinen Massenbetrieb. Das ist verständlich, nur: Sie achten zwar auf Einzelheiten wie die Farbe der Wände, aber sie stellen fast nie die Frage, die für das Leben ihres Kindes entscheidend sein kann. „Wie viele Entbindungen finden in dieser Klinik pro Jahr statt?“ – Je mehr, desto besser. Denn die erste umfassende Studie in Deutschland über die Beziehung zwischen der Größe einer Geburtsklinik und der perinatalen Sterblichkeit eines Kindes – bei der Geburt oder in der ersten Woche danach – ergab folgendes:

In den kleinsten Kliniken oder Abteilungen mit weniger als 500 jährlichen Geburten gab es nach Schwangerschaften ohne ersichtliche Risiken im Durchschnitt dreieinhalb Mal so viele Todesfälle wie in den größten, mit mehr als 1500 Entbindungen im Jahr. Diese Befunde stammen aus Hessen, von Wissenschaftlern der Universität Marburg, die Zahlen der Perinatalerhebung auswerteten. Sie erfassten fast alle Geburten von 1990 bis 1999, über eine halbe Million. Die Ergebnisse wurden gerade in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. (International Journal of Epidemiology, Jahrgang 31/2002, Seiten 1061–1068.)

Berücksichtigt wurden nur Geburten, bei denen vorher nichts auf eine erhöhte Gefahr hingedeutet hatte. Denn „Risiko- Schwangere“ werden heute fast durchweg in den großen Geburtskliniken entbunden, die für alle Komplikationen gerüstet sind. Weil sich dort also die schwierigen Fälle häufen, ist auch die Sterblichkeit höher. Rechnet man aber diese Risikogeburten heraus und vergleicht nur die Kinder mit normalem Geburtsgewicht (mindestens 2500 Gramm) und ohne angeborenen Schäden, dann ergibt sich, dass die Sterberaten um so höher sind, je kleiner die Klinik ist.

Auch in Berlin wird jetzt mit der klinikbezogenen Auswertung der Perinatalerhebung begonnen. Einstweilen haben die Autoren die hessischen Ergebnisse auf ganz Deutschland hochgerechnet. Todesfälle um die Geburt herum sind bei uns zwar selten geworden. Dennoch sterben in Deutschland jedes Jahr rund 336 Kinder, nur weil ihre Mütter in eine zu kleine Klinik gegangen sind.

Was genau sich in den größeren Geburtskliniken so positiv auswirkt, muss noch erforscht werden. Ist es die bessere technische Ausstattung? Die ständige Verfügbarkeit von Spezialisten? Oder die größere ärztliche Erfahrung der Geburtshelfer?

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