Gesundheit : Große Meister

Berliner Mischung: Nirgendwo in Deutschland kann man vielfältiger Kunst studieren

Sören Kittel

Abiturdurchschnitt? Praktikumszeugnis? Latinum? – Weder Frieda Kahlo noch Joseph Beuys wurden je danach gefragt. Und auch heute gelten für angehende Künstlerinnen und Künstler andere Voraussetzungen. In diesen Tagen beginnt der Reigen der Aufnahmeprüfungen für das Wintersemester. Immer dabei: die Mappe mit Fotos, Zeichnungen, Aufnahmen von Skulpturen – und inzwischen auch Kurzfilme oder dokumentierte Aktionskunst.

Wer sich in Berlin für ein Kunststudium bewerben will, fertigt besser gleich zwei Kopien seiner Mappe an. Zwischen Funkturm und Fernsehturm gibt es nämlich zwei Kunsthochschulen: die große Universität der Künste (UdK) in der City West und die kleinere Kunsthochschule Weißensee (KHB) im Osten der Stadt. Die UdK hat mit ihren fast 4000 Studierenden und rund 500 Absolventen fünfmal so viele wie die KHB. Dort schließen jedes Jahr knapp hundert der insgesamt rund 600 Studierenden ab.

Als Konkurrenten sehen sich die beiden Schulen jedoch nicht, wie beide Präsidenten beteuern. Im Gegenteil. Die Hochschulen arbeiten schon jetzt in einigen Bereichen zusammen. Sie benutzen Werkstätten gemeinsam, erkennen wechselseitig ihre Scheine an.

Was die Lernbedingungen angeht, können Studierende anderer Berliner Universitäten nur neidvoll auf die angehenden Künstler schauen. Ein Jahrgang Modedesign an der KHB besteht aus 12 Studierenden – hochschulweit liegt der Durchschnitt bei 15 Teilnehmern. Und selbst wenn in der UdK schon 45 Studierende in der Klasse eines Professors sind, treffen sie nur selten in einem Raum zusammen. Und die Studentinnen und Studenten beider Hochschulen erzählen davon, dass sie rund um die Uhr Zutritt zu ihren Ateliers haben und fast alle in der Regelstudienzeit zum Abschluss kommen. Dass viele die Handynummern ihrer Professoren auswendig kennen, erinnert an das vorbildliche Betreuungsverhältnis an amerikanischen Elite-Universitäten.

Wie zum Beweis klingelt während des Gesprächs mit dem frisch gewählten UdK-Präsidenten Martin Rennert dessen Mobiltelefon. Der 51-Jährige vertröstet seinen Studenten für einen Augenblick und betont, wie sehr er diesen Kontakt schätze. Nur so könne man „die Studierenden für das Visuelle und Akustische wirklich öffnen“, sagt der Professor für Konzertgitarre mit leuchtenden Augen. Rennert will zum „Gestaltungsraum im Kopf des Studierenden“ Zugang erhalten. Seit dem 10. Januar dieses Jahres leitet er die Universität der Künste.

Der Rektor der Kunsthochschule Weißensee, Gerhard Strehl, spricht von einem „Privileg“, immer von jungen Menschen herausgefordert zu werden. Auf die Frage, welche studentische Arbeit ihn in letzter Zeit besonders beeindruckt habe, fällt dem 62-Jährigen spontan keine ein. Doch der KHB-Rektor hatte in letzter Zeit andere Sorgen: Nach „schwierigen Verhandlungen“, wie er sagt, unterzeichnete er erst kürzlich die neuen Hochschulverträge – zusammen mit der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ (HfS). Strehl hat gemischte Gefühle, wenn er an diesen Tag denkt. „Den so genannten drei kleinen Kunsthochschulen wurden darin schließlich einige Auflagen erteilt“, sagt Strehl: Verwaltungsabteilungen werden zusammengelegt, ein gemeinsames IT-Service-Center gibt es bereits, für die Bereiche Personal und Haushalt sollen noch weitere Fusionen folgen. Zumindest sichere der Hochschulvertrag wirtschaftliche Planungssicherheit und Autonomie in der Lehre zu.

Kürzungen und Geldprobleme kennt auch die Universität der Künste: In den letzten Jahren musste sie insgesamt 211 Stellen abbauen, darunter 84 Professuren. Doch künstlerisch, da ist sich Rennert sicher, „wehen in der UdK noch immer viele Geister“. Deren Professorenschaft decke alles ab – von traditionellen Kunstauffassungen bis hin zur Avantgarde, zu modernsten Techniken. Große Meister zu kopieren sei aber völlig ausgeschlossen, betont Rennert. Und unnötig, mit Blick auf die Liste der hauseigenen Vorreiter: Georg Baselitz, Vivienne Westwood und Günter Grass, um nur einige zu nennen, hinterließen ihre Spuren in der UdK. Heute sind es Namen wie Stan Douglas, Rebecca Horn und Daniel Richter, die die Universität international bekannt machen.

Deutschlands Spitzenreiter bei internationalen Beziehungen ist laut Strehl die KHB in Weißensee. Mit mehr als 60 Kunsthochschulen in Europa steht die Universität im Kontakt sowie weiteren Einrichtungen in Amerika, Australien, Israel, Japan und China. Um den Ruf der KHB macht sich ihr Rektor also keine Sorgen: „Das Provinzielle von ‚Weißensee’ im Namen ist inzwischen zur Marke geworden“, sagte er. „Und aufgrund der Lage und der geringen Größe der Schule kennt jeder jeden und hat seine zwei Quadratmeter Heimat.“ Diese Besonderheit wird auch durch das gemeinsame Grundstudium gestützt. Egal, was die Nachwuchskünstler studieren, ob Freie Kunst, Mode oder Malerei – alle erhalten in der KHB die gleichen künstlerischen Grundlagen.

Bis zum Diplom müssen auch Produktdesigner Gotik von Romanik unterscheiden können. „Und diese persönlichen Verbindungen übertragen sich dann über das ganze Studium“, sagt Strehl. Andreas, Diplom-Bildhauer der KHB, hat davon profitiert. Seine Kontakte zu Modedesignern und Videokünstlern hätten das gesamte Studium gehalten, sagt er. Allerdings glaube er nicht, „dass sich Interdisziplinarität erzwingen lässt“. Das ergebe sich vielmehr beinah automatisch durch den übersichtlichen Grundriss der Schule, einer ehemaligen Schokoladenfabrik.

Der UdK-Student Phillip dagegen findet gerade das Alleinsein wichtig: „Ich will ja auch später keine Horde Menschen in meinem Atelier“, sagt der 23-Jährige. Allerdings vermisst Phillip an der UdK die wirkliche Vorbereitung auf den späteren Kunstmarkt. Die Universitätsleitung verweise zwar immer auf das Career-Center, sagt seine Kommilitonin Katja. „Aber ich kenne niemanden, der diese Kurse auch besucht“, fügt sie selbstkritisch an. Dafür genießen die beiden, wie alle anderen Kunst-Studierenden an der UdK, die Freiheit, wochenlang an einem Werk arbeiten zu können, ohne sich um Hausarbeiten oder Theorieprüfungen kümmern zu müssen. „Das führt dazu, dass man wochenlang niemanden sieht und nur noch im Atelier ist“, sagt Katja.

Doch allein schon ihre finanzielle Situation sorgt dafür, dass die Studierenden nicht den Kontakt zur Realität verlieren. Die Konkurrenz auf dem freien Markt ist groß: 4000 bis 5000 freischaffende Künstler leben in Berlin. Laut Bericht des Berliner Senats können nur fünf Prozent davon ihren Lebensunterhalt durch ihre Kunst bestreiten. Und so speist sich der geheime Stolz der Kunststudenten daraus, dass Berlins Gastronomie ohne sie sofort zusammenbrechen würde.

Um Künstler besser auf künftige Härten vorzubereiten, sei die Ausbildung an der KHB „strukturierter“ als an der UdK, sagt KHB-Rektor Strehl – friedliche Koexistenz hin oder her. „Das Arbeiten im stillen Kämmerchen funktioniert eben nicht mehr.“ So müssten Studierende lernen, einen Businessplan zu erstellen, Honorare zu verbuchen und Schutzrechte einzuklagen. Auf so genannten „Pitchings“, bei denen Studenten ihre Projekte einer Jury für eine Ausstellung oder ein Festival vorstellen, müssen sich die Künstler gegen eine große Konkurrenz durchsetzen.

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