Gesundheit : Großer Sprung an Chinas Universitäten

Pekings Regierung pumpt Milliarden in Forschung und Bildung. Die Unis sind auch für Deutsche attraktiv

Harald Maass[Peking]

Als Bente Wittmaack im Sommer an die Pekinger Jingmao-Universität kam, wollte sie eigentlich nur ein Jahr in China die Sprache lernen. Die 25-Jährige, die bisher in Zwickau Wirtschaftsinologie studierte, fand im Wohnheim ein Zimmer, das sie sich mit einer Mongolin teilt. Morgens vor dem Sonnenaufgang übt sie mit ihren Kommilitonen Tai-Chi. Tagsüber büffelt sie chinesische Schriftzeichen. Mittlerweile ist Wittmaack von der Universität und dem Unterricht so begeistert, dass sie ihr Studium in Deutschland aufgeben und ihren Abschluss ganz in China machen will.

Ein Studienabschluss aus der Volksrepublik? Bis vor wenigen Jahren galten Chinas staatliche Universitäten als hoffnungslos veraltet und ideologisch verkrustet. Selbst Sinologen gingen zum Sprachstudium lieber nach Taiwan. Mittlerweile schreiben sich jedoch immer Deutsche in China ein. An der renommierten Tsinghua-Universität in Peking nehmen derzeit 20 angehende Maschinenbau-Ingenieure von der Technischen Hochschule Aachen an einem Masterkurs teil. In Schanghai gibt es ein deutsch- chinesisches Studium zur Stadtentwicklung, im südlichen Nanjing werden Kommunikationswissenschaftler ausgebildet.

Das einst exotische China wird mittlerweile als Land mit Zukunftschancen gesehen. „In Zukunft werden viel mehr Deutsche zum Studium nach China gehen“, sagt Thomas Schmidt-Dörr, der Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Peking.

Bente Wittmaack ist überzeugt, dass ihr das Studium in China später bei der Karriere helfen wird. „China wird in den nächsten Jahrzehnten zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Erde aufsteigen“, prophezeit die junge Frau. Im Bistro neben dem Wohnheim trinkt sie Caffè latte, an den Nachbartischen surfen Studenten mit ihren Laptops im Internet. „Um Chinesisch richtig zu lernen, ist ein Jahr zu kurz“, erklärt Wittmaack. Deshalb will sie mindestens vier Jahre in China bleiben und einen Bachelor machen, entweder in Wirtschaftschinesisch oder in Internationalen Handel. Dass der chinesische Unterricht sehr viel verschulter ist als in Deutschland, stört sie nicht. Im Gegenteil: „Die Leute hier sind ganz aufs Studium fixiert, was mir gefällt“, sagt Wittmaack, die in ihrer Klasse die einzige Europäerin ist. „In Zwickau wurde man schief angeschaut, wenn man mehr als notwendig studierte.“

Chinas Universitäten haben zum großen Sprung angesetzt. Seit 1978 ist der Anteil der Hochschulabsolventen einer Generation von 1,4 Prozent auf heute rund 20 Prozent gestiegen. Im größten Hochschulwesen der Welt gibt es mehr als 1500 Universitäten. Im vergangenen Jahrzehnt verfünffachte sich die Zahl der chinesischen Studenten auf 20 Millionen. „Die Universitäten platzen aus allen Nähten, sie gleichen Großbaustellen“, sagt Schmidt-Dörr.

Die Hochschulen sollen den kommenden Jahren ein Millionenheer an Ingenieuren und Fachleuten ausbilden, die China von einem Billiglohnland zu einer modernen Industrienation und einem Hightech- Standort transformieren sollen. So plant es zumindest Pekings Regierung. In den vergangenen Jahren investierte sie Milliardenbeträge, um Universitäten zu modernisieren und die Ausbildung zu verbessern. Zwischen 1998 und 2003 verdoppelten sich die staatlichen Zuschüsse für höhere Bildung auf rund 85 Milliarden Yuan (rund neun Milliarden Euro).

Mit großzügigen Gehältern und modernen Forschungseinrichtungen gelang es Peking zudem, einige der chinesischstämmigen Topforscher samt ihrem Know-how aus dem Ausland zurückzuholen und in die heimischen Hochschulen einzubinden. Seit Chinas Öffnung sind mehr als 700 000 Chinesen zum Studium ins Ausland gegangen, vor allem in die USA. Für den Computerspezialisten Andrew Chichih Yao, der Princeton den Rücken kehrte, um an der Tsinghua-Universität zu lehren, war es eine patriotische Entscheidung. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, woanders hinzugehen, selbst wenn ich dort gleiche Bedingungen gehabt hätte“, sagt Yao.

Ob und wann Chinas Universitäten tatsächlich den Anschluss an die internationale Forschungsspitze schaffen, ist offen. Gefördert werden vor allem die Elitehochschulen wie die Peking-Universität, die Tsinghua- und die Schanghaier Tongji-Universität, die in den vergangenen Jahren riesige Prachtbauten und modernste Labors eingerichtet haben.

In den meisten anderen Hochschulen leben die Studenten bis heute in düsteren Acht-Bett-Zimmern und werden nach Lehrplänen aus den 70er Jahren unterrichtet. Die meisten Forschungsgelder gehen zudem in nationale Prestigeprojekte, wie die Raumfahrttechnik oder Biowissenschaften. In diesen Bereichen werde zum Teil heute schon auf internationalem Spitzenniveau geforscht, sagt Schmidt-Dörr. „Insgesamt fehlt China aber noch die Grundlagenforschung.“

Wie in Japan und Korea ist für Chinesen die alles entscheidende Hürde die Aufnahmeprüfung zur Universität. Der Druck durch die Eltern und die Umgebung ist so groß, dass viele Chinesen ihre gesamte Kindheit und Jugend mit Pauken verbringen. In der Pisastudie gehören asiatische Schüler deshalb zu den besten der Welt. Die persönliche Entwicklung findet oft erst statt, wenn man auf der Uni ist und der Druck abfällt. „Wer einmal immatrikuliert ist, der kann sich im Grunde gelassen zurücklehnen“, sagt Schmidt-Dörr. Chinas Studenten sind oft so sehr beschäftigt, ihre persönliche Entwicklung nachzuholen, dass für Spitzenforschung keine Zeit bleibt. Eine Ausnahme bilden die wenigen Eliteuniversitäten.

Das größte Problem der chinesischen Universitäten ist jedoch der Mangel an akademischer Freiheit, der Mangel an Freiheit in der Gesellschaft. Wer eine Magisterarbeit in einem geisteswissenschaftlichen Fach schreibt, muss darin bis heute die Parteipropaganda und den „Sozialismus mit chinesischer Charakteristik“ runterbeten. Internetforen der Unis werden von der Staatssicherheit zensiert, politisch aktive Studenten festgenommen.

„Die chinesischen Studenten sind anders geprägt als wir“, sagt der Maschinenbaustudent Michael Neumann aus Aachen, der seit August ein Auslandsjahr an der Tsinghua-Universität absolviert. Zwar imponiert dem 23-Jährigen der Fleiß seiner chinesischen Mitstudenten, die oft auch am Wochenende bis spätabends in der Bibliothek lernen. Im Gegensatz zu den Deutschen seien sie jedoch oft nur Frontalunterricht gewohnt.

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