Gesundheit : Grundvoraussetzung, um mit den Realitäten an der Uni klarzukommen

Heike Anger

Das Verdrängen ist ein unumgänglicher Mechanismus im Leben eines jeden Studierenden. Es wird durch die Naturgesetze der Universität heraufbeschworen und im Studienalltag vorzüglich gefördert. Wer könnte überhaupt eine Bibliothek betreten, ohne die Gewissheit beiseite zu schieben, dass das gewünschte Buch verliehen und bereits viermal vorbestellt ist? Und würde nicht umgehend aus dem Bewusstsein verbannt, dass die zu schreibende Hausarbeit nach der Abgabe nie wieder Beachtung findet, könnte mit dem Werk wohl kaum begonnen werden. Das Verdrängen ist quasi Grundvoraussetzung, um mit den Realitäten an der Uni klarzukommen.

Nun eignen sich die Semesterferien vortrefflich, zu vergessen, dass man verdrängt. Ein Anruf, um die Kinozeiten zu erfahren, ein freundliches Telefonat mit dem ja eigentlich für Patzigkeit prädestinierten Finanzamt, und schon glaubt man, losgelöst vom Unialltag, es gebe nichts natürlicheres als den Hörer in die Hand zu nehmen und Fragen loszuwerden. Glücklicherweise scheint das Personal an der Uni für solche fatalen Fälle von Verdrängungsvergesslichkeit geschult zu sein. Nur so ist es zu erklären, dass ein einziges Telefongespräch ausreichte, eine anscheinend durch die Semesterferien völlig ungezügelte Studentin auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Die griff nämlich morgens einfach so zum Telefon, um den Termin der nächsten Sprechstunde eines Professors in Erfahrung zu bringen und die Eventualität einer plötzlich aufgetretenen Krankheit desselben auszuräumen. "Für so was haben wir hier aber gar keine Zeit!", wies die hörbar empörte Sekretärin diese wirklich ungezogene Frage zurück. "Die Zeiten hängen an der Tür des Professors aus, da können Sie ja hingehen!"

Es kann nur am Vergessen liegen, dass die Studentin nicht sofort das Verdrängen aktivierte, um sich mit diesen bürokratischen Gegebenheiten zu arrangieren. Sie verspürte Erklärungszwang: Der Weg zur Uni sei weit und es wäre nicht nur unverhältnismäßig, eine Stunde zu fahren, um an eine Tür zu blicken, sondern auch ärgerlich, dann festzustellen, dass die Sprechstunde gerade vor fünf Minuten zu Ende gegangen sei. Die Sekretärin ließ die Anruferin berechtigterweise zappeln und und war sich ihrer bedeutungsvollen Aufgabe bewusst. Lag es doch in ihrer Hand, das Ende der Semesterferien einzuläuten und der Studentin wieder ins Gedächtnis zu rufen, nach welchem Gesetz in diesem Fall das Unileben funktioniert: Man muss verdrängen, wie kompliziert es ist, Auskünfte zu erhalten, weil man sonst gar keinen Elan mehr aufbringt, überhaupt etwas wissen zu wollen!

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