Gesundheit : Günter Baron: Der Mann, der den Briten die Welt gezeigt hat

Anne Strodtmann

Günter Baron, der Leiter des Hauses II der Staatsbibliothek, geht Ende Mai in den Ruhestand. Als er am 2. Mai 1979 seinen Dienst in der Staatsbibliothek aufnahm, war der Scharounbau in der Potsdamer Straße knapp ein halbes Jahr alt und die Sensation in Berlin. Ob Staatsempfänge oder Festveranstaltungen der Parteien - die neue Staatsbibliothek gab den optimalen Rahmen. Das Besuchsprogramm für ausländische Gäste sah eine Führung durch Deutschlands modernste Bibliothek fast zwangsläufig vor.

So hatte Baron zur Zeit des Falklandkrieges den damaligen britischen Außenminister Sir Geoffrey Howe durch das Gebäude zu führen. Im Kartenlesesaal stand ein großer Globus mit einem Durchmesser von rund 1,50 Meter. "Sehen Sie, Herr Minister", erklärte Baron und tippte auf die Nordhalbkugel, "hier oben liegt Großbritannien". Dann beugte er sich tief hinab zur Südhalbkugel "und hier unten sind die Falklands". Die Wirkung sei verblüffend gewesen, erzählt Baron. Der Minister sei blass geworden ob der Anspielung auf die entlegene Region, in der sein Land Krieg führte.

Baron kann auf mehr als zwei Jahrzehnte zurückblicken, in denen entscheidende Weichen für die Staatsbibliothek gestellt wurden. Die Aufgaben der Bibliotheksleitung im Jahre 1979 waren denen der 90er Jahre durchaus vergleichbar. Es ging darum, die seit Kriegsende auf mehrere Orte verteilten Bestände wieder zusammenzuführen - zumindest die im Westen. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 standen die Verantwortlichen vor der historisch einmaligen Aufgabe, zwei Bibliotheken zusammenzuführen. Beide konnten sich zwar auf dieselbe Wurzel berufen, hatten sich aber in mehr als 40 Jahren auseinander entwickelt. Auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen.

Das Stadtschloss wäre zu klein

Aber das Zwei-Häuser-Modell, das 1990 erarbeitet worden ist, hat sich als tragfähig erwiesen, auch wenn es hin und wieder klemmt. Natürlich hält auch Baron ein einziges Haus für alle Bibliotheksbereiche für wünschenswert, aber zur Zeit für nicht realisierbar. Die Idee, man könne die Staatsbibliothek doch im Stadtschloss unterbringen, wenn es wieder errichtet werden sollte, "ist zwar faszinierend, aber leider nicht durchführbar. Denn so groß dieses Schloss auch sein würde, für den Raumbedarf einer Bibliothek mit knapp zehn Millionen Titeln wäre es zu klein." Und ein mehrgeschossiges Magazin in den Keller zu verlegen, verbiete sich, weil das Schwemmland der Spreeinsel dafür nicht geeignet sei. Überhaupt gebe es heute praktisch keine Bibliothek dieser Größe mehr, die alle ihre Bestände in einem Haus unterbringen könne.

Bibliothekare standen lange in dem Ruf, sich mit aller Kraft gegen den Einzug von Computern in ihre Bibliotheken zu stemmen. Baron gehört offensichtlich nicht dazu. Er setzte sich von Anfang an für die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung ein. "Das war in der Staatsbibliothek gar nicht so schwierig", erinnert er sich. Bereits in den 1970er Jahren war mit dem Aufbau rechnergestützter Zeitschriftendatenbanken begonnen worden als Arbeitsinstrument für die Bibliothekare. Die Staatsbibliothek war gegenüber elektronischen Katalogen für die Buchbestände sehr aufgeschlossen. Für eine erfolgreiche Umsetzung entsprechender Pläne wäre allerdings eine Unterstützung der Politiker notwendig gewesen. Die kam jedoch nur sehr halbherzig. Angesichts dieser Erfahrungen ist für Baron der Vorwurf ungerechtfertigt, Berlins Bibliotheken hätten den Zug der Zeit verschlafen, den der damalige Staatssekretär Erich Thies erhoben hatte. Den Beweis liefert Baron mit Daten: Bereits 1981 habe es zwischen den Berliner Bibliotheken und dem Deutschen Bibliotheksinstitut (DBI) eine Absprache über einen Verbundkatalog gegeben. Und 1985 ging in der Staatsbibliothek der erste Computer-Katalog in den Routinebetrieb. Bis 1990 hätten sich dem Verbund weitere Bibliotheken angeschlossen. Einen positiven Effekt habe der Vorstoß von Thies aber doch gebracht: Endlich gab es die notwendige politische Unterstützung. Seine Initiative habe letztlich zum Kooperativen Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg (KOBV) geführt, dem sich jetzt auch die Stabi anschließen wird.

Modernster elektronischer Katalog

Zunächst sei es, so Baron, für die Staatsbibliothek wichtiger gewesen, sich an einen größeren Bibliotheksverbund zu binden als an den verhältnismäßig kleinen der Berliner Region. Den großen Zugriff auf möglichst viele Daten hat sie im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) gefunden, in dem die Bibliotheken von sieben bundesdeutschen Ländern vertreten sind. Seit Oktober 1999 arbeitet die Staatsbibliothek in Berlin routinemäßig mit dem PICA-System des GBV, das im Januar dieses Jahres noch weiter modernisiert wurde. Damit verfügt Berlin über den modernsten elektronischen Katalog. Für seinen Einsatz bei der Einführung der EDV in der Staatsbibliothek erhielt Baron 1990 das Bundesverdienstkreuz.

Einen weiteren Erfolg konnte Baron für die Staatsbibliothek verbuchen: Im Januar haben sich die Staatsbibliothek zu Berlin, die Anna Amalia Bibliothek in Weimar, die Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern und die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen zusammengeschlossen, um eine Datenbank für historische Landkartendrucke zu erstellen. Betrieben wird diese Datenbank in Berlin. Für all diese Vorhaben musste Baron die finanziellen und personellen Bedingungen schaffen. Dazu gehört die Förderung geeigneten Nachwuchses. Er hat das mit einer Kombination von Ausbildung im eigenen Haus und Kooperation mit anderen Einrichtungen erreicht. In den nächsten Jahren geht rund jeder zweite Bibliotheksangestellte in den Ruhestand. Davon soll ein Innovationsschub für die Stabi ausgehen.

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