Gesundheit : Gut für die Natur

Warum wir die grüne Gentechnik brauchen – eine Antwort auf Markus Söder Von Lothar Willmitzer

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Markus Söder, Generalsekretär der CSU und einer der einflussreichsten Politiker in der gegenwärtigen Koalition, hat im Tagesspiegel vom 16. Juni unter der Überschrift „Nicht die Natur dem Kommerz opfern“ eine sehr kritische Stellungnahme zur grünen Gentechnik verfasst. Sie gipfelte in der Forderung nach einem Moratorium für die grüne Gentechnik. In der Stellungnahme sind eine Reihe von Aussagen enthalten, die nicht unwidersprochen bleiben können.

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass gentechnisch veränderte Pflanzen eine Vielzahl von Chancen bieten, die mittels klassischer Züchtungsverfahren nur schwer oder nicht realisierbar sind. Dieses wird auch von Herrn Söder erfreulicherweise nicht bezweifelt. Was Herr Söder in Frage stellt, ist, dass die Folgen für Umwelt und Ökosysteme hinreichend erforscht sind, dass es einen konkreten Nutzen der Grünen Gentechnik gibt, dass Nahrungsmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen unbedenklich sind und letztlich, dass wir in die Schöpfung eingreifen dürfen.

Auf die Mehrzahl dieser Fragen gibt es klare Antworten.

Die Folgen für Ökosysteme und Umwelt sind in Bezug auf gentechnisch veränderte Pflanzen so gut erforscht, wie für kein anderes vom Menschen in die Umwelt eingebrachtes System. Ja, man kann sogar davon sprechen, dass die Ökosystemforschung von den Begleituntersuchungen an transgenen Pflanzen profitiert – nicht zuletzt durch die im Rahmen der Risikoforschung/Begleitforschung eingesetzten hunderte Millionen an Forschungsdollars und -euros weltweit.

Alle Untersuchungen haben keinen Hinweis darauf ergeben, dass durch den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen ein neues oder zusätzliches Risiko entsteht. Es konnten im Rahmen des großflächigen Anbaus (mehr als 453 Millionen Hektar weltweit zwischen 1997 und 2005) keine negativen Einflüsse auf Umwelt, Mensch und Tier dokumentiert werden. Mir ist keines der von Gentechnikkritikern angeführten Beispiele bekannt, dass einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten hätte.

Man kann natürlich immer noch einwenden, dass das zu wenig Forschung sei. Aber es sei die Frage erlaubt, wo Vergleichbares für den Ökolandbau gemacht wurde. Auch im Ökolandbau werden Wildkräuter, Krankheiten und Schädlinge bekämpft. Zu ihrer Bekämpfung werden Kupfer, Paraffin- und Mineralöl, parasitierende Insekten oder Mikroorganismen wie Bakterien, Viren oder Pilze und Pflanzenextrakte eingesetzt.

Im Lebensmittelbereich ist gleichfalls kein einziges wissenschaftlich belegtes Beispiel bekannt, nach dem ein für die Kommerzialisierung zugelassenes Nahrungsmittel aus gentechnisch veränderten Organismen Pflanzen, Mensch oder Tier geschadet hat. Ganz im Gegenteil gilt hier, dass solche Nahrungsmittel vor der Kommerzialisierung umfangreich geprüft werden, einschließlich toxikologischer Studien. Dies gilt für keine anderen Nahrungsmittel. Von daher ist es sicherlich nicht falsch festzustellen, dass die Nahrungsmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen deutlich sicherer sind als ungeprüft auf dem Markt gelassene.

Eine dritte Frage, die Herr Söder stellt, ist die nach dem Nutzen. Auch hier belegen viele Beispiele, dass der Anbau von zum Beispiel herbizidresistenten Pflanzen zu weniger Chemie auf dem Acker, aber auch zu weniger Erosion führt, weil das Pflügen wegfällt.

Daneben gibt es aber auch direkte Vorteile für die Menschen. So hat transgene Baumwolle sowohl in Indien als auch in China zu weniger Insektiziden, höheren Ernten und deutlich weniger Todesfällen bei den Bauern geführt. Als weiteres Beispiel sei der Vitamin-A-haltige „goldene Reis“ erwähnt. Jedes Jahr erblinden bis zu 500 000 Kinder wegen eines Vitamin-A-Mangels. Der von Schweizer und deutschen Wissenschaftlern entwickelte goldene Reis könnte eine signifikante Verbesserung der Situation dieser Menschen bringen. Die Entwicklung des goldenen Reis wird aber von Organisationen wie Greenpeace geradezu fanatisch bekämpft. Kein Nutzen der grünen Gentechnik? Aus christlicher Sicht ist das kaum nachvollziehbar.

Das letzte Argument ist das nach der Berechtigung des Eingriffs in die Schöpfung. Es ist ein sehr persönliches und sollte daher respektiert werden. Es sei jedoch daran erinnert, dass so gut wie alle die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellenden Pflanzen ohne gezielte und geplante Eingriffe in das Erbgut über Züchtungsverfahren einschließlich Mutationen und Kreuzungen über Artgrenzen hinweg nicht entstanden wären.

Was sind die Schlussfolgerungen des Herrn Generalsekretär Söder?

Er leitet aus seinen Fragen ab, nichts zu tun. Stattdessen solle ein Moratorium erlassen werden, das den großflächigen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen für fünf Jahre stoppt, um damit zu symbolisieren, dass Sicherheit vor Kommerz geht. Er schlägt vor, die Bevölkerung und die Landwirte zu bevormunden, indem sowohl der Anbau als auch der Verkauf von gentechnisch veränderten Pflanzen für die nächsten Jahre untersagt wird. Das heißt, er gibt dem Verbraucher und Landwirt noch nicht einmal die Chance, selbst zu wählen und zu entscheiden. Wo bleibt da der mündige Bürger?

Besonders interessant aber ist es, wenn Söder die medizinische rote Gentechnik als Erfolg hinstellt. Diese Aussage ist politisch inzwischen völlig unbedenklich, da selbst die schärfsten Kritiker die Erfolge der roten Gentechnik nicht mehr leugnen können. Aber es sei daran erinnert, dass vor 20 Jahren mit den gleichen Argumenten, die Herr Söder heute gegen die grüne Gentechnik anführt, gegen die rote Gentechnik argumentiert wurde. Auch damals gab es ein langes Moratorium – um den Preis der Vernichtung oder Verlagerung von Arbeitsplätzen.

Der Autor ist Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Golm.

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