Gesundheit : Gut in Mathe und Englisch, aber kein Vorbild

Franziska Klumpp

"Die Schulkrise ist ein gesellschaftliches Problem", titelte unlängst die größte Tageszeitung Schwedens "Dagens Nyheter". Da stutzt der deutsche Leser. Die Schweden waren doch beim internationalen Schulvergleich TIMSS 1997 unter den Besten im mathematischen Testbereich. Außerdem weiß man ja, wie gut die Skandinavier moderne Fremdsprachen, also Englisch, sprechen. Neidisch könnte man werden angesichts der Lage unseres eigenen Schulwesens.

Aber der Schein trügt, Schwedens Schulen kämpfen mit Sparzwängen, akutem Lehrermangel und sinkenden Schülerleistungen. Sie haben also ganz ähnliche Probleme wie die deutschen Schulen. "Bildung für alle" heißt seit Jahrzehnten das Ziel schwedischer Schulpolitik, man setzt auf Integration statt Selektion. Jeder Schüler hat das Recht auf individuelle Förderung innerhalb des Einheitsschulsystems. Deshalb werden in den ersten acht der obligatorischen neun Grundschuljahre Leistungen nicht benotet, sondern verbal beurteilt. Jedes Jahr wird für jeden Schüler von den Fachlehrern ein individueller Lernplan erstellt, der Lernvoraussetzungen, realistische Ziele und konkrete Lernhilfen benennt. In halbjährlichen Fördergesprächen stellen Lehrer und Schüler anhand dieses Planes gemeinsam die Fortschritte fest und setzen neue Ziele.

Auf Kernfächer reduziert

Von der neunten Klasse an wird auf einer vierstufigen Skala benotet, wobei die "Kernfächer" Schwedisch, Englisch und Mathematik besonderes Gewicht haben, weil sie entscheidend für den Übergang in die Oberschule sind: Mindestens ausreichende Leistungen müssen in diesen Fächern nachgewiesen werden. Die Folge: In den letzten Grundschuljahren konzentriert sich die Förderung auf diese drei Fächer, so dass die Grundschule zur Drei-Fächer-Schule zu verkommen droht. Die Bedeutung der Kernfächer erklärt teilweise den Erfolg der schwedischen Schüler im Mathematik-Teil des Schulvergleichs TIMSS. "Hinzu kommt", so Roger Ludwigsson von der Lehrergewerkschaft lärarnas riksförbund am Gymnasium Tumba bei Stockholm, "dass der Mathematikunterricht bei uns auf praxisnahe Aufgaben fokussiert", den Aufgabentyp der TIMSS-Studie. Auf die theoretische Mathematik, die wesentlicher Bestandteil der deutschen Rahmenpläne ist, wird weniger Wert gelegt.

Aber die Schweden fallen auch durch besonders gute Englisch-Kenntnisse aus dem Rahmen. Englisch hat nicht nur eine Sonderstellung - ausschlaggebend ist auch, dass Schwedisch eine kleine Sprache ist. Für Sprecher einer Minoritätensprache ist die Beherrschung anderer Sprachen unumgänglich. Dabei hat die kulturelle sowie sprachliche Ausrichtung auf Amerika inzwischen die traditionelle Orientierung an Deutschland und Frankreich verdrängt. Das Englische allein hat Prestige und ist durch die nicht synchronisierten amerikanischen Filme und Serien, die das Fernsehprogramm dominieren, Teil der Alltagskultur. Das trägt zweifellos zur Sprachkompetenz vieler Schüler bei.

Förderung ohne Erfolg

Um auch leistungsschwache Schüler zu integrieren, wurde das "individuelle Programm" ins Leben gerufen mit dem Ziel, durch gezielte Einzelförderung in den Kernfächern den Weg in die Oberschule zu ebnen. In der Praxis ist dieses Programm jedoch als Auffangbecken für "hoffnungslose Fälle" stigmatisiert und außerordentlich unbeliebt. Denn nur wenige der Geförderten schaffen tatsächlich den Sprung in die Oberschule.

Das Gymnasium umfasst in Schweden sowohl die Bildungsgänge, die zum Studium befähigen sollen, als auch alle berufsbildenden Zweige. Auch das Gymnasium soll "eine Schule für alle" sein. Kein Schüler darf wegen mangelnder Leistungen von einem Bildungsgang ausgeschlossen werden. Nach den üblichen Tests im Lesen, Schreiben und Rechnen am Beginn der Oberstufe werden Schüler mit auffälligen Fehlerquoten an den schuleigenen Sozialpädagogen weitergeleitet, der durch weitere Tests die spezifischen Defizite erkennen, den Schülern Lernstrategien anbieten und sie bei der Kurswahl beraten soll. Entsprechende Hinweise erhalten auch die Fachlehrer, damit sie die individuellen Bedürfnisse in ihrer Unterrichtsplanung berücksichtigen.

Auf diese Weise sind die Lehrer mit extrem heterogenen Lerngruppen konfrontiert, denn sowohl Schüler mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche als auch Schüler mit psychomotorischen Problemen sollen integriert gefördert werden. Dies ist in wachsenden Lerngruppen mit meist über zwanzig Schülern aber kaum möglich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kommen auf einen schwedischen Lehrer in der Oberstufe 17, auf einen deutschen dagegen nur 13,6 Schüler. Gerade ein integrativer Ansatz fordert ein hohes Maß an Zuwendung, das heißt mehr Lehrer müssten sich um weniger Schüler kümmern. Dennoch scheitert die Einstellung von mehr Lehrern an der kommunalen Schulverwaltung, die seit den 90er Jahren einen schmerzhaften Sparkurs fährt.

Anders als erhofft, hat die kommunale Selbstverwaltung Kommunalpolitiker und Schule einander nicht näher gebracht. Ganz im Gegenteil, die bestehende Kluft scheint größer zu sein, als vor der Verwaltungsreform unter Bildungsminister Göran Persson 1989 bis 1991. So dezimieren die Abwanderung von Lehrpersonal in die Wirtschaft, Frühpensionierung und Langzeitkrankschreibungen die ohnehin knappe Lehrerzahl mit spürbaren Folgen für den Schulalltag. Vielerorts werden die Vertretungsstunden grundsätzlich von Abiturienten des Vorjahres unterrichtet und Fachleute ohne pädagogische Qualifikation helfen aus. Laut Schwedens Nationalstatistik haben 18 Prozent der fest angestellten Lehrer keinen pädagogischen Hochschulabschluss. "In vier Jahren", so Solveig Eklund, stellvertretende Vorsitzende der Lehrergewerkschaft lärarförbundet, "wenn gleichzeitig mit der anstehenden Pensionierungswelle die geburtenstarken Jahrgänge der späten 80er Jahre in die Oberstufe wechseln, werden es über 20 Prozent sein". An einzelnen Schulen haben schon jetzt zwei Drittel der Lehrerschaft kein pädagogisches Examen.

Schlechte Studienvorbereitung

Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die Oberschule eine ihrer Aufgaben, die Schüler auf das Studium vorzubereiten, nur noch bedingt erfüllt. Bei wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen belegen 40 Prozent, bei naturwissenschaftlichen Fächern bis zu 86 Prozent der Abiturienten zwei- bis dreijährige Vorbereitungskurse, um sich die nötigen fachlichen Grundlagen für das Studium anzueignen.

Nur wenige wollen Lehrer werden

Das größte Problem ist jedoch der Mangel an Nachwuchs. Vergleichsweise geringe Gehälter schrecken potenzielle Lehramtsstudenten ebenso ab wie die enorme Arbeitsbelastung. Als Gymnasiallehrer verdiente Bert Fransson nach 32 Dienstjahren an Stockholmer Schulen monatlich 22 000 Kronen (ca. 4500 Mark). Seine Tochter erhielt als Betriebswirtin ein Einstiegsgehalt von 28 000 Kronen (ca. 5800 DM). Dabei verbrachte Fransson nicht nur die 35 obligatorischen Wochenstunden in der Schule. Durch die individuelle Förderung seiner Schüler außerhalb des Unterrichts, Verwaltungsarbeit, vorzuarbeitende Feiertage und Korrekturzeit kam er leicht auf eine Wochenarbeitszeit von 45 bis 50 Stunden oder mehr. Er zog die Konsequenzen, nahm seinen Abschied und verdient sein Geld nun als Daytrader.

Lange wurde versucht, die integrative Strategie auf Kosten der verbleibenden Lehrer durchzusetzen. Dies kann auf Dauer nicht gelingen; inzwischen ist die Lehrerschaft mit einem Durchschnittsalter von 52 Jahren älter als die deutsche, die durchschnittlich 47 Jahre alt ist. Viele Eltern empfinden das Integrationsprinzip der staatlichen Schule als Gleichmacherei, die zu Lasten der Begabten geht, und schicken ihre Kinder auf selektive Privatschulen. Die ideologischen Neuorientierung der Schulpolitik wird damit zu einem gewichtigen Wahlkampfthema, nicht zuletzt weil Schweden jährlich etwa 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, drei Prozent mehr als die Bundesrepublik, für das Bildungswesen ausgibt.

"Niemand wagt zu behaupten, dass die schwedische Schule Weltklasse habe oder auf dem rechten Wege sei", heißt es im Leitartikel von Dagens Nyheter. Dies ist zu bedenken, wenn hier zu Lande auf der Suche nach bildungspolitischen Alternativen für unser angeschlagenes Schulwesen das so genannte skandinavische Modell diskutiert wird.

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