Gesundheit : Gute Aussichten für die Berliner Medizintechnik

Paul Janositz

Als "Jobmaschine" bezeichnete Bernd Köppl, Koordinator in der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung, die Medizintechnik in Berlin. Auf diesen Bereich entfielen knapp fünf Prozent der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe. Baden-Württemberg kommt nur auf knapp vier und Bayern nicht ganz auf drei Prozent. Damit liegt die Hauptstadt in der Medizintechnikbranche eindeutig vor dem als besonders innovationsfreundlich angesehenen Süden der Bundesrepublik. Diese Bilanz präsentierte Köppl gestern bei der Veranstaltung "Berlin auf dem Wege zum Zentrum für Medizintechnik" im Wissenschaftszentrum.

Zum 11. Forschungspolitischen Dialog der auch von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck geförderten Veranstaltungsreihe hatten sich Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik am Reichpietschufer zusammengefunden. Der Dialog scheint vor allem in Zeiten notwendig, in denen sich die Rahmenbedingungen für Medizin, Wissenschaft und Wirtschaft stark verändern.

"Blütenträume können wir nicht erfüllen, aber die bitteren Jahre sind vorbei", sagte Köppl. Der Grünen-Politiker war sich sicher, dass auch der neue Senat den "Wachstumsmotor Medizintechnik" anwerfen und nicht abwürgen werde. Um noch mehr Fahrt aufzunehmen, sei vor allem Zusammenarbeit notwendig, Fördermittel seien nur ein Zubrot, meinte Helmut Kunze vom Zentrum für Medizintechnik, eine Initiative der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin. Wichtig sei es, dass Kliniken, Frschungsinstitute und Unternehmen kooperierten, um Medizintechnik zu entwickeln und zu vermarkten. "Berlin hat wesentlich mehr drauf, als draußen bekannt ist", sagte Kunze.

Kliniken besser als Durchschnitt

Nicht nur bei den Arbeitsplätzen, auch bei der Zahl angemeldeter Patente liege Berlin vor Bayern und Baden-Württemberg. Die hiesigen Universitätskliniken werben demnach deutlich mehr ein als es im bundesdeutschen Durchschnitt der Fall ist. Auch bei der medizintechnischen Ausstattung sieht Kunze die Kliniken an der Spitze: Das 1986 gegründete Deutsche Herzzentrum gehöre zu den renommiertesten und leistungsstärksten Transplantationszentren der Welt. Das Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn glänzt als die erste voll digitalisierte Klinik in Deutschland. Das Vivantes Klinikum Neukölln beherbergt die weltweit erste Laserklinik. Im November 1998 hat am Hubertus-Krankenhaus die erste auf minimalinvasive Chirurgie spezialisierte Klinik in Deutschland den Betrieb aufgenommen.

Der Trend geht zu weiterer Verkleinerung in Chirurgie und Diagnostik, um möglichst präzise und wenig belastende Eingriffe zu erreichen. Bildgebende Verfahren sollen verbessert und die Telemedizin ausgebaut werden. In der Chirurgie besser einsetzbare Roboter sind ebenfalls Ziele zukünftiger Entwicklung.

Roboter nur für simple Aufgaben

"Derzeit sind die Roboter nichts weiter als umgebaute Industrieautomaten", erklärte Peter Schlag, Professor und Chirurg an der Charité, Campus Berlin-Buch, Robert-Rössle-Klinik am Max-Delbrück-Centrum. Ein Roboter könne nur eine bestimmte Aufgabe ausführen, beispielsweise ein Loch in den Hüftknochen bohren oder eine Schraube eindrehen. Der Einsatz sei sinnvoll für belastende Situationen, in denen besipeilweise die Arbeitsposition des Chirurgen zu ungünstig sei oder die Hände bei langen Operationen zu sehr zitterten.

Rund 150 Unternehmen entwickeln und produzieren in Berlin medizintechnische Erzeugnisse, etwa dreißig Prozent der Firmen sind jung, sie wachsen schnell und operieren weltweit. Einige der teilweise börsennotierten Unternehmen zählt Kunze zu den Marktführern. Noch einmal rund 150 Unternehmen betätigen sich im Umfeld der Medizintechnik bei Reparaturen und Vertrieb. Insgesamt repräsentiert die Branche rund 4600 Arbeitsplätze.

"Berlin ist ein idealer Standort, der dem Mittelstand große Möglichkeiten bietet", sagte Johannes Tschepe von der Firma MGB Endoskopische Geräte GmbH. Attraktiv seien Kooperationen mit Forschungseinrichtungen - wie beim Netzwerk "Medizinische Mikrosystemtechnik". Die Hauptstadt ist gerüstet, so der Eindruck im Wissenschaftszentrum, seinen Marktanteil zu halten oder noch zu vergrößern. Die Mühe scheint sich zu lohnen, immerhin dürften in diesem Jahr weltweit etwa 170 Milliarden Euro umgesetzt werden. Hinter den USA und Japan ist Deutschland der drittgrößte Anbieter.

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