Gesundheit : Gute Bilanz

Patente und Firmengründungen sind Früchte des deutschen Genomprojekts

Adelheid Müller-Lissner

Ein wenig Nationalstolz sei erlaubt. Nach neun Jahren erfolgreicher Forschung endet das Deutsche Humangenomprojekt (DHGP), der deutsche Beitrag zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms, dessen Sequenzierung im Jahr 2003 fertiggestellt wurde, jetzt offiziell.

Die Bilanz ist positiv: „Deutschland wird heute auf dem Gebiet gut wahrgenommen“, so Martin Hrabé de Angelis vom wissenschaftlichen Koordinierungskomitee des Projekts bei einer Abschieds-Presseveranstaltung. Das verdanke man nicht zuletzt risikofreudigen Politikern, die entschieden auf das zu Beginn umstrittene Gebiet gesetzt hätten.

„Dabei gab es 1995 durchaus Stimmen, die gesagt haben: Das sollen doch die Industrie oder andere Länder machen“, sagte der Münchner Humangenetiker Thomas Meitinger. Mit fast 70 Millionen Euro in der ersten und über 100 Millionen Euro in der zweiten Phase ab dem Jahr 2000 wurden die 35 Vorhaben vom Forschungsministerium gefördert.

Mehrere renommierte Forscher, unter anderem Hrabé de Angelis selbst, der „Herr der Mäuse“, wurden dadurch zur Rückkehr aus den USA bewegt. Über 750 Publikationen, davon 63 in den besten zehn der einschlägigen Fachzeitschriften, waren das Ergebnis. Gruppen des DHGP waren maßgeblich an der Sequenzanalyse des X-Chromosoms und der Chromosomen 7, 11 und 21 beteiligt.

Ein Highlight war die Veröffentlichung der Sequenz des Chromosoms 21 im Mai 2000, die Forscher aus Jena, Braunschweig und Berlin zusammen mit Kollegen aus Japan erarbeitet hatten. Als erfolgreichste Projekte erwiesen sich nach Hrabé de Angelis Ansicht diejenigen, die über den gesamten Zeitraum gefördert wurden. Jetzt wird die Forschung vom Nachfolgeprojekt, dem „Nationalen Genomforschungsnetz“ weitergeführt, allerdings deutlich abgespeckt und direkter klinisch orientiert.

Die „rote“, also medizinischen Zielen dienende Genforschung wird in Deutschland mittlerweile gut akzeptiert. Die Menschen verbinden viele Hoffnungen damit. So war am „Genomtelefon“ in Braunschweig im Jahr 2001 die häufigste Frage, wie lange man denn noch auf die neuen Therapien warten müsse.

Wird die Genomforschung uns gesünder machen? Zwar sei heute noch kein Medikament auf dem Markt, dessen Entwicklung nur dank der Forschung zum Humangenom gelingen konnte, erklärte Werner Schiebler vom Förderverein Humangenomforschung und Gentechnologie, in dem sich Pharmafirmen zusammengeschlossen haben. Doch in drei bis vier Jahren werde es soweit sein, davon ist er überzeugt.

Und es gibt andere Erfolge: Dass das SARS-Virus im letzten Jahr innerhalb von Wochen identifiziert werden konnte, ist zum Beispiel nur den in der Genomforschung entwickelten Methoden und Erkenntnissen zu verdanken. „Die Voraussetzungen für die Biologie haben sich durch das Humangenomprojekt verändert“, sagte Meitinger.

Das soll für neue Projekte genutzt werden. Helmut Blöcker, Leiter der Abteilung Genomanalyse der Braunschweiger Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, der maßgeblich an der Arbeit zum Chromosom 21 beteiligt war, interessiert sich jetzt für die Unterschiede in der Methylierung: Bei diesem Vorgang werden Gene inaktiviert.

Der Erlanger Humangenetiker André Reis interessiert sich für die Abschnitte zwischen den 30000 bis 35000 menschlichen Genen. Er möchte die Variabilität untersuchen, die „Schattierungen, die das Salz in der Suppe sind“. Eines Tages werde man auf sie mit individualisierten Medikamenten reagieren, die geringere Nebenwirkungen haben.

Von einer Lizenzagentur des DHGP wurden mittlerweile bereits 42 Patentanträge angemeldet. 14 Firmen wurden zwischen 1997 und 2003 im Umfeld des DHGP gegründet. Doch Hrabé de Angelis warnte auch, man dürfe nicht zu schnell auf „Anwendungs- und Verwertungsnähe“ der Grundlagenforschung schauen.

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