Gesundheit : Gute Laune als Quell innerer Stärke

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Von Rolf Degen

„Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist besser hoffen als verzweifeln“, lässt Goethe seinen Torquato Tasso verkünden. Das Prinzip Hoffnung hilft optimistischen Zeitgenossen durchzuhalten, wenn ihre Lebenssituation verfahren und ausweglos erscheint. Doch obwohl sie die Welt in der Regel durch eine rosarote Brille betrachten, nehmen die Positivdenker unangenehme Wahrheiten verblüffend klarsichtig wahr.

Menschen, die laut Fragebogen optimistische Wesenszüge besitzen, kommen mit vielen Herausforderungen des Lebens besser klar. Es fällt ihnen leichter, schwere chronische Krankheiten wie Krebs oder Aids zu bewältigen, und sie sind auch besser gegen belastende Lebensereignisse gefeit. Wenn die Indizien nicht täuschen, weisen Optimisten sogar eine erhöhte Widerstandskraft gegen ansteckende Krankheiten auf.

Doch es ist keineswegs selbstverständlich, dass die positive Perspektive in allen Situationen Vorteile bringt, gibt die Psychologin Lisa Aspinwall von der Universität von Utah zu bedenken. So gibt es Lebensumstände, die unvermeidlich mit einem negativen Ausgang enden. Ein Mensch, der sich aus „haltlosem“ Optimismus in den Kampf gegen das Unausweichliche verrennt, handelt sich eine tragische Erfahrung ein.

Dazu kommt, dass der Optimismus womöglich einer trügerischen Verkennung und Verdrängung von Gefahren Vorschub leisten könnte. So ist zu vermuten, dass Optimisten sich wenig um ihr körperliches Wohlergehen sorgen: Irgendwie wird schon alles von alleine gut gehen, dafür bin ich schließlich Optimist.

Auf lösbare Probleme konzentriert

Um diese potenziellen Fußangeln des positiven Denkens zu überprüfen, hat Aspinwall eine Reihe von Experimenten angestellt. In einem der Versuche sollten die Probanden gewisse Puzzles oder Denksportaufgaben (Anagramme) lösen, die aus Wörtern mit umgestellten Buchstaben bestanden. Diese „Kopfnüsse“ wurden als Gradmesser der verbalen Intelligenz vorgestellt. Die Aufgabe bestand darin, innerhalb von 20 Minuten so viele verschiedene Tests wie möglich zu lösen. Was die Teilnehmer jedoch nicht wussten war, dass die ersten sieben Aufgaben völlig unlösbar waren.

Verblüffendes Fazit: Ausgerechnet die Optimisten in der Versuchsgruppe gestanden sich vier Minuten schneller ein, dass sie die ersten sieben Nüsse nicht knacken konnten. Dadurch ließen sich aber nicht entmutigen: Sie nahmen sich früher die anschließenden – und diesmal lösbaren – Aufgaben vor. Am Ende hatten sie gegenüber den anderen Teilnehmern die Nase vorne. Das muss nicht unbedingt am besseren Zeitbudget liegen, meint die Psychologin. Vielleicht hatten sich die Optimisten durch die frühere „Entkrampfung“ auch einfach eine produktivere emotionale Haltung bewahrt.

Man kann sich leicht vorstellen, wie dieser Realitätssinn zu weiseren existenziellen Entscheidungen führt, meint Aspinwall. Wer früh im Studium merkt, dass er als Arzt oder Chemiker eine Fehlbesetzung darstellt, lenkt vermutlich schneller in die angemessenen beruflichen Bahnen ein. Bleibt die Frage, ob Optimisten bei der Verarbeitung von Gefahrenhinweisen mit „Scheuklappen“ geschlagen sind: Wer sowieso glaubt, dass sich alle Dinge zum Guten wenden werden, schlägt womöglich alle Informationen über bedrohliche Entwicklungen in den Wind. In diesem Sinne wäre Optimismus ein „Abwehrmechanismus“, der beim Kopf-in-den-Sand-Stecken hilft.

Um diese Ungewissheit zu klären, hat die Psychologin ihren Probanden (zum Teil getürkte) Informationen über die gesundheitlichen Gefahren der Vitamin-Einnahme und des Sonnenbadens vorgelegt. Auch diesmal legten die Optimisten eine überraschende Empfänglichkeit für das Negative an den Tag. Nicht nur, dass sie mehr Zeit mit der Aufnahme der Gefahrenhinweise verbrachten. Ausgerechnet die Optimisten, die selber das betreffende Verhalten praktizierten, nahmen die meisten Informationen über deren Gefährlichkeit auf. Nähere Befragungen ergaben, dass die Optimisten sich innerlich am intensivsten mit den vorgebrachten Argumenten beschäftigten und auf die persönliche Relevanz eingingen.

Einschätzung am realen Wert

Auch andere neue Befunde belegen, dass Optimisten sich nicht einfach wahllos alle erdenklichen Aspekte des Lebens schönfärben. Sie betrachten ganz offenbar nur die Entwicklungen durch die rosarote Brille, bei denen sie sich eine Einflussnahme ausrechnen. Unveränderbare Entwicklungen werden objektiv gesehen. Optimisten dichten sich auch nur dort besonders positive Züge an, wo eine objektive Kontrolle unmöglich ist (zum Beispiel „Sinn für Humor“). Bei leicht nachprüfbaren Merkmalen (zum Beispiel „Höhe des Einkommens“) liegen Optimisten mit ihrer Einschätzung am realen Wert.

Die Psychologin vermutet, dass die positive Gefühlslage den Optimisten diese erstaunliche Flexibilität erlaubt. Menschen, die durch eine experimentelle Manipulation in gute Laune versetzt werden, weisen nämlich gewisse Besonderheiten des Denkens auf. So haben sie die Tendenz, stärker zwischen den wichtigen und unwichtigen Aspekten zu unterscheiden. Wenn wenig auf dem Spiel steht, sind sie sehr risikofreudig, bei großen Gewinn- und Verlustmöglichkeiten stechen sie durch größere Zurückhaltung hervor.

Überraschenderweise sind gerade gut Gelaunte am offensten für Informationen, die ein schlechtes Licht auf ihr Ego werfen. Das um so mehr, um so wichtiger die betreffende Blöße für ihr Selbstbild ist. Die Bereitschaft, unangenehme Einsichten zuzulassen, stellt aber nun einmal oft den ersten Weg zur Besserung dar. Möglicherweise ist die gute Laune eine Ressource, eine Quelle der inneren Stärke, die die Konfrontation mit bitteren Wahrheiten möglich macht. Schließlich denken gut Gelaunte auch flexibler und kreativer und sind eher mehr auf die äußeren Umstände, weniger auf das innere Selbst fixiert.

Bemerkenswerterweise, meint Aspinwall, verkörpern Optimisten genau die Tugenden, um die viele Menschen in dem volkstümlichen „Gelassenheitsgebet“ flehen: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

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