Gesundheit : „Guter Frontalunterricht hilft den Schülern“

Die Iglu-Forscherin Renate Valtin über die deutsche Grundschule

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Frau Valtin, die guten Ergebnisse für die deutschen Grundschulen in der IgluStudie werfen vor allem die Frage auf, was mit den Schülern eigentlich später in der Oberschule passiert. Beim Pisa-Test lagen die deutschen 15-Jährigen weit unter dem Durchschnitt.

Was in der Oberstufe passiert, ist noch nicht genügend untersucht. Aus meiner eigenen Länggschnittstudie, in der 3300 Berliner Jugendliche der 7. bis 9. Klasse von 120 Schulen befragt worden sind, ergibt sich: Im Gymnasium erleiden die Schüler einen Schock. Sie erleben Stress, Angst vor Misserfolg, Leistungsangst und fühlen sich von ihren Lehrern nicht unterstützt. Dagegen sagen die Hauptschüler, dass sie sich wohl fühlen und in vielen Fächern viel Lernfreude haben.

Bei Pisa ging es aber nicht um Freude, sondern um Leistungen. Sind Sie eine Kuschelpädagogin?

(Lacht) Nein. Meine Auffassung von Schule ist allerdings, dass es dabei nicht nur um Qualifikationen geht, sondern auch um die Persönlichkeitsentwicklung, also um Ich-Stärke, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Deutschland, das zu den ganz wenigen Ländern gehört, die schon sehr früh die Kinder nach Schulformen aufteilen, muss sich über die negativen Risiken und Nebenwirkungen der strengen Auslese im Klaren sein. An Gymnasien wird zu wenig gefördert, an den Hauptschulen aber zu wenig gefordert. In heterogenen Lerngruppen, wie sie andere Industrienationen mit ihren gesamtschulartigen Systemen haben, gibt es zum Beispiel einen kognitiven Sog von Stärkeren zu den Schwächeren.

Scheint es nicht gerade umgekehrt zu sein, dass die Schwächeren die Stärkeren auf ihr Niveau herunterziehen? Immerhin zeigt Iglu, dass die deutsche Grundschule ihre Leistungsspitze nicht genug fördert.

18 Prozent der deutschen Grundschüler gehören zur Leistungsspitze. Damit liegt Deutschland im guten EU-Mittelfeld. Dagegen erreichten nur acht Prozent der Gymnasiasten bei Pisa die internationale Spitzengruppe. Ich weiß wirklich nicht, warum das Gymnasium einen guten Ruf genießt.

Hat Deutschland bei Iglu vielleicht nur besser als bei Pisa abgeschnitten, weil deutsche Schüler am Ende der vierten Klasse schon älter sind als die Schüler anderer Länder, also einen Vorsprung haben, und weil gute Pisa-Länder diesmal nicht getestet wurden?

Nein. Wir haben die Statistik von solchen Abweichungen bereinigt und homogene Vergleichsgruppen gebildet. Bei unseren Viertklässlern muss man außerdem berücksichtigen, dass sie dem EU-Durchschnitt gegenüber deutlich weniger Unterrichtsstunden haben, also eigentlich im Nachteil sind.

Wie kommt es, dass die Schüler so schlecht in der Rechtschreibung abgeschnitten haben?

Die Orthographie-Kenntnisse der Schüler sind in der Tat beklagenswert. Entscheidend ist, dass ein falsches Verständnis vom Sachgegenstand Orthographie herrscht und den Schülern die Rechtschreibung nicht als sinnvolles Regelwerk vermittelt wird, zum Beispiel durch eine Einbettung in grammatisches Wissen. Kinder lernen häufig nach veralteten Methoden. Beklagenswert ist vor allem, dass ein Drittel des Deutschunterrichts für die Rechtschreibung verwendet wird und der Lernerfolg so gering ist.

Muss die Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer Pflicht werden?

Ja, unbedingt.

Wie kann ein hohes Leistungsniveau in der Schule noch gesichert werden?

Iglu zeigt, dass Schüler auf einer vergleichbaren Kompetenzstufe ganz unterschiedliche Zensuren und somit auch unterschiedliche Grundschulempfehlungen erhalten. In Zukunft müssen bundesweit einheitliche Leistungstests über die Empfehlungen entscheiden. In Finnland, das Pisa-Sieger war, gibt es übrigens bis Klasse 9 keine Noten, was natürlich nicht heißt, dass die Schüler dort keine Leistungsrückmeldungen bekommen.

Ein Rezept nach Pisa ist die Ganztagsschule. Zeigt nicht das Abschneiden der Grundschule, dass es auch ohne Ganztagsschule geht?

Abgesehen von den berufstätigen Müttern: Die meisten Kinder in Deutschland verbringen die Nachmittage zu Hause in einer anregungsarmen Umwelt. Dabei ist der Umgang mit Gleichaltrigen für die kognitive, soziale und moralische Entwicklung ganz entscheidend. Wenn die Kinder nachmittags länger in der Schule bleiben und dort vielfältige Anregungen erhalten, dient das nicht nur den schulischen Leistungen.

Welche Rolle muss in Zukunft die Indivdualisierung des Unterrichts spielen? Der Erfolg der deutschen Grundschule wird besonders der Tatsache zugeschrieben, dass die Grundschullehrer starke Schüler mit anderen Aufgaben beschäftigen als schwache.

Ich warne vor einer Verklärung der Individualisierung. Deutschlands Grundschulen sind darin übrigens international das Schlusslicht. Die Differenzierung, bei der die Schüler im „offenen Unterricht“ in Gruppen arbeiten, bewirkt häufig wenig, wenn die Schüler nicht auch gefordert werden. Einige Kinder fühlen sich bei manchen Formen des offenen Unterrichts vom Lehrer allein gelassen und wissen nicht, was sie machen sollen. Die Schüler profitieren von einem guten Frontalunterricht, der möglichst mit Gruppenarbeit kombiniert ist. Im Ausland heißt Differenzierung übrigens oft, dass die Schüler Förderung durch zusätzliche Lehrkräfte erhalten.

Was muss in Zukunft in der Grundschule noch besser werden?

In Finnland, England oder Schweden unterstützen Experten die Lehrer: Psychologen, Sozialarbeiter, Lesefachleute, Förderlehrer. Unsere Lehrer müssen alles alleine schaffen. Dafür haben sie allerdings inzwischen auch Entlastungsstrategien entwickelt.

Was meinen Sie damit?

Viele Lehrkräfte fühlen sich für ein schulisches Versagen ihrer Schüler nicht verantwortlich. Nirgendwo sonst in der Welt gibt es zum Beispiel so viele vermeintliche Legastheniker wie in Deutschland. Die Lehrer sagen sich: „Das ist angeboren, da kann man nichts machen.“ In der DDR gab es kaum Legastheniker, weil es das Konzept einfach nicht gab, dass so etwas angeboren ist.

Das Gespräch führten Susanne Vieth-Entus und Anja Kühne

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