Gesundheit : Gutes Benehmen braucht Vorbilder

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Aus dem Saarland klingt es, die Vertreter der Wirtschaft fordern es: Benimm-Unterricht in Schulen. Schulabgänger wiesen derartige Mängel auf, dass gehandelt werden müsse. Diese Klage ist bezogen auf Hochschulabsolventen beim Berufseintritt längst bekannt. Die Folge ist ein – verschämter – Besuch von privaten Kursen, in denen nachgeholt wird, was als Defizit empfunden wird: wie man sich bei welchen Anlässen kleidet, wie man unfallfrei mit Messer und Gabel umgeht usw. Viel schwerer als das Fehlen solcher „technischen“ Fähigkeiten wiegt, dass bestimmte „Tugenden“ entweder unbekannt sind oder bewusst vernachlässigt werden: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnungssinn, Rücksichtnahme.

Nun soll alles anders werden. Und wieder soll es „die Schule“ richten. Aber kann sie das überhaupt? Liegt es nicht auch an der Schule, genauer: an solchen Lehrern, bei denen entsprechende Verhaltensweisen zu beobachten sind, wenn die ihnen Anvertrauten jetzt kritisiert werden? Wenn Schulen verwüstet werden, ohne dass dem Einhalt geboten wird, wenn Lehrer selbst zu spät zum Unterricht kommen, wenn sie Anzug und Krawatte als Zwangsjacke empfingen, wenn Autorität und Distanz bewusst aufgegeben werden, darf man sich nicht wundern, dass Schüler keinen Maßstab haben.

Es ist zwar wohlfeil, alles auf „die 68er“ zu schieben; die Abqualifizierung überkommener Lebensgewohnheiten, bürgerlicher Formen und Inhalte als spießig und dekadent, konnte aber nicht ohne Folgen bleiben. Das Ergebnis ist nunmehr, nach Jahrzehnten der Lockerheit und Nachlässigkeit zu besichtigen.

Dies allerdings nicht nur bei Schulabgängern und Berufsanfängern. Schlechtes Benehmen, gipfelnd in Rücksichtslosigkeit und Verletzung von Formen ist eine allgegenwärtige Erscheinung: im Straßenverkehr, in öffentlichen Gebäuden, bei der Übertretung von Ge- und Verboten. Real und per TV wird von Politikern in Talkshows, von sogenannten Stars aus Sport und Show das vorgeführt, was jetzt bei jungen Menschen moniert wird: Ellenbogen bei der Durchsetzung eigener Ziele, Verachtung anderer Meinungen, bewusste Vernachlässigung der Kleidung, eine vulgäre Sprache und die Haltung, man habe die Wahrheit gepachtet.

Deshalb ist es für junge Menschen so schwierig, sich zu orientieren. Vorbilder im Sinne der vermissten Fähigkeiten und Tugenden sind zu selten anzutreffen und drängen sich nicht so auf wie die schlechten Beispiele, welche eher „Schule“ machen.

Es wird nicht genügen, die Schule in die Pflicht zu nehmen. Dass die Eltern gefordert sind, ist keine Frage. Aber wenn sie es nicht besser wissen oder schlechte Vorbilder sind? Die „Gesellschaft“ muss begreifen, dass Zügellosigkeit und Beliebigkeit nicht zu tolerieren sind und für das Miteinander zerstörerisch wirken. Das vermisste „Benehmen“ und die Einhaltung von Regeln müssen nicht nur öffentlich eingefordert, sondern auch erkennbar vorgelebt werden.

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