Gesundheit : Hand aufs Herz: wird der Katheter zu oft verwendet?

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Heftige Schelte für Deutschlands Herzmedizin, und das in der britischen Mediziner-Fachzeitschrift „Lancet“: „Der World Health Report vom Jahr 2000, das „Monica“-Projekt der WHO, das die Behandlung von Herzkrankheiten untersucht, und einige andere Studien zeigen, dass es in Deutschland eine große Diskrepanz zwischen den Ausgaben und dem Nutzen für die Patienten gibt.“ Vorgebracht wurde die entschiedene Kritik von zwei streitbaren Berliner Medizinern, Michael de Ridder vom Vivantes-Klinikum am Urban und seinem im Januar, nach Fertigstellung des Manuskripts, verstorbenen Lehrer und langjährigen Kollegen Wolfgang Dissmann.

Die beiden Internisten setzen mit ihrer Kritik auf einem Feld an, auf dem Deutschland ihrer Ansicht nach einen problematischen Weltmeister-Status beanspruchen kann: der Untersuchung mit Herzkatheter. „Die Zahl der Eingriffe ist mit Abstand in Deutschland am höchsten von allen europäischen Ländern.“ 6835 solcher Gefäßdarstellungen kamen 1999 auf eine Million Einwohner. Zwar sind die Zahlen für die USA ähnlich, doch die Herzspezialisten sehen einen entscheidenden Unterschied: Jenseits des Atlantik rege sich im Gegensatz zur Bundesrepublik schon heftige Kritik am großzügigen Einsatz der Methode.

Für eine Herzkatheter-Untersuchung wird ein dünner, biegsamer Schlauch meist in der Leistengegend in ein Blutgefäß eingeführt und unter Röntgenkontrolle weiter bis zum Herzen vorgeschoben. Nach dem Einspritzen eines Kontrastmittels werden die Strukturen des Herzens und umgebender Gefäße auf dem Monitor sichtbar. Man kann das Verfahren, das auch als Angiografie bekannt ist, ebenfalls zu Behandlungszwecken nutzen, also verengte Herzkranzgefäße unter Röntgenkontrolle mit einem Ballon weiten.

Auch bei dieser Methode liegen wir nach Aussagen von de Ridder und Dissmann mit 2022 Eingriffen auf eine Million Einwohner gesamteuropäisch weit vorn. In diesem Punkt kritisieren die beiden Berliner Mediziner auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. Wenn irgend etwas an Herz und Herzkranzgefäßen nicht zu stimmen scheine, werde in Deutschland zu schnell „nach den Waffen gerufen“.

Ihre Kritik betrifft jedoch nicht nur dieses Zuviel an apparativer Diagnostik. Gleichzeitig werde auf anderen Feldern zu wenig oder das Falsche getan. Jedenfalls liege das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen beim Kampf gegen Herz-Risiken wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit und zu hohen Blutfettwerten im europäischen Vergleich beschämend niedrig. Während an wirkungsvollen Medikamenten gegen zu hohe Cholesterinwerte und zur Blutdrucksenkung gespart werde, errege die Verordnung drei- bis vierwöchiger Reha-Aufenthalte international eher Erstaunen. Bei der Diagnostik werde der gründlichen Aufarbeitung der Krankengeschichte und der sorgfältigen Voruntersuchung heute zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Die falsche Gewichtung in der deutschen Herzmedizin – und im Vergütungssystem der Krankenkassen – könnte in den Augen von Dissmann und de Ridder Konsequenzen haben: Die Länder Osteuropas, in denen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter verbreitet sind als hier, betrachten das reichere Deutschland schließlich in vielen Punkten als „Modell“. Adelheid Müller-Lissner

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