Gesundheit : Handicaps für Durchstarter

Spitzenforscher zu kurz gefördert

Hermann Horstkotte

Mit einem großen Sprung will Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn den Forschungsstandort Deutschland international nach vorne bringen. Über die Alexander von Humboldt-Stiftung vergab sie Anfang vorigen Jahres einmalig Förderpreise an rund vierzig Spitzenwissenschaftler aus aller Welt, die besser dotiert sind als jeder Nobelpreis. Jüngere Forscher erhielten eine Prämie bis zu 1,2 Millionen Euro, ältere und erfahrenere fast das Doppelte zur freien Verfügung. Die einzige Bedingung: Das Geld muss hierzulande ausgegeben werden.

Jetzt zogen die Träger des Wolfgang Paul- und des Sonja Kovalevskaja-Preises, benannt nach dem deutschen Physiker und der russischen Mathematikerin, eine Zwischenbilanz. Das Ergebnis: Trotz der geistigen Sprungkraft der Teilnehmer und der guten finanziellen Startbedingungen leiden die Höchstleistungsversuche unter einem Handikap: „Die Laufzeit von drei Jahren ist zu knapp, um in einem Team von 15 Mitarbeitern Forschungsvorhaben zu organisieren und zugleich schon zu sichtbaren Abschlüssen zu führen“, sagt etwa Joachim Schultze. Der Krebsforscher kam von der Harvard Medical School in USA nach Köln. Vier oder fünf Jahre wären beim selben Finanzvolumen der richtige Rahmen. Alexei Khokhlov von der Moskauer Lomonossow Universität ergänzt: „In Ulm fand ich für meine Molekularphysik exzellente Bedingungen vor. Aber gerade deutsche Nachwuchskräfte zögern mitzumachen, wenn nach drei Jahren definitiv Schluss ist. Dann gehen sie lieber gleich in die Industrie.“

Für ihre wissenschaftliche Entwicklung sehen freilich alle Preisträger im Deutschland-Gastspiel einen Hauptgewinn. Schultze will sogar auf absehbare Zeit bleiben. Nach Ablauf des Humboldt-Stipendiums wird er zumindest bis 2007 an der Uni Köln eine Forschungsprofessur übernehmen. „In Amerika gibt es allemal mehr Geld und mehr Mitarbeiter, aber deshalb nicht unbedingt auch mehr Grips im Labor“, sagt er. „Das Gesundheitssystem in Deutschland und damit auch die Bio- und Pharmaforschung stehen vor einem radikalen Wandel. Mich reizt es, bei den anstehenden Um- und Durchbrüchen mitmachen zu können.“

Trotz des Vorbilds Kovalevskaja sind weniger als ein Viertel aller Preisträger Frauen. Eine von ihnen hat ihren Arbeitsplatz an der Berlin-Brandenburgischen Akademie gewählt. Die amerikanische Linguistin Christiane Fellbaum untersucht mit ihren Doktoranden die Eigenart deutscher Redewendungen wie „Ich lege mich aufs Ohr“. Die Ergebnisse helfen etwa beim Aufbau von Übersetzungsmaschinen.

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