Gesundheit : Handys unter Verdacht

Berliner Forscher weisen Schädigung des Erbguts nach - Aggressive Sauerstoffverbindungen sind beteiligt

Paul Janositz

Ob Handystrahlung die Gesundheit gefährdet, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Angst brauche man nicht zu haben, verkünden die Hersteller und bisher gibt es auch keine fundierte wissenschaftlichen Studien, die Gefahren durch Mobilfunk nachweisen. Doch auch die Unbedenklichkeit lässt sich nun einmal nicht belegen, so dass sensible Menschen manchmal mit mulmigen Gefühlen zum Handy greifen. Nun haben Forscher der Berliner Charité für Schlagzeilen gesorgt. In einer aktuellen Studie konnten sie zeigen, dass Strahlung von 1800 Megahertz das Erbgut schädigen kann.

„Wir haben Leukämiezellen untersucht“, sagte Rudolf Fitzner, Leiter der Arbeitsgruppe EMF (elektromagnetische Felder) am Charité-Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin dem Tagesspiegel. Die „HL-60–Zellen“ seien bereits vorgeschädigt, aber noch nicht im Krebsstadium . Der „Point of no Return“, das Stadium also, an dem die irreversible Wandlung zur Tumorzelle vollzogen ist, wird Fitzner zufolge durch eine rasante Erhöhung der Zellteilung charakterisiert.

In diversen Untersuchungen konnte der Mediziner, der sich seit mehr als zehn Jahren mit elektromagnetischen Feldern beschäftigt, einen solchen Effekt nicht nachweisen. Bei einer früheren Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz über Wirkungen von Mikrowellen fand Fitzner im Bereich von 2250 Megahertz aber „signifikante erhöhte Wachstumsgeschwindigkeiten“ der Zellen. Das Ergebnis konnte bei weiteren Messungen jedoch nicht bestätigt werden. „Es hätte sich also um einen Ausreißer handeln können“, sagt Fitzner.

Die von der EU finanzierte internationale „Reflex“-Studie gab dem Berliner Team, zu dem auch die Medizinerin Kathrin Schlatterer und der Naturwissenschaftler Richard Gminski gehören, die Chance, insbesondere diesen Punkt zu klären. Die Leukämiezellen wurden einer Strahlung von 1800 Megahertz ausgesetzt. Mobiltelefone arbeiten im Bereich von etwa 900 bis 2400 Megahertz. Gesucht wurde nach Veränderungen des Erbguts und der Mikronuklei. Letztere sind kleine Teile von Chromosomen, die sich außerhalb des Zellkerns befinden.

Das Ergebnis klingt beunruhigend. „Im untersuchten Strahlungsbereich zeigten sich DNS-Schäden“, sagt Fitzner. Allerdings gab es keinen Dosis-Wirkung-Zusammenhang, wonach mehr Strahlung auch zu mehr Schäden geführt hätte. Zudem war die Teilungsgeschwindigkeit nicht erhöht, wie es für die Tumorentstehung typisch ist. „Unsere Ergebnisse zeigen also keinen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Krebsentstehung“, betont der Charité-Forscher.

Angesichts der relativ geringen Energie elektromagnetischer Felder war zunächst unklar, warum die stabilen Atombindungen in der DNS überhaupt aufbrechen. Die Forscher entdeckten, dass in den bestrahlten Zellen die Bildung von Sauerstoffradikalen um 30 Prozent erhöht ist. „Diese aggressiven Substanzen schädigen das Erbgut“, sagt Fitzner. Ob dies bei anderen Zelltypen auch so sei und ob die Reagenzglas-Ergebnisse auf den Menschen übertragbar seien, müsse in weiteren Studien geklärt werden.

Im Frühjahr 2005 sollen neue Ergebnisse vorliegen. Es handelt es sich um eine epidemiologische Studie der Weltgesundheitsorganisation, an der das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) beteiligt ist. Zwischenergebnisse aus Skandinavien deuteten einen Zusammenhang zwischen Handys und seltenen Tumoren am Hörnerv an. „Das bezieht sich auf mehr als zehnjährige Handynutzung im analogen Netz“, sagt DKFZ-Experte Klaus Schlaefer. Dieses energiereiche C-Netz wurde in Deutschland nur kurze Zeit benutzt. Bisher gebe es keine Beweise, dass das strahlungsärmere digitale Netz mit Krebs zusammenhänge, sagt Brigitte Schlehofer (DKFZ).

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