Gesundheit : Hanf fürs Herz

Der Cannabis-Wirkstoff THC beugt Infarkten vor – bei Mäusen

Peter Spork

„Hanf vermindert die bösen Säfte und macht die guten stark“, soll Hildegard von Bingen schon im zwölften Jahrhundert erkannt haben. Zuletzt boomte die einstige Heilpflanze Cannabis allerdings vor allem als illegale Droge. Erst allmählich erobert sich die Medizin das Kraut zurück. Der reine Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) wird in Tabletten verkauft. Und manche Länder, darunter einige Staaten der USA, gestatten sogar das Rauchen ärztlich verordneter Joints. Anerkannte Einsatzgebiete sind die Appetitsteigerung bei Krebs und Aids und die Bekämpfung der Übelkeit von Krebspatienten während und nach einer Chemotherapie. Auch der Augeninnendruck bei Grünem Star lässt sich so senken.

In Zukunft könnte eine THC-ähnliche Substanz sogar zum Volksmedikament werden. Denn der Hanf-Inhaltsstoff scheint zumindest theoretisch zur Vorbeugung vor Herzinfarkten zu taugen. Die Cannabinoide, also alle Stoffe, die im Körper die gleichen Reaktionswege aktivieren wie das THC, seien „nützliche Zielstrukturen für die Bekämpfung der Arteriosklerose“, schreiben François Mach und seine Kollegen von den Universitäten in Genf und Bonn im Wissenschaftsmagazin „Nature“ (Band 434, Seite 782).

Das Forscherteam testete die Wirkung der Droge bei Mäusen mit entzündeten Herzkranzgefäßen: Bereits mit kleinen, noch nicht halluzinogen wirkenden Dosen THC behandelte Tiere entwickelten deutlich schwächere arteriosklerotische Plaques als eine unbehandelte Vergleichsgruppe. Die Plaques sind gefährliche Entzündungsherde, die Arterien verstopfen und so einen Herzinfarkt auslösen können. Der deutlich positive Effekt auf die Plaques blieb jedoch aus, sobald die Nager eine weitere Substanz erhielten. Diese blockiert den CB2-Rezeptor, eine Andockstelle für das körpereigene Cannabinoid Anandamid, die vor allem auf Immunzellen sitzt.

Mach und seine Kollegen folgern daraus, dass das THC die Entzündung hemmt, indem es die Aktivität des Immunsystems in den Herzkranzarterien unterdrückt. Hervorragend passt dazu eine Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München aus dem vergangenen Jahr: Das Team um Beat Lutz zeigte, dass Mäuse, denen Cannabis-Rezeptoren fehlen, extrem leicht Darmentzündungen bekommen („Journal of Clinical Investigation“, Band 113, Seite 1202).

Jetzt gehe es vor allem darum, Stoffe zu finden, die gezielt die CB2-Rezeptoren aktivieren, meint der US-amerikanische Mediziner Michael Roth in einem Begleitkommentar für „Nature“ (Seite 708). Die Resultate bedeuteten nämlich keinesfalls, „dass das Rauchen von Marihuana gut für das Herz ist“. Viele der negativen Effekte der Droge wirken über einen CB1 genannten Rezeptor im Gehirn – darunter ein plötzlicher Anstieg von Blutdruck und Puls, gefolgt von einem scharfen Blutdruckabfall.

Das kann für Herzkranke gefährlich werden. Vor fünf Jahren machten Ärzte aus Boston, USA, mit der Analyse von knapp 4000 kiffenden Herzinfarktpatienten Schlagzeilen: Zumindest bei Älteren steigt das Infarktrisiko während der ersten Stunde nach dem Rauchen eines Joints um das Fünffache.

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