Gesundheit : Hans Lehrach im Gespräch: "Jetzt verstehen wir, wie die Lebensvorgänge ablaufen"

Die deutsche Genom-Forschung erlebt einen unerwart

Hans Lehrach (54) ist einer der Sprecher des Deutschen Humangenom-Projekts und Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin-Dahlem. Der Chemiker setzt auf die mit Hilfe von Robotern und von Biochips automatisierte Erbgut-Analyse. Seit 1995 betreut er das deutsche Humangenom-Projekt. Vorher forschte er an der Harvard-Universität und dem Imperial Cancer Research Fund in London, einer gemeinnützigen Stiftung für Krebsforschung.

Die deutsche Genom-Forschung erlebt einen unerwarteten Geldsegen. Aus den Versteigerungen der UMTS-Mobilfunk-Lizenzen bekommt sie 350 Millionen Mark in drei Portionen bis zum Jahr 2003. Der Humangenetiker Claus Bartram von der Universität Heidelberg hat gefordert, mehr von diesem Geld an die Hochschulen zu geben, sein Kollege Hans-Hilger Ropers vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik sagte dem Tagesspiegel, es müsse mehr in die Erforschung von Ein-Gen-Krankheiten investiert werden. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Es geht hier eigentlich um zwei Entscheidungen. Die UMTS-Mittel sollen einerseits in die systematische Analyse der Funktion menschlicher Gene gehen, um nach der Entschlüsselung des Erbmaterials die Funktion der Gene zu klären. Außerdem geht es darum, diese systematische Grundlagenforschung mit der Analyse komplexer Krankheiten über medizinische Netzwerke zu verbinden. Und da gibt es zum Teil Diskussionen zwischen der Humangenetik, die an "monogenen" Ein-Gen-Erbkrankheiten arbeitet, und Ärzten, die an den komplexen, mit vielen Genen verknüpften und viel häufigeren Krankheiten interessiert sind.

Die Humangenetiker sagen, der einzige Zugang zu den genetischen Wurzeln der Krankheiten ist bisher über Ein-Gen-Krankheiten erfolgt, und nicht über die "Viel-Gen"-Krankheiten. Ist diese Kritik berechtigt?

Es ist klar, dass die Analyse multifaktorieller Krankheiten sich als extrem schwierig erwiesen hat. Und in der Tat sind viele Milliarden ausgegeben worden, um Gene komplexer genetischer Erkrankungen wie etwa Alzheimer oder Schizophrenie suchen - bisher oft ohne Erfolg. Die Analyse monogener Krankheiten kann da sicher auch eine wichtige Rolle spielen. Beide Ansätze werden aber sicher noch erfolgreicher, wenn wir über die systematische Funktionsaufklärung aller menschlichen Gene von Anfang an auf einen Katalog aller Gene und damit auch aller Krankheitsgene mit weitgehend bekannter Funktion zurückgreifen können.

Ein großer Teil der Mittel sollen ja zumindest im ersten Jahr an ihre Arbeitsgruppe und vor allem auch an vier Großforschungseinrichtungen gehen. Bekommen da Leute Geld, die bisher gar keine Genomforschung gemacht haben?

Das ist ein Missverständnis. Das Geld soll nach unserem Verständnis an jene Forschergruppen gehen, die bereits bewiesen haben, dass sie in der Genomforschung eine wichtige Rolle spielen - wo auch immer sie sind. Die Genomforschung ist eine ganz andere Art der Wissenschaft als die normale Biologie. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass die Mittel, die für die funktionelle Genomanalyse einen revolutionären neuen Ansatz zur Verfügung stellen, noch immer nur einen Bruchteil der Mittel darstellen, die in Deutschland jedes Jahr in die biologische Forschung fließen.

Sie wollen weg von der "Durchleuchtung" einzelner Erbmerkmale?

Die Genomforschung will die gleiche Biologie, die wir bisher am einzelnen Gen gemacht haben, systematisch an allen Erbmerkmalen des Organismus machen. Für eine groß angelegte parallele Untersuchung hatten wir bisher nicht die technischen Möglichkeiten. Auch wenn es uns eigentlich klar war, dass letztlich alle oder die meisten Gene des Organismus in viele Krankheitsprozesse verwickelt sind. Jetzt sind wir in der Lage zu studieren, wie die Lebensvorgänge wirklich ablaufen - nämlich als komplexes Netzwerk vieler verschiedener Gene und Genprodukte, die wir parallel analysieren und verstehen können.

Welche Rolle spielen da die Ein-Gen-Krankheiten, mit denen es die Humangenetiker zu einem wesentlichen Teil zu tun haben?

Diese Forschung ist zum Teil extrem aufwändig und wahnsinnig schwierig, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Identifizierung des Gens für das Lungenleiden Mukoviszidose hat ungefähr so viel gekostet wie die Gesamtsequenzierung des menschlichen Genoms. Selbst wenn wir ein einzelnes defektes Gen für eine Krankheit gefunden haben, ist das nur der erste Schritt. Denn das Netzwerk, das durch diesen Krankheitsprozess gestört ist, umfasst schließlich viele Tausende von Genen und Genprodukten und lässt sich unmöglich mit den klassichen Ansätzen, mit Handarbeit gewissermaßen und mit schrittweisen Analysen von einem Gen zum nächsten, analysieren. Ich glaube deshalb, dass die systematische Genomforschung nicht nur absolut essenziell ist, um überhaupt Krankheitsgene zu finden. Sie ist vor allem noch viel wichtiger, um Krankheitsmechanismen zu verstehen.

Was sagen Sie dazu, dass das britische Paralament dem Herstellen menschlicher Stammzellen aus Embryonen zugestimmt hat?

Ich sehe das eigentlich sehr positiv. Denn ich glaube, dass diese Art der Forschung das Potenzial hat, den Menschen zu helfen. Außerdem handelt es sich ja nicht um Embryonen, die für die Forschung erzeugt werden, sondern um Embryonen, die sowieso bei der künstlichen Befruchtung erzeugt wurden und die normalerweise einfach zerstört würden. Ich sehe da keine größere Instrumentalisierung eines Lebewesens als bei dem Entschluss, zum Beispiel das Herz oder die Nieren eines Unfalltoten zu verpflanzen. Es ist sicher ein Gebiet, auf dem man sehr vorsichtig vorgehen sollte - aber die oft ideologischen Gegenargumente haben mich nicht überzeugt, denn schließlich könnte es um die Rettung von Menschenleben gehen.

Wie stehen Sie zur deutschen Position - Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen ja, aber bitte keine Herstellung aus Reagenzglas-Embryonen?

Es ist natürlich eine etwas zwiespältige Haltung - aber immer noch besser als zu sagen, auch mit importierten Zellen darf nicht geforscht werden. Wir sollten die Chance nutzen.

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