Gesundheit : Hans Meier: "Alemannisches Lamm mit Schlitzohren"

Hermann Rudolph

Ein wenig muss man den Blick schon zurückwenden, um ihm ganz gerecht zu werden. Immerhin liegen die sechzehn Jahre, die Hans Maier bayerischer Kultusminister war, nun auch schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Vor allem jedoch verblasst die Zeit, in der er mit unverwechselbarer, ganz eigener Statur eine wichtige Rolle spielte - die Reifejahre der alten Bundesrepublik, zwischen dem Aufbruch ihrer siebziger und der nicht so recht geheuren Stabilität ihrer achtziger. Ein brillanter Kopf in einem Bayern, über dem der gewaltige Schatten von Franz-Josef Strauß lag. Ein erfolgreicher Bildungspolitiker, von dem es hieß, er sei der "Bildungsreform getreueste Opposition", ein in der Wolle gefärbter Katholik und ein Intellektueller von Graden. Also irgendetwas, das sonst kaum je zusammenkommt - außer eben in Hans Maier.

Vor dieser Mischung haben viele kapituliert, nicht zuletzt solche, die politisch und intellektuell auf ganz anderen Seiten standen. Zum Beleg sei wenigstens Horst Ehmkes Wort von dem "alemannischen Lamm mit Schlitzohren" aus der Versenkung geholt, weil es Maiers vertracktem Charme ziemlich nahe kam. Das Badische, einschließlich der weichen Intonation seiner Rede, auch das etwas Waldbauernbubhafte hat dem Freiburger mit dörflichen Wurzeln in seiner glänzenden Karriere in Wissenschaft, Politik und öffentlichem Leben nicht geschadet, im Gegenteil. An Maier kann man einen Begriff davon gewinnen, was für Kräfte die katholische, ländlich-städtische Welt des deutschen Südwestens hervorzubringen in der Lage ist. In ihm hat sie, die für viele in Deutschland eine terra inkognita ist, eindrucksvoll Gestalt gewonnen.

Hans Maier gehörte zu den jungen Frühstartern, die Anfang der sechziger Jahre die Politikwissenschaft in der Nachfolge der Gründergeneration als Fach eigentlich erst etablierten - Habilitation mit knapp dreißig, sogleich danach der Münchner Lehrstuhl. Von da war er aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken - als Autor und Redner, als Mitglied des Bildungsrates, auch als Mitinitiator des Bundes "Freiheit der Wissenschaft", der Gegengewichte gegen die Folgen der Studentenrevolte zu setzen versuchte.

Kultusminister 1970, als das Amt noch, so Maier, ein "Himmelfahrtskommando" war, durchaus als Verlegenheitskandidat, noch parteilos. Zwölf Jahre war er, ein treuer Sohn seiner Kirche, auch noch Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er blieb der seltene Fall eines Intellektuellen in der Politik, der sich nicht an der Praxis wund lief oder ins Ideologische ausbrach, sondern sich in ihr mit sicherem Gespür so einrichtete, dass er als Intellektueller über- und weiterlebte.

Das bezeugt die erstaunliche publizistische Produktivität, die neben allen Ämtern fortlief. Man muss hinzufügen, dass er als Autor ein bezwingender, geschmeidiger Stilist ist - vermutlich unter den Politikwissenschaftlern derjenige, der am besten schreibt. Und der musischste ist er auch noch, denn er ist ein Orgelvirtuose von professionellen Qualitäten. Mancher hätte ihn gern als Bundespräsidenten gesehen. Er wäre mit seiner Bildung, seinem historischen Sinn und der Fähigkeit zum überzeugenden Ausdruck ein Gewinn für das Amt gewesen, doch fehlten dafür ebenso die Konstellation wie die politischen Förderer. Von Strauß zur Teilung seines Ministeriums gedrängt, zog er sich 1987 auf den Münchner Lehrstuhl zurück, den früher der Religionsphilosoph Romano Guardini innehatte, nun unter dem Namen "Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie"". An diesem Montag wird Hans Maier 70 Jahre alt.

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