Gesundheit : Hans Weiler über den Reformstau an deutschen Universitäten

Sonja Bonin

"Die wahren Herrscher über die deutsche Hochschulpolitik sind die Märchenerzähler." Mit dieser Aussage provozierte Hans Weiler seine Zuhörer auf einer Tagung der Dräger-Stiftung im Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der langjähriger Rektor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder arbeitet an der amerikanischen Universität Stanford in der internationalen vergleichenden Hochschulforschung und ist Vorsitzender der sächsischen Hochschul-Entwicklungskommission. Weiler versuchte in seinem Vortrag, einige Lügenmärchen aus der Welt zu räumen.

Erster Mythos: Die deutschen Professoren seien reformbereit. Tatsächlich, so Weiler, finden sich engagierte Reformwillige hier etwa so häufig wie gute Hexen im Märchen. Zweiter Mythos: Das Hochschulsystem sei unendlich schrumpfungsfähig. Davon gingen offensichtlich die Hochschulpolitiker aus, die sich so gerne als Reformer gerieren, die finanzielle und organisatorische Ausstattung der Hochschulen aber stetig untergraben würden. Auch die Bereitschaft zu grundlegenden Reformen, etwa beim Beamtendienstrecht oder bezüglich der Habilitationen, sei in Wahrheit äußerst gering.

Für wie unsinnig Weiler das deutsche Habilitationsverfahren hält, machte er an seinem eigenen Lebenslauf deutlich: Als er mit einer deutschen Promotion in der Tasche zur Stanford University kam, übernahm er die volle Verantwortung für Forschung, Lehre und die Finanzen seines Lehrstuhls. Aufgaben, die ihm in Deutschland frühestens zehn Jahre später übertragen worden wären. Dennoch erklären viele Professoren das deutsche Habilitationsverfahren immer noch für unverzichtbar.

Auch Privat-Unis sind aus Weilers Sicht nicht das Allheilmittel in der Bildungsmisere. Eine private Universität wie die in Witten-Herdecke, die sich im Gegensatz zu staatlichen Universitäten ihre Studenten aussuchen und auf attraktive Studiengänge wie Medizin, Informationstechnologien und Betriebswirtschaftslehre beschränken dürfe, könne nicht die Lösung für alle hochschulpolitischen Probleme sein. Aus diesem Grund könnten die staatlichen amerikanischen Universitäten auch viel eher eine Vorbildfunktion für das deutsche System übernehmen als die vielbeschworenen privaten Elite-Universitäten, die auch in den USA nur einen kleinen Bruchteil der Studenten ausbilden. Denn entgegen aller Mythenbildung ließen sich durchaus Vorteile des amerikanischen Systems auf das deutsche übertragen - ohne sich vom guten alten Ideal Humboldts zu verabschieden. Und solange die Reformer nicht gestorben seien, bestehe schließlich die Hoffnung auf ein Happy End.

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