Gesundheit : Harald Lesch: Der Anti-Däniken

Rico Czerwinski

40 Millionen Deutsche können nicht irren: Es gibt sie, sie kennen uns, sie kommen uns besuchen. Unter diesen Umständen öffentlich das Gegenteil zu behaupten, ist ganz schön mutig. Ist Harald Lesch, 40, ein mutiger Mensch? Zumindest sagt er ständig Sätze, die das vermuten lassen, etwa: "Für viele hat dieses Thema eine sehr irdische, nämlich rein pekuniäre Komponente." Und: "Es gibt sehr viel grünen Schleim im Universum, aber nur ganz wenige schöne Frauen."

Lesch ist Professor für theoretische Astrophysik. Einer, der lieber vor Menschen als hinter Fernrohren steht. Dass er astronomische Themen kurzweilig vermitteln kann, hat er seiner Gemeinde in zahlreichen Ausgaben der "Space-Night" im Bayerischen Fernsehen bewiesen. Am Dienstagabend sprach er im Berliner Magnus-Haus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft - über sein Lieblingsthema: "Sind wir allein im Universum?"

Kurz nach Beginn der Beweisführung war auch dem letzten Zuhörer klar: Da war kein Ufo-Papst, kein neuer von Däniken erschienen. Halb so schlimm. Auch Lesch hatte rhetorisch einiges zu bieten: "Es geht hier nicht um die Frage, ob das Universum voll von Rauhaardackeln und Kakerlaken ist." Soll heißen: Es ist völlig egal, ob irgendwo Leben existiert, wenn es nicht mit uns kommunizieren kann. Und zwar mit Hilfe elektromagnetischer Wellen. Diese seien zur Zeit die einzige Möglichkeit, etwas weiter über den irdischen Tellerrand hinauszublicken. Damit nun irgendwo Leben entstehen kann, das in der Lage ist, so intelligente Erfindungen wie zum Beispiel Funkgeräte zu konstruieren, sind Lesch zufolge jede Menge Voraussetzungen nötig.

Zunächst braucht man viel Energie - von einer Sonne, einem Stern. Nur in der Nähe von Sternen können sich Elemente zu Planeten verdichten. Um einen Planeten zu "erbrüten", braucht ein Stern 4,5 Milliarden Jahre. Das natürlich nur, so Lesch, wenn man das "Prinzip der Durchschnittlichkeit" akzeptiere: nämlich dass die Erde den Normalfall in der Milchstrasse darstellt.

Dieser Planet darf nicht zu schwer sein, denn zuviel Schwerkraft verhindert die Entwicklung komplizierter Molekülstrukturen und ruft einen starken Treibhauseffekt hervor. Er darf nicht zu leicht sein, damit er eine Atmosphäre halten kann. Er sollte sich schnell genug drehen, damit er gleichmäßig bestrahlt wird, und er muss eine fast kreisförmige Umlaufbahn besitzen, damit die Jahreszeiten nicht zu starke Temperaturschwankungen hervorrufen. Auch Meteoriten-Bombardements und nahe Stern-Explosionen könnten sich für die Entwicklung von Leben als hinderlich erweisen.

Unser Mond ist möglicherweise einzigartig - auch diese Tatsache schränkt die Möglichkeiten für außerirdisches Leben ein. Die biologische Entwicklung auf seinem so genannten "Mutterplaneten" wurde offenbar deutlich von seiner Gezeitenwirkung beeinflusst. Die durch Ebbe und Flut erzeugten Flachwasserbereiche, die immer wieder mit neuem Wasser und Material durchspült wurden, stellten ideale Laboratorien für chemische Prozesse dar. Sie sind einerseits flach genug, um eine Auflösung neu geschaffener Molekülketten durch zu viel Wasser zu verhindern, andererseits aber so tief, dass die energiereiche Ultraviolettstrahlung der Sonne absorbiert werden kann, bevor sie die Moleküle zerstört.

Der Mond ist es auch, der die Stabilität der Erdrotationsachse und damit vergleichsweise geringe Temperaturschwankungen auf der Erde garantiert. Sonst würde eine Erdhälfte ständig von der Sonne beschienen, die andere liege in dauernder Dunkelheit und Kälte. Die Luftdruckschwankungen wären so rabiat, dass Windstärke Zwölf "nur ein laues Lüftchen darstellen würde, im Vergleich mit den Stürmen auf einer mondlosen Erde. Wenn es uns überhaupt gäbe, wären wir also ziemlich flach." Mit Hilfe des gesamten Arsenals von Grundvoraussetzungen und der so genannten Green-Banks-Formel ließe sich Mythen-Vernichter Lesch zufolge nur eine minimale Wahrscheinlichkeit für die Entstehung kosmischen Lebens ausrechnen. Zwar würde ständig irgendwo im All "gewürfelt". An vielen Stellen sei die eine oder andere Voraussetzung für Leben gegeben. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass alle gleichzeitig erfüllt werden können, blieb ungeklärt. Mit Zahlen wolle er die Zuhörer nicht zu sehr belasten. Auf jeden Fall müsste uns "schon unsere eigene Existenz als vollkommen unmöglich erscheinen" - Applaus und Abgang. Statt Prügel viele neue Fans am Rednerpult. Endlich Klarheit. Untergegangen allein die schüchterne Frage eines Verwirrten, "ob es nicht auch ganz anders sein könnte."

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