Gesundheit : Harvard für Arme

Ratten im Keller, Toiletten aus der Kaiserzeit: Die Berliner Humboldt-Uni sieht nicht aus wie eine Elite-Hochschule

Anja Kühne

Deutschland sucht den Superstar. Welche Hochschule wird Elite-Uni? Manche sehen die Berliner Humboldt-Uni als das zukünftige Juwel. Aber sieht es hier aus wie in Harvard oder Oxford? Ewald-Joachim Schwalgin, den Leiter der Technischen Abteilung der Uni, überkommt Ekel, wenn er an die Mensa im Hauptgebäude denkt: „Wegen mangelnder Hygiene müsste sie eigentlich geschlossen werden“, sagt er. Der gesamte Küchentrakt ist vergammelt, die Lagerräume für die Lebensmittel im Keller sind zum Teil wegen Baufälligkeit gesperrt, Ratten irren umher – „direkt an die Lebensmittel kommen sie aber nicht“, versichert Schwalgin. Fünf bis sechs Millionen Euro würde die Sanierung kosten.

Im Hörsaal zieht’s

Wolfgang Hardtwig, Professor für Geschichte, sagt, die Arbeit in einem Teil der Hörsäle der Humboldt-Uni sei gesundheitsgefährdend. „Die riesigen Fenster schließen nicht, es zieht wie Hechtsuppe.“ Die Bestuhlung in diesen Räumen kennt Hardtwig noch aus seiner Volksschulzeit in der bayrischen Provinz Anfang der 50er Jahre. Für die heute im Schnitt 20 Zentimeter größeren Studenten seien die Möbel völlig ungeeignet. Doch bewegen darf sich auf diesen unbequemen Holzsitzen niemand: Sonst knarren sie so laut, dass der Professor nicht mehr zu verstehen ist: „Die Studenten müssen stillsitzen wie im 19. Jahrhundert“, sagt Hardtwig.

Die festgeschraubten Stuhlreihen in den kleineren Räume, in denen er Seminare abhält, zwingen den Professor „zum Frontalunterricht schlimmster Art“, sagt er. Es ist unmöglich, eine rechteckige oder kreisförmige Sitzordnung herzustellen, die die Studenten zum Gedankenaustausch anregen würde: „Das Gestühl zwingt die Studenten, mich anzustarren. Ob ich will oder nicht, bin ich das Zentrum des Unterrichts“, sagt Hardtwig.

Weil die Humboldt-Uni viel zu wenig Räume hat, sitzen die Geschichtsprofessoren im Hauptgebäude Unter den Linden, ihre Mitarbeiter jedoch in der Ziegelstraße. „Eine normale Kommunikation ist nicht möglich, so etwas gibt es nirgends“, ärgert sich Hardtwig. Will die Uni die ausländischen Gastforscher gewinnen, auf die sie angewiesen ist, gerät sie noch mehr in die Bredouille: Manche können nicht kommen, weil es für sie keinen Schreibtisch mit Computer gibt. Und wer doch kommen kann, berichtet zu Hause von einer vergammelten Hochschule, befürchtet Hardtwig.

Flaneure auf der Straße Unter den Linden blicken auf die frisch renovierte Fassade des Hauptgebäudes. Doch hinten ist der Putz aufgerissen, Moos wächst auf den Dächern. Zehn bis zwölf Millionen Euro würde die Sanierung kosten. Keines der Treppenhäuser im Hauptgebäude erfüllt die Anforderungen des Brandschutzes. Sicherheitstüren und Feuerlöschleitungen zu legen würde zwei Millionen Euro kosten. Im Innenhof haben die Wurzeln der Bäume die Gehwegplatten angehoben und zu gefährlichen Stolperfallen gemacht. Schwalgin befürchtet auch, dass eines Tages ein Student mit seiner Jacke an den vermoderten Bänken hängen bleiben und Schadensersatz verlangen könnte.

Campus ohne Mensa

Die Humboldt-Uni glänzt woanders – mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Campus im großen Wissenschaftspark in Berlin-Adlershof. Jedes Gebäude ist eine Einladung an die Forscher, sich wohl zu fühlen, auch die technische Ausstattung ist auf dem neusten Stand. Doch selbst in Adlershof leistet sich der Berliner Senat im Moment keine Mensa für die Studenten. Die Probleme in Berlin-Mitte sind aber viel gewaltiger.

Gerade ihr historischer Charme wird der Uni jetzt zur Last. Durch das Dach der „Kommode“, dem Domizil der Juristen in bester Lage Unter den Linden, regnet es. Die Fassade der Universitätsbibliothek in der Dorotheenstraße 1 ist von Einschusslöchern durchsiebt. „Sie erzählt noch vom Endkampf um Berlin“, mokiert sich Schwalgin.

Dagegen scheint sich in der Burgstraße 26 auf der Museumsinsel, wo die Theologen und Wirtschaftswissenschaftler sitzen, etwas zu bewegen: Das ganze Haus ist eingerüstet und suggeriert, dass renoviert wird. Doch Fehlanzeige: Das Gerüst soll nur die Passanten vor herabfallenden Gebäudeteilen schützen.

Das marode Naturkundemuseum, das ebenfalls zur Humboldt-Uni gehört und in dem einzigartige Exponate verschimmeln, wird gerade mit Mitteln der Lotto-Stiftung und des Senats gerettet. Doch vier bis fünf Millionen Euro muss die Uni zuschießen. Schwalgin könnte seine Liste noch weiter fortsetzen. Insgesamt würde die Sanierung aller Gebäude 250 Millionen Euro kosten, sagt er. Nötige Neubauten für die Uni-Bibliothek, die Mensa oder die Germanistik kommen hinzu.

Angsichts der vielen Missstände sind für Schwalgin die heruntergekommenen Hörsäle der Uni die geringste Sorge. „Das ist negativ, aber noch kein K.o.-Kriterium für die Lehre“, sagt er nüchtern. Auch die „Klodiskussion“ kann er nicht mehr hören: Studenten und Forscher, besonders solche, die aus den USA zu Gast sind, beschweren sich darüber, dass die Toiletten in vielen Gebäuden noch aus der Kaiserzeit oder der DDR-Ära stammen.

Da hat Schwalgin schon Schlimmeres gesehen. An der Uni St. Petersburg, die ebenfalls mit Elitenanspruch auftritt, waren die Toilettenbecken ganz herausgerissen. „Alle machten auf einen Haufen“, berichtet Schwalgin. „Als ich dann einen Professor fragte: ,Müssen Sie denn nie?’ antwortete er: ,Nein, ich gehe immer zu Hause.’“

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