Gesundheit : Hasen leben lieber auf dem Öko-Feld

Konventionelle Äcker werden dem Nachwuchs zum Verhängnis

Roland Knauer

Knallrot leuchten zwei Punkte auf. Eine Silhouette mit langen Ohren schält sich nach wenigen Sekunden aus dem Dämmerlicht, das der Suchscheinwerfer auf dem Geländewagen in rund hundert Metern Entfernung erzeugt. Sarah Fuchs hat einen Hasen entdeckt. Die junge Wissenschaftlerin zählt die potenziellen Ostereier-Lieferanten, um zu erfahren, ob die Mümmelmänner sich auf den Äckern des Öko-Dorfes Brodowin im Nordosten Brandenburgs wohl fühlen oder nicht. Da man Hasen tagsüber kaum entdeckt, schlägt sich Sarah Fuchs die Nächte um die Ohren. Jedes Mal wenn ein knallrotes Augenpaar im Scheinwerferlicht auftaucht, notiert sie auf einer exakten Landkarte, wo der jeweilige Hase zuhause ist.

„Wir möchten wissen, wie wir dem Hasen das Leben erleichtern können“, sagt sie. Die Bedürfnisse der Hoppler sind mit einem Satz erklärt: „Der Hase ist ein Tier der Steppe.“ Deshalb findet man ihn selten im Wald, sondern in der Agrarlandschaft. Die aber hat sich vor allem seit dem zweiten Weltkrieg arg zuungunsten der Langohren geändert, unken Naturschützer. „Der Osterhase stirbt aus“, hat bereits mehr als eine Zeitung getitelt.

Freilich ist die Situation so schlimm nicht, wenn man sich die Mühe macht, zum Zweck des Zählens mit dem Geländewagen quer über den Acker zu schnüren. So findet Sarah Fuchs auf Feldern mit Kleegras sogar die rekordverdächtige Zahl von 23 Hasen pro 100 Hektar. Die Wissenschaftlerin untersucht im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz nicht irgendwelche Äcker, sondern die eines Ökobetriebes. Und da finden sich tatsächlich erheblich mehr Hasen als auf konventionell bewirtschafteten Latifundien.

„Die Jungen verfaulen“

Für den Rückgang der Bestände, der den Hasen einen Platz auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten beschert hat, gibt es vor allem einen Grund: Heute ist die Landwirtschaft erheblich intensiver als noch vor 50 Jahren. Wenn im Mai fast jede Häsin Junge hat, liegen die Junghasen dank Kunstdünger in einer erheblich dichteren und höheren Vegetation als früher.

Für den an das trockene Klima der Steppe angepassten Hasen ist das in einem feuchten Frühjahr fatal. „Dann verfaulen die Jungen“, wissen die Jäger. Und das dezimiert langfristig die Population. Ganz anders sieht die Situation dagegen im Kleegras des Ökodorfes Brodowin aus. Hier steht die Vegetation erheblich niedriger. Das Mikroklima ähnelt schon eher der Steppe, und die Jungen überstehen auch ein feuchtes Frühjahr erheblich besser.

An den anderen Randbedingungen liegt es jedenfalls nicht: Die Fruchtbarkeit der Hasen ist in Ordnung, wie Mirja Fassbender vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin mit aufwändigen Untersuchungen belegt hat. Auch den Winter überstehen die Tiere meist recht gut.

Zu schnell für hungrige Feinde

Und Fressfeinde? Nun, Füchse gibt es in Deutschland nach der erfolgreichen Tollwut-Impfkampagne zwar zuhauf. Aber sie haben nicht die geringste Chance, einen gesunden Hasen zu fangen. Die Jungen erwischt der Fuchs ebenfalls kaum, weil sie überhaupt keinen Geruch haben. Die Häsin wiederum hütet sich, den Fuchs zu ihren Jungen zu führen. Deshalb säugt sie den Nachwuchs ganze zwei Minuten in der Abenddämmerung und lässt ihn den Rest des Tages und der Nacht allein.

Dennoch suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, die Überlebensraten der Junghasen weiter zu steigern. Sind sie noch klein, ducken sie sich bei Gefahr einfach auf den Boden und verlassen sich darauf, dass der Fuchs sie nicht riecht. Gegen das Mähwerk aber hilft diese Taktik wenig. Also senken die Traktorfahrer das Mähwerk in Brodowin nicht mehr wie bisher bis auf fünf bis sieben Zentimeter über der Krume ab sondern nur noch auf zehn Zentimeter.

Normalerweise tummeln sich Hasen innerhalb eines recht kleinen Gebietes. Sorgt der Bauer also für eine engmaschige Vielfalt auf seinen Flächen, wird der Hase viel leichter die richtige Struktur finden als in einem 100 Hektar großen monotonen Getreidefeld. Deshalb wurden in Brodowin die Äcker inzwischen erheblich verkleinert, und es werden nebeneinander immer andere Feldfrüchte angebaut, so dass der Hase ausweichen kann. Davon profitieren auch die kleinen Amphibien, die kleinere Felder viel schneller durchqueren als große.

Inzwischen entdeckt Sarah Fuchs mit ihren Scheinwerfern noch mehr rote Punkte auf den Feldern. Ganz in der Nähe findet sie manchmal auch einen weißlich-gelben Doppelpunkt: Meister Reineke. Aber der spart sich sichtlich die Mühe, den Hasen hinterherzulaufen. Er konzentriert sich darauf, für seinen Lebensunterhalt möglichst viele Mäuse zu machen. Denn auf diese Nager hat er sich mittlerweile spezialisiert.

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