Gesundheit : HAUPTSEMINAR INTRIGE - EIN CAMPUS-ROMAN MIT DREI LEERSTELLEN: Wilde Kirsche, Grand Canyon

DOROTHEE NOLTE

Dritte Folge: Was ist die größte Leerstelle in Brittas Leben? Können die Ingenieure an der TU Hilfe leisten?VON DOROTHEE NOLTE Das Sommersemester 1997 geht zu Ende: Mit Rotwein und Paprikastreifen haben die Teilnehmer des kulturwissenschaftlichen Hauptseminars "Intrige" Abschied gefeiert. Der Mann stand direkt gegenüber vom Hofeingang der Sophienstraße 22a.Er lehnte sich an den hohen, schmiedeeisernen Zaun der Sophienkirchgemeinde, zwischen zwei angeketteten Fahrrädern, lauernd und unbeweglich, als wollte er zeigen: Meine Anwesenheit reicht, um diese dörfliche Idylle zu zerstören.Ihr studiert, aber ich bin.Ihr erhebt euch in geistige Höhen, aber ich hole euch herunter.Auf einem eher schmächtigen Körper trug er das Gesicht eines Profi-Boxers, mit einer Nase, auf der schon mehrere Konkurrenten ihre Stiefel erprobt zu haben schienen.Britta bemerkte ihn sofort, als sie aus dem Hofeingang trat.Da ist er, dachte sie.Der Vorbote. Der Rotwein, den Carlo der Ingenieur spendiert hatte, lähmte ihre Glieder.Anstatt ihr Fahrrad vom Zaun abzuholen, wandte sie sich nach links und lief mit langsamen Schritten die Sophienstraße entlang.Vor dem Schaufenster des Geschäfts für Holzblasinstrumente blieb sie stehen.Ein schneller Blick über die Schulter zeigte ihr: Der Mann hatte sich nicht vom Fleck bewegt.Er hatte sich lediglich umgedreht und starrte ihr unverhohlen nach, einen Fuß auf die Mauer gestützt und die Hände in seiner schwarzen Lederjacke versteckt, die an der linken Seite einen Riß wie von einem Messerstich trug. Seitdem Britta das Intrigen-Seminar von Professor Knospe besuchte und die Romane von Lydia Ottone las, sah sie häufig Vorboten.Überhaupt erschien ihr der studentische Alltag zwischen Vorlesungen, Bibliotheken, Mensa und Cafeterias weitaus bedeutsamer als zuvor.Eigentlich war er nämlich voller Zeichen, Symbole und Rituale, die man entschlüsseln und aus denen man Geschichten spinnen konnte.Woran lag es etwa, wenn sie ein bestimmtes Buch in keiner Bibliothek finden konnte? Doch nicht an der Politik des Berliner Senats, der den Unis die Zuschüsse so stark kürzte, daß sie keine neuen Bücher mehr kaufen konnten.Nein! Es war ein Zeichen.In ihrem höheren Lebensplan, im Roman ihres Lebens stand offenbar geschrieben, daß sie in dieser Phase ihrer intellektuellen Entwicklung von dem fraglichen Buch nur gestört werden würde.Britta nannte das einen "kreativen Umgang mit dem Mangel, mit Abwesenheiten und Leerstellen".Daher interessierte sie sich auch so sehr für die Romane Lydia Ottones und des italienischen Schriftstellers Giuseppe Firenze: Bei beiden gab es Leerstellen, Erzählstränge, die angelegt, aber nicht weitergeführt wurden, Präsenzen, die auf Abwesendes verwiesen und umgekehrt.Genau wie der Mann mit der Knautsch-Nase. Sie war ihm schon einmal im Schacht des U-Bahnhofs Weinmeisterstraße begegnet.Damals hatte er einen hungrig aussehenden Mischlingshund dabei, der Britta mit ebenso bösartigen Augen anblickte wie sein Herr.An jenem Nachmittag kam Britta gerade von einem Seminar über die Geschichte des Scheunenviertels hinter dem Alexanderplatz, in dessen Mitte das Institut seinen Sitz hatte.Auf diese Lage war man sehr stolz, denn wo sonst konnte man die Wiedergeburt von Berlins Zentrum, die Wandlung zur Metropole besser kulturwissenschaftlich begleiten als hier? Sie hatte noch allerhand Quellentexte und Fotos im Kopf über die beengten Wohnverhältnisse zu Beginn des Jahrhunderts, als bis zu acht Schlafburschen sich ein Zimmer teilten und im Nebenzimmer eine Prostituierte arbeitete.Das Viertel galt damals als "Schlupfwinkel des Verbrechens", hatte sie gelernt, des kleinen Verbrechens, von dem man nur schmutzig überleben, aber nicht reich werden konnte, eines Verbrechens der muffigen Hauseingänge, der schlechten Zähne und verlausten Kopfhäute.Von all dem war heute, zwischen sanierten Fassaden, auf altmodisch getrimmten Handwerkerläden und Touristenscharen, nichts mehr zu ahnen.Nur der Mann mit der Knautsch-Nase trug etwas davon mit sich herum.Seine Anwesenheit füllte die historischen Leerstellen.Oder kündigte er ihr ein Unheil an, das sie in den Ferien befallen sollte? War er gar - hier stockte ihr Atem - der Vorbote einer großen, wildromantischen Liebe? Ach was.Die Liebe ist in meinem Leben die größte Leerstelle, dachte sie und betrachtete traurig ein thematisch passendes Holzblasinstrument im Schaufenster.Wer Romanistik studiert, kann auch gleich ins Kloster gehen: 80 Prozent Frauenanteil, wie soll man da fündig werden? Ein ganzes Semester lang hatte sie an der TU ein stinklangweiliges Seminar über die "Schwingungsberechnung elastischer Kontinua" besucht, um sich unter dem dortigen 95prozentigen Männeranteil umzugucken.Eine Schnapsidee, ähnlich wie im ersten Semester, als sie ein kulturwissenschaftliches Seminar über "Das Verschwinden des Körpers" besuchte, weil sie es für eine Art Diät-Club hielt.Aus beiden Veranstaltungen war sie ebenso mannlos und übergewichtig hervorgegangen, wie sie hereingestolpert war.Die Uni und das Leben, das hat eben nichts miteinander zu tun, hatte sie daraufhin beschlossen.Bis sie Professor Knospe und sein Intrigen-Seminar entdeckte. Mit einem rotweingeschwängerten Seufzer fuhr sich Britta durch ihr Haar, auf dessen grell orangen Ton - eine Mischung aus Wild-Kirsche, Grand Canyon und einem Eßlöffel Tiramisu - sie stolz war."Was hältst du denn von meinem Vorschlag für die Semesterferien?", fragte jemand neben ihr.Britta fuhr zusammen.Vor ihr stand Sigmund, der staubtrockene Doktorand, und verströmte einen süßlichen Geruch nach Paprikastreifen und Kartoffelsalat."Klar, geht in Ordnung", antwortete Britta langsam und, zur Bekräftigung: "Das fetzt." Sie wußte, daß Sigmund diesen Ausdruck nicht ausstehen konnte.Hastig drehte sie sich noch einmal zur Sophienkirche um.Von dem Mann mit der Knautsch-Nase war nur eine Leerstelle geblieben. Nächste Folge am Sonnabend.

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