Gesundheit : Hausarzt, künstlich ernährt

Charité: Streit um eine Stiftungsprofessur

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Aufregung bei der „Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin“: An der Berliner Charité, Standort FranklinKlinikum, wurde ein Stiftungslehrstuhl akzeptiert, der nach dem Willen der stiftenden Firma Fresenius „Professur für Allgemeinmedizin und Pathophysiologie der enteralen Ernährung“ heißen muss.

Bei der wissenschaftlichen Gesellschaft der Hausärzte betrachtet man dies als bizarre Kombination: Ein großes Querschnittsfach gekoppelt an ein winziges Teilgebiet der internistischen Spezialität Gastroenterologie (Magen-DarmHeilkunde). „Pathophysiologie der enteralen Ernährung“ bedeutet Lehre von den krankhaften Vorgängen im Zusammenhang mit künstlicher Ernährung mit Magen- oder Dünndarmsonde. Der Stifter Fresenius stellt Sondennahrung her.

„Allgemeinmedizin“ dagegen umfasst laut Fachgesellschaft, „die Grundversorgung aller Patienten mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen in der Notfall-, Akut- und Langzeitversorgung sowie wesentliche Bereiche der Prävention und Rehabilitation“.

Der einzige Kandidat für die Stiftungsprofessur sei aber – bei einer so eigenwilligen Kombination nicht verwunderlich – ein Gastroenterologe (Magen-Darm-Spezialist), der erst ein paar Wochen vor seiner Bewerbung zur allgemeinmedizinischen Facharztanerkennung gekommen sei; ihm fehlten die Erfahrung in der allgemeinmedizinischen Patientenversorgung, Lehre und Forschung, also die Voraussetzungen einer Professur für Allgemeinmedizin, berichtete Michael M. Kochen, Präsident der Allgemeinmediziner-Gesellschaft dem Tagesspiegel. Ein Editorial des Vizepräsidenten Harald Abholz im Fachorgan „Zeitschrift für Allgemeinmedizin“ beklagt, dass „eine Herabstufung der Allgemeinmedizin von ordentlicher Professur auf Stiftungsprofessur stattfindet“.

Wie der Charité-Dekan Martin Paul mitteilte, werde der ordentliche Lehrstuhl aber keineswegs gestrichen oder durch den vorgesehenen Stiftungslehrstuhl ersetzt. Vielmehr solle der ordentliche Lehrstuhl für die Finanzierung bereits vorhandener Stellen von Professoren der Allgemeinmedizin herangezogen werden. Damit gemeint sind offenbar die beiden, mit bewährten Allgemeinmedizinern besetzten, befristeten Halbtagsstellen im Charité-Campus Mitte. Paul betonte, man wolle sicherstellen, dass Halbtagsstellen für Professoren eingerichtet werden, um ihnen ausreichend Zeit für die Praxisarbeit zu geben. „Die Allgemeinmedizin liegt uns am Herzen.“

Wenn die beiden befristet tätigen Professoren für Allgemeinmedizin unbefristtet weiterarbeiten können, sei das zwar erfreulich, aber faktisch würde eine ordentliche Professur dennoch durch den Stiftungslehrstuhl ersetzt, argumentiert man bei der Fachgesellschaft. Der Stiftungslehrstuhl, sagt Paul, sei aber zunächst auf fünf Jahre befristet. Überdies solle der Stiftungsprofessor einen Akzent keineswegs nur auf die Sondenernährung setzen, sondern auf Ernährungsmedizin allgemein. R. St.

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