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Die Literaturwissenschaft entdeckt Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ neu – auch entlehnte Teile

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Von Nina Peters

Die Erfolgsgeschichte von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ begann 1861. Der erste Band war erschienen. Der 42-jährige Fontane berichtete seinem Verleger Wilhelm Hertz, wie „fashionable“ die „Wanderungen“ beim Adel seien. Sein Konzept stieß auf Interesse: „Detailschilderung historischer Personen, Belebung des Lokalen und schließlich Charakterisierung märkischer Landschaft und Natur.“ Heute ist ein Ende der Geschichte immer noch nicht abzusehen. Eine Zwischenbilanz lässt sich immerhin ziehen: Kaum ein Text hat so viele Menschen in Bewegung versetzt. Und während Touristen heute auf Fontanes Spuren nach Paretz, zum Lieblingsschloss Königin Luises, pilgern, macht die Fontane-Forschung bei den „Wanderungen“ Halt.

Das Fontane-Archiv und die Fontane-Gesellschaft haben erstmals ein Symposium ausschließlich dem Werk gewidmet, das den Romanen des Autors immer untergeordnet wurde. Dafür ließ sich anführen, dass die „Wanderungen“ dem Umfang und Arbeitsaufwand nach Fontanes Hauptwerk sind. Das wird auch nach dem viertätigen Vortragsmarathon „Geschichte und Geschichten aus der Mark Brandenburg“ kaum jemand ernsthaft bestreiten. Aber das Eigengewicht der „Wanderungen“-Texte wurde deutlich gestärkt. Isabelle Solères (Toulouse) etwa nahm sich in einer schlüssigen Strukturanalyse Fontanes Praxis der Geschichtsschreibung vor. Die Verwendung individueller Schicksale als Verkleinerung preußischer Geschichte verstand der Autor als Entgegnung auf bisherige historische Topografien der Mark-Brandenburg. Die hielt er schlicht für „unendlich fleißig“ und „langweilig“.

Drei Themenbereiche hatten die Veranstalter für die Diskussion vorgegeben: Reisen, Werkstatt sowie Geschichte und Geschichten. In Zukunft unabdingbar wird der Bezug zur Reiseliteratur sein. So zeigte die Germanistin Erdmut Jost, wie sich Fontane des gesamten Wahrnehmungsinstrumentariums bediente, wie es in der Reiseliteratur seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts tradiert worden war. Und spätestens beim Blick in Fontanes „Werkstatt“ war klar, dass die Forschung die „Wanderungen“ in Zukunft anders lesen wird.

Die Literaturwissenschaftler Hubertus Fischer und Roland Berbig arbeiteten mit Blick auf die Vorabdrucke der einzelnen Kapitel der „Wanderungen“ Fontanes Publikationsstrategie heraus. Er überließ bei der Auswahl der Zeitungen und Zeitschriften nichts dem Zufall. Darüber hinaus setzte er auch jeweils andere konzeptionelle und politische Akzente. Roland Berbig zeigte, wie Fontane für Cottas schwäbisches „Morgenblatt für gebildete Leser“ ein „humanes“ Preußenbild zurechtschneiderte – einen „Wolf im Schafspelz“. Dem unpreußischen Süden sollte das militärische Preußen als ein Hort der Menschlichkeit vorgeführt werden.

„Die Wanderungen wurden zu einer Art Hausindustrie Potsdamer Straße 143 C“: Auf diese Formel brachte die Literaturwissenschaftlerin Eda Sagarra Fontanes unternehmerisches Geschick. Unter dieser Adresse lebte aber nicht nur Fontane. Hier befand sich, im ersten Stock, auch Fontanes zeitweise wichtigste „Agentur“ für das Wanderungen-Projekt. Das preußisch-konservative, christliche „Johanniterblatt“ war ein erfolgreicher Katalysator bei der Verbreitung der „Wanderungen“ in Adelskreisen. Fischer arbeitete anhand der Vorabdrucke deutlich den „Work-in-progress“-Charakter der „Wanderungen“ heraus. Zwischen dem Vorabdruck von „Kloster Chorin“ 1867 etwa und der Buchausgabe 1880 lag ein Samstag im August 1876, an dem Fontane, wie er seiner Frau schrieb, „fleißig an meinem Chorin-Aufsatz arbeitete, änderte, kürzte“.

Politische Korrekturen ergaben sich im „Marquart“-Kapitel. Hieß es in der Johanniterfassung auf die Frage, wodurch Bischofswerder seine Macht erlangt hatte: „Man hatte auch Character, auch Principien“, dann stand der umstrittene Minister später nicht mehr so gut da: „Man hatte auch Principien.“ Die „Wanderungen“ sind kein homogenes, durchkomponiertes, in sich geschlossenes Werkganzes. Mit dieser Erkenntnis war das Symposium auf dem Boden der textphilologischen und quellenkritischen Tatsachen gelandet. Eine zukünftige Werkausgabe auf CD-ROM könnte diesen „Work-in-progress“-Charakter vermitteln. Sie wäre eine sinnvolle und „sinnliche“ Ergänzung zu den hervorragend edierten Gesamtausgaben von Hanser und Aufbau. In dieser textkritischen Ausgabe wäre auch berücksichtigt, was der Germanist Manfred Horlitz zeigte und was der heutige Leser des Kapitels „Havelschwäne“ nicht weiß: dass Fontane den halben Text bei seinem Zeitgenossen Louis Schneider Wort für Wort abgeschrieben hat.

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