Gesundheit : Hautnahe Arzneimittel Rötung, Schwellung, Ausschlag – oft ist ein Medikament die Ursache

Rosemarie Stein

Zuerst glaubte die Urlauberin an einen gewöhnlichen Sonnenbrand. Plausibel, wenn man dem langen Berliner Winter gerade gen Süden entflohen ist. Es blieb aber nicht bei einem geröteten Gesicht. Als sie schon wieder zu Hause war, begannen ihre Fingernägel sich abzulösen. Der Hautarzt fand schnell die Ursache: Vor der Abreise hatte sie wegen einer Infektion ein Antibiotikum verschrieben bekommen, Doxycyclin, das zu den Tetracyclinen gehört. Es wirkt phototoxisch, das heißt, erst durch das Sonnenlicht führte es bei der Urlauberin zu krankhaften Hautveränderungen. Die Warnung des verordnenden Arztes hatte sie wohl überhört.

Die Geschichte stammt aus einer Vortragsveranstaltung des Vivantes-Klinikums Spandau über die unerwünschten Wirkungen von Arzneimitteln an der Haut. Gisela Albrecht, Direktorin der dortigen Dermatologie, betonte in ihrer Einleitung die ungeheure Vielgestaltigkeit arzneibedingter Hautveränderungen. Auch deren Entstehungswege sind vielfältig, und Hautschäden können von vielen verschiedenen Medikamenten verursacht werden, sagte Kurt Bork von der Universitäts-Hautklinik Mainz.

Unerwünschte Arzneiwirkungen können alle Organe betreffen, neben dem Verdauungstrakt aber besonders oft die Haut. Obwohl die Reaktion des Hautorgans sichtbar ist, braucht der Arzt oft die Fähigkeit eines Detektivs, um den „Täter“ zu entdecken. Zwar können sich die Hautveränderungen schon sofort nach der Arzneimittelgabe zeigen, aber auch erst nach Wochen, Monaten oder selbst Jahren, sagte Bork.

Meist harmlos – nicht immer

Meist sind die Hautsymptome harmlos, wie Nesselsucht oder Ausschläge, und sie bilden sich nach dem Absetzen des auslösenden Mittels zurück. Manchmal aber ist der Täter, den es dingfest zu machen gilt, ein Mörder: Nebenwirkungen können auch sehr schwer sein, wie die großflächige Ablösung der Oberhaut, und in seltenen Fällen sogar tödlich.

Viele Medikamente entfalten unerwünschte Eigenschaften nur bei besonders Disponierten. Dennoch können sich auch seltene Nebenwirkungen summieren, wenn ein Mittel besonders viel verordnet wird. Als Beispiel nannte Bork die ACE-Hemmer. Das sind hochwirksame Substanzen, die in Deutschland unter zahllosen Handelsnamen von vier Millionen Menschen bei Herzschwäche, nach Infarkt oder gegen Bluthochdruck ständig genommen werden. Ebenso wie etwa 300 andere Arzneistoffe, darunter Östrogene und Acetylsalicylsäure (ASS, zum Beispiel Aspirin), können sie unter anderem schmerzhafte Schwellungen (Angio- oder Quincke-Ödeme) unter der Haut oder Schleimhaut auslösen, und zwar an ganz verschiedenen Körperstellen. Dazu gehören die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts – was zu sehr schmerzhaften Krämpfen führen kann – und die Mund- und Rachenschleimhaut. „Man kann durch ACE-Hemmer ersticken“, warnte sogar der Dermatologe. Ärzte und Patienten müssen also wachsam sein, nicht nur zu Beginn der Arznei- Therapie.

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