Gesundheit : Hebräischer Weltkongress: Auferstanden aus den Büchern

Guilio Busi

Vom 9. bis 11. Juli findet ein Weltkongress für hebräische Sprache und Kultur in Berlin statt - auf Hebräisch. Der Anlass ist ein Jubiläum: Vor 70 Jahren wurde in Berlin die "Brit Ivrit Olamit"(World Hebrew Union) gegründet, der es um die Wiederbelebung des Hebräischen ging. Wichtige Impulse für die Renaissance des Hebräischen als gesprochene, moderne Sprache gingen von hier aus. Angefangen bei Moses Mendelssohn bis zu den hebräischen Schriftstellern Shmuel Agnon und Chajim Bialik, die Berlin zwischen 1900 und 1930 zu einem Zentrum der hebräischen Literatur machten.

Als er beschloss zu heiraten, war Moses Mendelssohn schon in fortgeschrittenem Alter. "Ich habe die Thorheit begangen, mich in meinem dreyßigsten Jahre zu verlieben", schrieb er 1761 an Lessing, kurz nachdem er seine zukünftige Frau Fromet Gugenheim kennengelernt hatte. Für seine Zeit war Mendelssohn tatsächlich schon ein reifer Mann und sein Wunsch, sich aus Liebe - und nicht auf Grund von wirtschaftlichen oder Familieninteressen - mit jemandem zu verbinden, war eine weitere Abweichung von den Gepflogenheiten seiner Epoche.

Zwischen Mai 1761 und dem Frühjahr 1762 schrieb er 66 Briefe an seine Verlobte, die einem leidenschaftlichen und ernsthaften Empfinden eine Stimme verleihen. Fast alle Briefe sind in hebräischen Buchstaben geschrieben, in einer einzigartigen Mischung aus Deutsch und Jiddisch, oft durchsetzt mit hebräischen Wörtern und französischen Zitaten. Dieses "Durcheinander" von Sprachen spiegelt die entstehende Intimität zwischen den beiden Verlobten wider und ist gleichzeitig Ausdruck der kulturellen Welt, in der die Juden des 18. Jahrhunderts lebten, die noch immer zutiefst in der jiddischen Tradition verwurzelt waren.

Die Liebesbriefe Mendelssohns sind ein noch sprechenderes Dokument, wenn man an die Rolle denkt, die der große aufklärerische Denker in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spielte: Auf der einen Seite trat er entschieden für den Gebrauch des Deutschen ein, auf der anderen Seite bemühte er sich um ein "reines" biblisches Hebräisch. Überzeugt davon, dass das Jiddische "nicht wenig zur Unsittlichkeit des gemeinen Mannes beigetragen" habe, machte sich Mendelssohn daran, unter den Juden ein elegantes und korrektes Deutsch zu verbreiten, vor allem mit seiner vielgerühmten Übersetzung des Pentateuchs, die zwischen 1780 und 1783 erschien. Das Hebräische hingegen hielt er für das beste Instrument, um der religiösen Tradition ihre kulturelle Würde zu erhalten, immer vorausgesetzt, dass man in einer Sprache schreiben würde, die gereinigt wäre von der schweren Erbschaft des talmudischen Aramäisch.

Die Sprache der Intimität

In vieler Hinsicht widerspricht der Briefwechsel mit seiner Verlobten jenem theoretischen Programm. Er offenbart, dass Mendelssohn in Wirklichkeit keine andere Wahl hatte: Auch für ihn war das Jiddisch-Deutsche die Sprache der Intimität und des Dialogs mit der weiblichen jüdischen Welt.

Zur Zeit Mendelssohns hatte das Hebräische schon eine sehr lange Tradition als Kultursprache hinter sich. Es wurde für jede Art von religiöser Argumentation gebraucht, aber auch für die Literatur und die Poesie. Was dem Hebräischen des 18. Jahrhunderts aber fast komplett fehlte, war eine wie auch immer geartete Beziehung zum täglichen Leben. Seit vielen Jahrhunderten war es nicht gesprochen worden, auch wenn viele gebildete Juden auf das Hebräische als eine Art lingua franca zurückgreifen konnten, mit deren Hilfe sie sich mit anderen Juden unterhalten konnten, die aus weit entfernten Gegenden der Diaspora stammten. In dieser doppelten Bedeutung, als literarisches Mittel und als "sprechbares", aber nicht gesprochenes Idiom, blieb das Hebräische - auch inmitten der Aufklärung - eine fast ausschließlich männliche Sprache. Die jüdischen Frauen waren traditionell vom Lernen der heiligen Sprache ausgeschlossen, ausgenommen davon war nur eine rudimentäre Kenntnis des Alphabets. So konnte sich ihre spirituelle Welt nur in den jeweiligen jüdischen Dialekten ausdrücken, wie das Jiddische in Mittel- und Osteuropa oder das Judeo-Italienische oder Ladino für die sephardischen Juden.

Wenn es in der Geschichte der hebräischen Literatur im Laufe der Jahrhunderte auch Ausnahmen gab, etwa Frauen, die biblische Manuskripte abschreiben oder auch Gedichtwerke übersetzen konnten - wie im 16. Jahrhundert die römische Schriftstellerin Deborah Ascarelli - so wurden doch die Texte, die für die weibliche jüdische Welt bestimmt waren, über Jahrhunderte hinweg im Volksdialekt geschrieben.

Im Deutschland der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts versuchte eine Gruppe von Aufklärern, die von Mendelssohn inspiriert waren, den Gebrauch des Hebräischen auch für die weltliche Sphäre wieder nutzbar zu machen. Daraus enstand die berühmte Zeitschrift "Ha-Meassef" (Der Sammler) wie auch der Versuch, eine "profane Literatur" ins Leben zu rufen. Diese Initiativen spielten eine fundamentale Rolle bei der Schaffung eines neuen Sprachgefühls und sollten beweisen, dass der Wortschatz der antiken Schriften auch zur Darstellung der modernen Realität taugte. Doch trotz der enthusiastischen Anstrengungen dieses ersten Kreises von Intellektuellen verhinderte das kulturelle Prestige der deutschen Sprache, dass sich in Deutschland eine echte profane hebräische Literatur entwickeln konnte.

Das Vorbild der "Haskalah", der jüdischen Aufklärung, wurde allerdings von der jüdischen Elite Osteuropas aufgenommen, die versuchte, die neuen Bildungsmodelle auch ins Russische Reich zu übertragen. Ein langer Prozess, der das ganze 19. Jahrhundert andauerte. Trotz der Skepsis der zaristischen Autorität und der Gegnerschaft, die damals aus den Reihen der konservativen jüdischen Orthodoxie kam, konnte sich Russland rühmen, am Ende des 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine Anzahl von Autoren zu haben - wie zum Beispiel Asher Hirsch Ginsberg, genannt Achad Ha-Am, und Chajim Bialik -, die fähig waren, die hebräische Sprache im Journalismus und für politische Diskussionen zu benutzen oder auch als dichterisches Mittel einzusetzen, die nun schon ihre ganz eigene Ausdruckskraft besaß.

Sich für das Hebräische zu entscheiden, bedeutete unter anderem auch mit der Vergangenheit als diskriminierter Minderheit zu brechen. In Hebräisch zu schreiben hieß, seine eigene nationale Identität zu bekräftigen. Nicht umsonst wurde die Frage der Sprache zu einem der wichtigsten Probleme jener kulturellen Erneuerung, die dann zur zionistischen Bewegung führte. Um aber Hebräisch wirklich als Instrument einer kollektiven Identität gebrauchen zu können, musste trotzdem noch ein weiterer Schritt vollzogen werden: Es musste gesprochen werden. In der Familie, in der Schule und in all den bescheidenen Zusammenhängen des täglichen Lebens.

Mit Eliezer Perelman - der seinen Namen später in Ben-Yehuda abwandelte - war es gerade ein Jude aus einer orthodoxen Familie Litauens, der als erster daran ging, die Utopie in die Praxis umzusetzen. Im Jahre 1881 erreichte Ben-Yehuda mit seiner Frau Deborah das Heilige Land und war felsenfest entschlossen, keine andere Sprache außer Hebräisch zu benutzen. In den ersten Jahren musste er in Jerusalem den Argwohn vieler überwinden, die in ihm nur einen Exzentriker sahen. Es war nur eine geringe Zahl von Mitgliedern der kleinen jüdischen Gemeinde in der Heiligen Stadt, die seine Überzeugung teilte, dass sich das Hebräische in eine lebendige Sprache verwandeln ließe. Aber der visionäre Enthusiasmus Ben-Yehudas überwand diese Widerstände Stück für Stück.

Sein Sohn wurde das erste moderne Kind, das Hebräisch als Muttersprache lernte. Um die alltäglichen Bedürfnisse des Kleinen zu befriedigen und die Möglichkeiten der Sprache zu erweitern, schuf Ben-Yehuda Hunderte von neuen Wörtern - damit es möglich wurde, in Hebräisch auch Dinge wie "Fahrrad", "Puppe", "Speiseeis" oder "Taschentuch" auszudrücken. Zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das gesprochene Hebräisch dann zu einer konkreten Realität geworden, so dass es als verbindendes Element der enstehenden jüdischen Ansiedelung in Palästina dienen konnte.

Auswanderer aus Osteuropa

Zur selben Zeit führten die antisemitischen Verfolungen und die politischen Umwälzungen in Russland zur Auswanderung einer wachsenden Zahl von hebräischen Schriftstellern aus Osteuropa nach Deutschland. Durch diese Einwanderung aus dem Osten wurde Berlin für einige Jahre zum weltweit wichtigsten Zentrum der hebräischen Sprache und Kultur. Und so fand 1909 gerade in der deutschen Hauptstadt der erste Kongress hebräischer Sprache und Kultur statt, der zum Ausdruck der weiten Verbreitung wurde, die die wiedererwachte Nationalsprache gefunden hatte. Zwischen 1910 und 1930 wurde die literarische Szene Berlins von den besten hebräischen Schriftstellern ihrer Zeit angeregt. In den mondänen Lokalen der Stadt, wie etwa im Café Monopol oder im "Des Westens" konnte man Persönlichkeiten wie Chajim Bialik oder den zukünftigen Nobelpreisträger Shmuel Agnon treffen. Noch 1931 beherbergte Berlin eine neue hebräische Konferenz, die zur Einrichtung des "Brit ivrit olamit" führte, einer internationalen Vereinigung, die den Gebrauch des Hebräischen in jedem Wissensgebiet fördert. Diese "hebräische Periode" Berlins wurde durch die Nazizeit brutal unterbrochen.

Siebzig Jahre nach der ersten Berliner Gründungsinitiative kehrt der "Brit ivrit olamit" nun in die Stadt zurück. Gemeinsam organisiert mit der Freien Universität bringt der Kongress Schriftsteller und Gelehrte unterschiedlicher europäischer, israelischer und amerikanischer Universitäten zusammen und wird komplett in Hebräisch abgehalten. Es ist eine wichtige Gelegenheit, um die Kontinuitäten des heutigen israelischen Sprachgebrauchs mit der Tradition zu überprüfen und gleichzeitig den Grad an Innovation festzustellen. Die hebräische Sprache ist eine Art innere Seele des israelischen Volkes. In sie sind in den letzten hundert Jahren die furchtbaren Qualen der Verfolgung eingeflossen und danach der Enthusiasmus und die Ängste, die mit der Gründung des neuen Staates zusammenhingen. Die hebräischen Wörter und die Formulierungen der zeitgenössischen israelischen Schriftsteller besitzen heute einen ganz anderen Resonanzraum als derjenige der ersten Sprachpioniere am Ende des 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist, als sei ihre Ausdruckskraft wiedergeboren und gleichzeitig ein wenig ermüdet. Das Alltägliche, das vor einem Jahrhundert seinen Platz im Neuhebräischen beanspruchte, wohnt dort jetzt mit vollem Recht. Das hebräische Alphabet, das Tausende von Jahren alt ist, bewacht nun - wie einen wiedergefundenen Schatz - das Gefühl der Moderne.

Aus dem Italienischen von Clemens Wergin. Giulio Busi ist Professor am Fachbereich Judaistik der Freien Universität Berlin.

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