Gesundheit : Heidelberg greift nach den Sternen

Serie Exzellenz-Wettbewerb (5): Hohe Gehälter zahlen und das Universum erklären – wie sich die Ruprecht-Karls-Universität bewerben will

Amory Burchard

Im Exzellenz-Wettbewerb konkurrieren die deutschen Hochschulen um 1,9 Milliarden Euro. Gefördert werden Graduiertenschulen, Forschungscluster und bis zu zehn Unis für ihre Gesamtstrategie. Wir stellen in loser Folge vor, wie sich große deutsche Unis bewerben wollen.

Heidelberg will den Anschluss an die internationale Spitze schaffen. Ein Beispiel: Die Krebsforschung, laut Rektor Peter Hommelhoff „ein Schlachtschiff“ der Uni, will Forschungsergebnisse schneller in die Praxis bringen – nach amerikanischem Vorbild. Dazu sollen Onkologen aus den USA an die Uniklinik geholt werden, möglichst die besten. Die kann sich die Hochschule aber bislang nicht leisten. Das soll jetzt anders werden – mit dem zusätzlichen Geld aus dem Wettbewerb.

Eine Personalpolitik, die festgelegte Gehaltsgrenzen überschreitet, ist ein Baustein des Zukunftskonzepts, mit dem die Universität im Wettbewerb antritt. „Wir möchten in bestimmten Bereichen mit außeruniversitären Instituten und mit internationalen Eliteunis konkurrieren und ähnlich hohe Gehälter und gute Ausstattungen bieten“, sagt Hommelhoff.

Profitieren sollen vor allem die Lebenswissenschaften. Zu den traumhaften Bedingungen in Max-Planck-Instituten gehört es, dass sich die Wissenschaftler dort ganz auf die Forschung konzentrieren können. Die Uni Heidelberg will zukünftig zwischen Forschungs- und Lehrprofessuren unterscheiden. Sie will exzellenten Juniorprofessoren mit dem Tenure Track den Weg für eine Weiterbeschäftigung frei machen – und Frauen in der Forschung verstärkt fördern.

Den hoch qualifizierten Nachwuchs braucht die Uni auch für die sieben Exzellenz-Cluster und sieben Graduierten- Schulen, mit denen sie ins Rennen geht. Hirnforscher, Astronomen, Geowissenschaftler, Europaforscher, Biowissenschaftler und internationale Gesundheitsmanager möchten die Heidelberger in ihren Graduate Schools ausbilden.

Der Astrophysiker Christof Wetterich, der das geplante Cluster „Entstehung des Universums“ leitet, setzt auf einen Werbeeffekt für die Naturwissenschaften. „Wenn wir das Universum erklären können, wird klar, dass der menschliche Geist in der Lage ist, die fundamentalen Gesetze der Natur zu erkennen.“

KRANKE ZELLEN ERKENNEN

Heidelberger Krebsforscher wollen Moleküle entwickeln, die kranke Zellen erkennen, die frühzeitig signalisieren: In dieser Prostata entwickelt sich an einer ganz bestimmten Stelle ein Karzinom. Parallel zu diesem „bildgebenden“ Diagnoseverfahren wollen die Wissenschaftler im Cluster „Translationale Onkologie“ an einem neuen therapeutischen Prinzip, der Schwerionenbestrahlung, arbeiten: Diese Strahlung lässt sich millimetergenau steuern und ist für das Gewebe viel schonender als konventionelle Röntgenbestrahlung.

Während die Behandlung schon ab 2007 am Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum eingesetzt werden soll, sind klinische Datenbanken, aus denen „bildgebende“ Moleküle abgerufen werden können, noch im Projektstadium. In dem onkologischen Exzellenz-Cluster wollen Grundlagenforscher – Molekularbiologen und Strahlenphysiker – gemeinsam mit Medizinern solche neuen Verfahren verknüpfen und sie schneller in die klinische Anwendung bringen.

RITUALE RETTEN

Auch kurzlebige, an Aktionen gebundene Ausdrucksformen von Kulturen gehören zum Menschheitserbe, erklärte die Unesco 1998. Solche Rituale und Praktiken, mündlich überlieferte Texte und visuelle Zeugnisse historischer und gegenwärtiger Kulturen sollen im Exzellenz-Netzwerk „Bild und Aktion“ erforscht werden. Seitdem Bilder simuliert und am Computer bearbeitet werden, ist weltweit ein rasanter Erkenntniswandel in Gang gesetzt worden. Die geisteswissenschaftliche Forschergruppe, die unter anderem mit Informatikern, Neuro- und Sozialwissenschaftlern zusammenarbeitet, will Material aus Süd- und Ostasien, vor allem in China und Indien, dem Mittelmeerraum und Europa analysieren und archivieren. Ziel der vergleichenden Studien ist es, bislang kaum erforschte Strategien des Kultur- und Wissenstransfers zu erschließen.

Die Quellen, mit denen die Forscher arbeiten, sind neben Schreib- und Druckmedien Bilder, Fotos, Plakate, Karten, Filme und Aufzeichnungen von Ritualen. Entstehen sollen ein Zentrum für Theorie und Praxis audiovisueller Medien und eine Arbeitsstelle, die die Sammlung international zugänglich macht.

MIT DUNKLER ENERGIE

Wer hat Recht, wenn es um die Zukunft des Universums geht: Der Nobelpreisträger Albert Einstein, mit dessen „kosmologischer Konstante“ die Wirkung der dunklen Energie bislang erklärt wurde? Oder Christof Wetterich, theoretischer Physiker an der Universität Heidelberg, der diese gleichförmig über das Universum verteilte Substanz als „Quintessenz“ mit zeitlich veränderlicher Energiedichte definiert?

Im Exzellenznetzwerk „Entstehung des Universums“, das Christof Wetterich in Zusammenarbeit mit den Heidelberger Max-Planck-Instituten für Astronomie und für Kernphysik und mit dem Zentrum für Astronomie konzipiert hat, soll in zwei zeitlichen Dimensionen geforscht werden: Was passierte ab der zehn hoch minus zwölften Sekunde nach dem Urknall? Und geht es im Universum auch in 20 Milliarden Jahren mit der Geburt neuer Sterne und Planeten so dynamisch weiter wie bisher?

Das können die Heidelberger Forscher erst vorhersagen, wenn sie herausfinden, was die dunkle Energie wirklich ist. Ihrem Wirken auf das Universum auf die Spur zu kommen, obwohl sie nicht „klumpt“ und daher keine Gravitationsanziehung auf Sterne oder Licht ausübt, ist eine Kernfrage des Clusters. Aber die Forscher wollen auch „kleinere Strukturen“ erkunden: Wie hat sich unsere Milchstraße gebildet?

Seit der Entdeckung von Planeten bei Sternen außerhalb unseres Sonnensystems ganz aktuell ist die Frage: Gibt es Bedingungen für intelligentes Leben auch an anderen Orten in den Weiten unseres Universums?

GUTES KLIMA FÜR DEN NACHWUCHS

Die Kultur der Nasca in Peru ging um 600 n. Chr. unter. Durch extreme Trockenheit wurde dem vom Ackerbau lebenden Volk, das am Rand der Atacama-Wüste siedelte, die Lebensgrundlage entzogen. Wie verletzlich sind Gesellschaften auch in der modernen Welt, wenn sie Klimaänderungen nicht mehr trotzen können? Heute bedroht der Anstieg des Meeresspiegels etwa die Küstenbewohner in Bangladesch. Welche Wechselwirkungen zwischen der menschlichen Tätigkeit und der Entwicklung der natürlichen Umwelt bestehen und wie der globale Wandel auf das Lebensumfeld der Menschen wirkt, sollen bis zu 150 Doktoranden an der Graduate School „Raumschiff Erde“ erforschen.

Geoökologie, Umweltphysik und Umweltökonomie sind nur drei der Gebiete, in denen die Nachwuchswissenschaftler ausgebildet werden sollen. Federführend sind die Geografen, Umweltphysiker und Geowissenschaftler, beteiligt sind Biologen, Chemiker, Mediziner, Archäologen, Wirtschaftswissenschaftler und Juristen – sowie Partnerunis in Europa, Kanada, Südamerika, Südafrika und China.

Bisher erschienen: Humboldt-Universität Berlin (27.6.), Freie Universität Berlin (4.7.), Technische Uni Berlin (11.7.), Ludwig-Maximilians-Uni München (26.7.).

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