Gesundheit : Heidelberg: Rabbiner für alle Gemeinden

Uwe Schlicht

Der 10. Mai ist an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg ein großer Tag. Endlich kann der Beginn der Rabbinerausbildung verkündet werden. Das Abraham Geiger Rabbinerseminar in Potsdam war den Heidelbergern zuvorgekommen. Im November 2000 wurde in Potsdam das erste Rabbinerseminar in Deutschland ins Leben gerufen - 58 Jahre nachdem von den Nationalsozialisten die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin geschlossen worden war.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland steht jedoch hinter dem Heidelberger Konzept. Die Hochschule für Jüdische Studien verweist darauf, dass sich das Rabbinerseminar in Potsdam "darauf beschränkt, Kandidaten für eine einzige Richtung im Judentum, nämlich die liberal-reformatorische, auszubilden". In Heidelberg dagegen werde den Kandidaten die Wahl gelassen, "sich für eine von drei Optionen zu entscheiden: eine liberale, eine konservative oder eine orthodoxe."

Grundlage für die künftige Rabbinerausbildung in Heidelberg ist die Einrichtung der Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur. Mit der Stiftungsprofessur wird zugleich ein Versäumnis aufgearbeitet, das der Landesrabbiner, Professor N. P. Levinson, mit den Worten umreißt: Die Hochschule für jüdische Studien "korrigiert ein Versäumnis, das seit vielen Jahren besteht: die Möglichkeit für jüdische Studenten, sich auf den Rabbinerberuf in diesem Lande vorzubereiten." Da der künftige Inhaber der Stiftungsprofessur noch nicht feststeht und die Heidelberger Hochschule auch noch keine Namen nennen will, wird der Start zur Rabbinerausbildung im kommenden Wintersemester zunächst von zwei Gastprofessuren getragen.

Dennoch wird bereits die "Etablierung" der Professur in Heidelberg als Festakt mit viel Prominenz begangen - der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, wird zugegen sein und in Vertretung des Bundeskanzlers kommt Innenminister Otto Schily. Den Festvortrag hält Professor Izhak Englard, Richter am Obersten Gerichtshof des Staates Israel.

Zweistufige Ausbildung

Wegen der Vielfalt in den Glaubensrichtungen sieht sich die Heidelberger Hochschule auf dem richtigen Weg. Denn die Mitglieder der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik "lassen sich nicht alle ein- und derselben Richtung im Judentum zuordnen, bleiben aber dem Konzept der Einheitsgemeinde verpflichtet und möchten Spaltungen in den Gemeinden vermeiden", heißt es in einer Veröffentlichung des Rektors der Heidelberger Hochschule, Professor Michael Graetz. Vor diesem Hintergrund ist die Heidelberger Rabbinerausbildung von vornherein zweistufig angelegt: In der ersten Phase studieren die künftigen Rabbiner an der Hochschule für Jüdische Studien vier bis fünf Semester Judaistik und müssen vor dem Eintritt in die zweite Phase eine Prüfung bestehen. Die zweite Phase findet danach im Ausland statt. Dort setzen die Kandidaten für die künftige Rabbinerposition in Übereinstimmung mit ihrer Gemeinde ihr Studium an einem Seminar bis zur "Smicha" fort - dem Rabbinerdiplom. Die Heidelberger Hochschule empfiehlt folgende Rabbinerseminare für die zweite Phase: Beth Morascha in Jerusalem, das Jewish Theological Seminary in Jerusalem und New York, die Jeshiva University in New York und das Leo Baeck-College in London oder das Hebrew Union College in Cincinatti (USA).

Die Stiftungsprofessur für die Rabbinerausbildung war vom Zentralrat der Juden im November 2000 beschlossen worden. Die Finanzierung für die ersten fünf Jahre wird durch die Alfried-Krupp-von-Bohlen und Halbach-Stiftung gesichert: Sie hat dafür 1,39 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Die 1979 gegründete Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg wird sonst überwiegend aus Geldern des Bundes und der Länder finanziert.

Der Name des Stiftungslehrstuhls erinnert an Ignatz Bubis, der sich bereits vor zwei Jahren im Zentralrat der Juden für eine Religionslehrerausbildung an der Heidelberger Hochschule eingesetzt hatte. Mit der Namensgebung soll der große persönliche Einsatz von Bubis für die Hochschule gewürdigt werden. Zugleich werde das Gedächtnis an einen Mann, der Zeit seines Lebens für die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden eingetreten ist, gefestigt, heißt es in der Erklärung der Hochschule.

Die Heidelberger Hochschule beschränkt sich nicht darauf, das Judentum allein auf die Religion zu reduzieren, sondern über jüdische Bibelauslegung hinaus werden der Talmud, die Hebräische Sprachwissenschaft und die Jüdische Geschichte, Kunst, Literatur und Philosophie gepflegt. Weil es an Dozenten mangelte, konnte bisher das Lehrangebot in mittelalterlicher Geschichte kaum berücksichtigt werden. Das soll nun durch den neuen Lehrstuhl nachgeholt werden. Im Mittelalter erlebten die Juden nicht nur Vertreibung und Vernichtung, sondern auch Perioden friedlicher gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung im Siedlungsgebiet der Gemeinden, das sich von Spanien über Nordfrankreich und Deutschland bis nach Polen erstreckte.

Für die fernere Zukunft denkt der Zentralrat der Juden daran, die Rabbinerausbildung umfassend ausschließlich in Deutschland anzubieten, weil die jüdische Gemeinschaft in Deutschland inzwischen 100 000 Mitglieder zählt. Schon jetzt engagiert sich die Jüdische Gemeinde für die Ausbildung von Religionslehrern für die Schulen: Die Ministerpräsidentenkonferenz hat einer zusätzlichen Professur für Regligionspädagogik an der Heidelberger Hochschule zugestimmt.

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