Gesundheit : Heilende Hände

Zu viel Sitzen und zu wenig Bewegung machen unseren Knochen und Muskeln zu schaffen – die manuelle Therapie verspricht Abhilfe

Paul Janositz

Ein stechender Schmerz fährt durch den Rücken. Wieder ein Hexenschuss. Jetzt bloß keine falsche Bewegung. Irgendwie zum Arzt, sich eine Spritze geben, Gymnastik verschreiben lassen. Gute Vorsätze fassen: mehr Bewegung, Fitness-Studio, kleine Übungen im Büro, um Nacken und Rücken zu entspannen. Doch der Eifer lässt schnell nach. Bis die Schmerzen wiederkommen.

Mit derlei Problemen ist der Hexenschuss-Geplagte nicht alleine. Jeder dritte Bundesbürger klagt über Probleme im Nacken- und Lendenbereich. Ein Teufelskreis beginnt. Wegen der Schmerzen kann man sich nicht richtig bewegen. Fehlt die Bewegung, werden Muskeln und Sehnen nicht trainiert.

Schließlich geht es nur noch darum, von der Qual befreit zu werden. Tabletten und Spritzen helfen aber nicht immer und nicht auf Dauer. Die Schulmedizin stößt an ihre Grenzen. Alternativmethoden haben Konjunktur, und das Angebot ist reichlich. Meist wird dabei Hand angelegt, mal sanft, mal kräftig:

Chiropraktik: Der Therapeut drückt auf die Problemzonen. Mit speziellen Handgriffen werden Gelenke bis an die Grenze ihrer Beweglichkeit oder ein wenig darüber hinaus gedreht. Dadurch sollen Blockaden überwunden werden.

Osteopathie: Im Zentrum dieser schon hundert Jahre alten Technik steht die Wirbelsäule. Der Osteopath versucht, Spannungen zu ertasten und sie durch Druck oder Dehnen zu beheben. Arme und Beine des Patienten werden oft als Hebel benutzt.

Rolfing: Der Therapeut drückt auf bestimmte Teile des Körpers, um das muskuläre Bindegewebe zu beeinflussen. Durch Fehlhaltungen kann dieses verkürzt oder verdickt sein. Das Bindegewebe entspannt sich, der Körper kommt ins Gleichgewicht.

Craniosakrale Methode: Die sanfte Behandlung konzentriert sich auf Kopf und Rücken. Leichter Druck soll die Rückenmarksflüssigkeit beeinflussen, um Blockaden aufzuheben und das Immunsystem anzuregen.

Alexander-Technik: Hierbei geht es um das Erlernen richtigen Aufstehens und Hinsetzens sowie um feine Körperbewegungen im Liegen. Der Therapeut lenkt durch Anweisungen und leichte Berührung.

Feldenkrais: Die Gymnastik kann einzeln oder in Gruppen praktiziert werden. Durch feine Bewegungen wird das Nervensystem zu Lernprozessen angeregt, ähnlich wie es bei Kindern der Fall ist, die spielerisch neue Bewegungsabläufe einüben.

Einem Patienten mit der Hand etwas Gutes tun, durch Berühren, Drücken oder Reiben, das gehört zu den ältesten Methoden des Heilens. Während der manuellen Behandlung stellt sich meist Entspannung ein. Hinterher fühlt sich der Patient beweglicher und freier, etwa beim Atmen. Unklar bleibt jedoch meist, ob die Besserung tatsächlich auf das Wirkprinzip zurückgeht oder ob sie nicht Folge der Zuwendung durch den Therapeuten ist. Dann wäre es ziemlich gleichgültig, welche Methode ausgewählt wird.

Wie wirksam die alternativen Methoden insgesamt sind, weiß man noch nicht. „Es gibt zu wenig wissenschaftlich fundierte Untersuchungen“, sagt Edzard Ernst, Experte für Alternativmedizin an der britischen Universität Exeter. „Nur eine Hand voll Studien“ hätten sich etwa mit der Feldenkrais-Gymnastik beschäftigt. „Das bedeutet nicht, dass die Methode unwirksam ist“, sagt Ernst. Dasselbe gelte für Rolfing, wobei Ernst hier auf – wenn auch sehr seltene – Risiken für Patienten mit porösen Knochen hinweist. Fast völlig unerforscht sei auch die Craniosacral-Methode, die Ernst zudem „unplausibel“ erscheint.

Gute Schlüsse zieht der Experte dagegen aus den „sehr wenig Studien“, die sich mit der Alexander-Technik beschäftigen. Bei „nicht zu gravierenden Beschwerden am Bewegungsapparat“ gelinge eine Korrektur der Haltung ganz gut. Noch besser ist die Datengrundlage bei der Osteopathie, bei der – so Ernst – an die 100 Studien „gute Hinweise“ auf die Wirksamkeit bei Rückenschmerzen geben.

Die Beseitigung von Schmerzen stellt die Nagelprobe für effektive Therapien dar. Letztere werden dadurch erschwert, dass es keinen klaren Zusammenhang zwischen Symptomen und Schmerzen gibt. Patienten, bei denen Röntgenbild oder Magnetresonanz-Aufnahmen völlig deformierte Bandscheiben zeigen, haben manchmal keine Beschwerden. Andere wiederum, bei denen kaum oder kein Verschleiß zu erkennen ist, können vor Schmerz kaum gehen.

Das könnte an der Psyche liegen. Stress kombiniert mit Depressionen und Ängsten, könnte für die Schmerzen mit verantwortlich sein, sagt Helmut Albrecht, Chef der Psychosomatischen Orthopädie des Berliner Behringkrankenhauses. „Bei vier von fünf Patienten finden wir keine körperliche Ursachen“, – so die Bilanz. Ärzte seien oft zu sehr auf Laborwerte und Röntgenbilder fixiert und berücksichtigten zu wenig die Lebenssituation der Patienten. Deshalb haben seiner Meinung nach alternative Methoden ihren Platz in der Behandlung von Rückenschmerzen, und einiges wird in seiner Klinik auch angeboten.

Auch Carsten Perka, Chef der Orthopädie am „Zentrum für Muskuloskeletale Chirurgie“ der Charité am Campus Virchow, schreibt den alternativen Techniken eine nützliche Funktion zu. Wenn es darum gehe, die Muskulatur zu stärken. Denn die „tiefe Rückenmuskulatur“ gibt der Wirbelsäule den richtigen Halt. Auch Perka sieht in vielen Fällen keinen Zusammenhang zwischen den durch bildgebende Verfahren aufgezeigten Schäden und den tatsächlich empfundenen Schmerzen. Wenn allerdings bereits „neurologische Ausfälle“ wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen zu bemerken seien, komme man um Operationen, etwa um einen Bandscheibenvorfall zu beseitigen, nicht herum.

In schweren Fällen müssten bestimmte Wirbel mit Metallschrauben und -stangen versteift werden. Letztlich sei beim Kriterium Schmerzbeseitigung die Erfolgsquote nur schwer zu messen, betont Perka. Für den Hexenschussgeplagten ist der Erfolg eindeutig: endlich wieder ohne Schmerzen aufrecht gehen können. Manuelle Therapien können dabei helfen, dass dies auf Dauer so bleibt.

Die nächste Folge zum Thema Chinesische Medizin erscheint am Dienstag, dem 9. März.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben