Gesundheit : Heiligabend im Dienst

Viele Berliner sind zu Weihnachten für andere da. Viele verzichten dafür sogar auf das Fest mit der eigenen Familie. Notärzte, Hebammen, Altenpfleger, Feuerwehrleute, Apotheker – wir stellen einige der Helfer vor, die heute arbeiten müssen

Daniela Martens

ALTENPFLEGERIN ILONA NADGE, 51, FEIERT MIT DEN MENSCHEN IM PFLEGEHEIM

Wie oft sie schon Weihnachten im Dienst war, kann Ilona Nadge nicht mehr zählen. Sie leitet einen Wohnbereich im Vitanas Seniorenzentrum Birkenhof in Spandau. Die Feiertage sind eine schwere Zeit für die Bewohner und damit auch für das Personal. „Viele sind ganz allein, und das wird ihnen gerade jetzt bewusst. In der Weihnachtszeit kommen die Erinnerungen, sie sind traurig und in sich gekehrt.“ Damit sie am Heiligabend auf fröhlichere Gedanken kommen, organisiert Nadge eine schöne Feier. Am Nachmittag werden Lieder gesungen, Geschichten erzählt, und jeder bekommt ein kleines Geschenk, viele sagen zum Dank ein Gedicht auf. „Das ist immer sehr emotional.“ Eigentlich ist die Wohnbereichsleiterin Heiligabend nur von 5.45 Uhr bis 14 Uhr im Dienst, aber sie bleibt noch bis zur Weihnachtsfeier. Und auch danach, wenn sie ihre beiden Enkel beschert, ist sie „mit dem Kopf doch immer im Heim“. Ganz abschalten kann sie selten. Ihre Familie hat das im Lauf der Zeit akzeptiert.

ANINA DIEBOLD, 25, GIBT

WEIHNACHTSBABYS GEBURTSHILFE

Für Hebamme Anina Diebold vom Geburtshaus Friedrichshain ist Heiligabend das Handy der wichtigste Gegenstand: Es muss immer in der Nähe und aufgeladen sein. Elf Frauen hüten unterdessen Anina Diebolds Telefonnummer wie einen Schatz. Alle elf sind hochschwanger, so dass ihr Kind Weihnachten, vielleicht auch erst Silvester geboren werden könnte. Die Hebamme wird mit der Familie ihres Freundes in Grünheide feiern – 36 Kilometer vom Geburtshaus entfernt. „Ich brauche ziemlich genau 35 Minuten, wenn der Verkehr mitspielt.“ Vielleicht muss sie gar nicht arbeiten, vielleicht das ganze Fest durchgehend: Die längste Geburt, die sie erlebt hat, dauerte 36 Stunden. Nicht nur sie hofft, dass die Kinder erst später auf die Welt kommen. „Für die meisten Eltern ist Weihnachten nicht der Wunschgeburtstagstermin für ihr Kind.“ Das ist dann gar kein besonderer Tag, denn es wird ja sowieso schon gefeiert. Anina Diebold ist ein „Frischling“, wie sie sagt, erst seit einem Dreivierteljahr Hebamme. Es ist also auch ihr erstes Weihnachtsfest als Geburtshelferin. Sie selbst ist auch zur Weihnachtszeit geboren, aber sie hat anstandshalber bis zum 30. Dezember gewartet.

RETTUNGSASSISTENT SVEN GERLING, 33,

WIRD AM HEILIGABEND ZU UNFÄLLEN

ALLER ART GERUFEN

Für Brandmeister Sven Gerling ist die Heilige Nacht nicht die stillste des Jahres, sondern voller Sirenenlärm. Und ein Arbeitstag wie jeder andere. Der Rettungsassistent von der Feuerwache Neukölln arbeitet seit 1992 im Schichtdienst und hat oft die ganze Nacht hindurch Dienst. So wie heute: zwölf Stunden, bis sieben Uhr morgens am ersten Weihnachtsfeiertag. Gerling war schon oft Weihnachten im Einsatz. „Man kann ja schließlich an Feiertagen nicht zu den Leuten sagen: Halten Sie doch das Feuer geschürt, wir kommen dann in zwei Tagen, nach der Bescherung und dem Gänsebraten.“ Seine Einsätze werden so sein wie sonst auch: Herzinfarkte, Asthmaanfälle. Manchmal rufen Weihnachten aber auch Leute einen Krankenwagen, die sich „überfressen“ und jetzt Magenschmerzen haben. Oder Patienten, die schon seit 14 Tagen erkältet sind. „Solche Einsätze, für die wir eigentlich nicht zuständig sind, kommen leider immer wieder vor“, sagt Gerling und klingt dabei etwas resigniert. Harmlos seien zum Glück auch die meisten Autounfälle, die in Berlin an den Feiertagen passieren – zumindest im Vergleich mit dem Umland. „Ansonsten aber ist die Not, die wir erleben, groß.“ Nach seinen Einsätzen bedeutet es ihm gerade zu Weihnachten viel, nach Hause zu seiner Familie zu kommen. Seine Tochter ist zweieinhalb Jahre alt und sagt schon mal: „Papa soll nicht arbeiten gehen.“ Beschert wird schon um drei, bevor er seinen Dienst antritt. Von Kollegen hat er gehört, dass größere Kinder ihren Vätern ihr Taschengeld angeboten hätten, damit sie Weihnachten zu Hause bleiben.

ANNE SPEDA, 29, IST FÜR ALLE DA,

DIE AN DEN WEIHNACHTSFEIERTAGEN

ZAHNSCHMERZEN BEKOMMEN

„Die meisten Leute merken erst, dass sie Zahnschmerzen haben, wenn sie sich auf dem Sofa entspannen“, sagt Anne Speda. Deshalb wird sie heute eine Menge zu tun haben. Die Zahnärztin hat zum ersten Mal Heiligabend Notdienst in der Praxis „Ku64-Weissensee“. Sie erwartet Patienten, die beim Kaffeeklatsch auf eine Mandel im Kuchen gebissen haben. Kinder, die ein Fahrrad geschenkt bekommen haben und bei der Probefahrt gleich einen kleinen Unfall hatten. Aber auch Leute, die schon seit Wochen unter Zahnschmerzen leiden. Die Notdienste werden den Praxen von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung zugelost. Innerhalb der Praxis meldete sich Anne Speda freiwillig. „Dann esse ich eben erst später Gänsebraten.“ Bis 20 Uhr geht ihr Dienst, dann feiert sie mit ihrer Mutter, die volles Verständnis für die Verspätung hat. Sie ist auch Zahnärztin.

APOTHEKERIN HANNELORE CEBULLA, 50, VERKAUFT HEUTE NEBEN ANTIBIOTIKA AUCH SCHWANGERSCHAFTSTESTS

Hannelore Cebulla, Mitinhaberin der St.- Hubertus-Apotheke in Schöneberg, wird die ganze Heilige Nacht dort verbringen und das erst zum zweiten Mal, obwohl sie schon seit 20 Jahren dort arbeitet. Sie wird sich ab und zu ein bisschen hinlegen im Hinterzimmer. Aber schlafen kann sie dort nicht richtig. Denn etwa einmal pro Stunde wird es an der Tür klingeln. „Bis 23 Uhr kommen die wirklichen Notfälle“, sagt sie. Kunden, die ein Antibiotikum brauchen oder Nasentropfen für ihre Kinder. „Wer nachts um zwei einen richtigen Notfall hat, geht gleich in die Notaufnahme.“ Die meisten spätnächtlichen Kunden verlangten Schwangerschaftstests, Taschentücher und Binden. Während sie davon erzählt, wird ihre Stimme immer ungehaltener. „Die Leute denken einfach nicht darüber nach“, sagt sie. Bevor sie ihren Nachtdienst antritt, feiert sie am Nachmittag mit der ganzen Familie: Oma, Opa, Tanten, Onkel und die großen Kinder. Der Rest des Weihnachtsfestes findet zwei Tage später statt.

KRANKENSCHWESTER ANGELA JELEN, 44, KÜMMERT SICH UM DIE

KINDER IM HELIOS-KLINIKUM BUCH

Angela Jelen ist Krankenschwester in der Kinderchirurgie und hat heute Dienst. Dazu gehört die Bescherung für alle kleinen Patienten, denen es nicht gut genug geht, um nach Hause geschickt zu werden. Oft kommen am Heiligabend noch neue hinzu: mit Blinddarmentzündung, Arm- oder Beinbruch. Angela Jelen packt für jedes Kind ein Geschenk ein. Die Pakete verteilt um 16 Uhr der Weihnachtsmann. (Vorher ist er in der Kinderklinik der Charité: siehe Foto.)

Letztes Jahr wollte ein Junge unbedingt herausfinden, was es mit dem Weihnachtsmann auf sich hat. „Aber wir haben nichts verraten“, sagt sie lachend. Die meisten feiern mit ihren Eltern auf der Station. Manche Familien wollen lieber unter sich sein. Dann organisiert Jelen einen Raum fürs Gänsebratenessen. Seit 25 Jahren ist sie Krankenschwester. Heute arbeitet sie bis 19 Uhr. Wenn sie nach Hause kommt, wird weitergefeiert – mit ihren eigenen Kindern.

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