Gesundheit : Heilige Schrift der Jäger und Sammler

Tierreliefs als kultische Symbole: In Göbekli Tepe könnte die Wiege des modernen Menschen liegen

Matthias Glaubrecht

Mit der Landwirtschaft schuf der Mensch am Ende der letzten Eiszeit die Grundlage unserer modernen Zivilisation. Er wurde, was wir heute sind – ein Stadt- und Kulturwesen. Dass einst aus umherstreifenden Jägern und Sammlern sesshafte Bauern wurden, galt als wirkungsmächtiger Motor für die jüngste Entwicklung des Menschen. So zumindest das bisherige Credo der Altertumswissenschaft. Der Zeitpunkt für die Sesshaftwerdung des Homo sapiens: vor nicht einmal 10 000 Jahren. Der Ort: Catal Hüyük in der Zentraltürkei nahe Konya. In den 1960er Jahren haben Archäologen dort eine der frühesten zivilisatorischen Stätte ausgegraben, nachdem der amerikanische Archäologe James Mellaart 1958 die ersten Funde entdeckte.

Umgeben von damals feucht-fruchtbaren Niederungen sollen rund 7500 Jahre vor Christi Geburt nomadisierende Jäger- und Sammlergruppen begonnen haben, wilde Pflanzen anzubauen, junge Wildtiere zu zähmen, sesshaft zu werden und die ersten Siedlungen zu bauen.

Ausgrabungen und Zeugnisse einer noch älteren, eigentümlichen Baukunst von einstigen Steinzeitmenschen, die seit einigen Jahren ebenfalls in der heutigen Türkei vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin gemacht werden, könnten unsere Vorstellungen über den Ursprung von Kultur, Kunst und Kommunen umkrempeln. Am Berg Göbekli Tepe, einem unscheinbaren Hügel in der Nähe des Ortes Sanliurfa und unweit des Euphrat-Oberlaufs in Südostanatolien an der Grenze zu Syrien, meint der Ur- und Frühgeschichtler Klaus Schmidt den Ursprungsort der menschlichen Zivilisation entdeckt zu haben. Er interpretiert Göbekli Tepe, was so viel wie „Berg mit Nabel“ bedeutet, als eine auf 11 600 Jahre datierte Tempelanlage, die von Angehörigen steinzeitlicher Jäger und Sammlerinnen angelegt wurde. In seinem unlängst im Beck-Verlag erschienenen Buch „Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger“ beschreibt Schmidt eine archäologische Sensation. Alles deutet darauf hin, dass nicht nur der Beginn der Zivilisationsgeschichte weiter zurückverlegt werden muss.

Zugleich entwickelt der Frühgeschichtler die These, dass eine bisher noch rätselhafte Religiosität die Menschen der Jungsteinzeit die ersten Tempelanlagen bauen ließ. Aus gewaltigen Steinen formten sie T-förmige Stelen und Zeugnisse in Menschengestalt, manche sieben Meter hoch und 50 Tonnen schwer. Sie errichteten hochgemauerte Anlagen mit Zierreliefs, kreisförmige Bauwerke mit einem Durchmesser von bis zu 20 Metern. Immerhin 39 Monolithe hat Schmidt bisher am „Nabelberg“ entdeckt, geomagnetische Daten lassen 200 erwarten. Der Prähistoriker schätzt, dass etwa 500 Leute zusammenarbeiten mussten, um solche Anlagen zu errichten.

Auf bis zu drei Meter hohen Säulen stehen Kalksteinskulpturen von Löwen, Füchsen, Ebern mit mächtigen Stoßzähnen, Schlangen, Enten und krummschnäbeligen Geiern. Diese früheste Kunst am Bau, 6000 Jahre älter als die Pyramiden, ist das ebenso stumme wie Ehrfurcht gebietende Monument eines urtümlichen Totenkults, so Schmidts These. Der Kultplatz Göbekli Tepe könnte tatsächlich an jenem Schnittpunkt stehen, an dem eine jägerische Gesellschaft in eine ackerbauliche Sozialstruktur übergeht.

Einst war dieser Nabelberg der Nabel einer neolithischen Welt. Damals streiften die Erbauer der Monumente offenbar noch als Jäger und Sammlerinnen durch die Lande und hatten noch nicht entdeckt, wie sich Ton zu Gefäßen brennen und damit Keramik herstellen lässt. Siedlungsreste wie in Catal Hüyük wurden bisher hier nicht gefunden. Die Menschen haben am Tepe nicht gewohnt, sondern den Hügel kultisch genutzt. Um Architektur zu schaffen, waren nicht unbedingt sesshafte Bauern notwendig. Über das Land verstreute Familiengruppen könnten sich zeitweise zusammengetan haben.

Erst ihre Riten könnten dann zu Ackerbau und Viehzucht geführt haben. Möglicherweise begannen die für Bau und Kult am Nabelberg zusammenkommenden Menschen Getreide anzupflanzen, weil das Wild der Umgebung allein nicht ausreichte, um die um ihre Heiligtümer versammelten Sippen zu ernähren.

Doch so sehr Göbekli Tepe als ein überregionales Kultzentrum erscheinen mag: Welche Art von Religion die einstigen Erbauer und Bewohner besaßen, welche religiösen Rituale sie betrieben, bleibt rätselhaft. Waren die Tierdarstellungen einst eine Art Totem und hatte vielleicht jeder Clan solch ein Wappentier, mit dem er sich an dieser Kultstätte verewigte? Klaus Schmidt jedenfalls ist überzeugt, dass die Menschen damals bereits Transzendentales gedacht und mit künstlerischem Anspruch auszudrücken versucht haben. Sie wollten sich anderen mitteilen. Erst bei der letzten Grabungskampagne entdeckten die Forscher um Klaus Schmidt auf den Tempelpfeilern geometrische Formen und die Tierreliefs.

Nicht selten finden sich solche Piktogramme auf den Stelen hintereinander geschaltet. Für Klaus Schmidt sind sie mehr als reine Dekoration; vielmehr kultische Symbole und heilige Schriftzeichen aus einer untergegangenen Welt, Bekenntnisse aus einer uns mysteriösen Zeit – gleichsam „neolithische Hieroglyphen“. Damit, so ist der Prähistoriker überzeugt, existierte am Nabelberg einst das älteste Nachrichtensystem der Menschheit.

Mit dieser Interpretation provoziert Schmidt seine Zunft. Denn bisher galt als gewiss, dass die Schrift erst 4000 Jahre vor Christi im Zweistromland entstand, als die Sumerer begannen, mittels Keilschrift auf gebrannten Tontafeln eine Art Lagerhaltung zu dokumentieren. Die Piktogramme vom Göbekli Tepe deuten nun an, dass nicht die Buchhaltung von Wirtschaftsgütern, sondern religiöse Botschaften den Menschen zum Schreiben brachten.

Auch wenn rätselhaft bleibt, wie der Jägerkult den Menschen zum Ackerbau führte: Offenbar war den Erbauern des Göbekli Tepe dieser Kult so wichtig, dass sie einen grundlegenden Wandel ihrer gesamten Lebensorganisation in Kauf nahmen. Demnach hätten tatsächlich Religion und Ritual vor knapp 12 000 Jahren im Südosten Anatoliens einen Prozess eingeleitet, der unsere Ahnen nicht mehr allein von Beeren und Bären leben ließ, sondern sie schließlich sesshaft und zu dem machte, was wir heute sind.

Die Geschichte des geheimnisvollen Kultplatzes endet abrupt zu einer Zeit, als die von Catal Hüyük gerade erst beginnt. Zweifelsohne boten die fruchtbaren Böden dort vor 9500 Jahren bessere Bedingungen als der karge Südosten Anatoliens, wo schließlich die ersten Ackerbauern jene Zeugnisse einer kulttreibenden Jägergemeinschaft unter Schutt und Erde begruben. Offenbar waren die einstigen Tempel am Nabelberg plötzlich tabu, die religiöse Welt hatte sich gewandelt und die Menschen entwickelten anderswo neue Kulte und Kulturen.

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